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SOMMERSERIE: Mit Blaulicht durch die Nacht

Sie rücken aus, wenn es den anderen schlecht geht: die Rettungssanitäter des Rettungsdienstes des Kantons Zug. Viele Einsätze sind Routine, trotzdem kann es nachts auch mal unheimlich werden.
Zoe Gwerder
Der Rettungsdienst Zug bei der Arbeit. (Bild: Werner Schelbert ( Zug, 5. Juli 2017))

Der Rettungsdienst Zug bei der Arbeit. (Bild: Werner Schelbert ( Zug, 5. Juli 2017))

Zoe Gwerder

zoe.gwerder@zugerzeitung.ch

Nachts sind alle Katzen grau – und alle Quartierstrassen sehen gleich aus. So jedenfalls scheint es, wenn man mit Blaulicht mit dem Rettungsdienst unterwegs ist. Doch glücklicherweise ist dieser ausgerüstet. Mit einem Navigationssystem und einem Hängeregister zwischen beiden Sitzen, in welchem auf zig Karten jede Hausnummer zu finden ist. «Oft ist es aber schwierig, die Nummern an den Häusern zu lesen», sagt Camilla Zopfi. Die 31-Jährige hat in den letzten drei Jahren ihre Ausbildung beim Rettungsdienst Zug gemacht und ist nun seit einigen Monaten als diplomierte Rettungssanitäterin im Einsatz. In dieser schwülheissen Sommernacht ist die Glarnerin gemeinsam mit Diego Ruppen ein Team. Der 45-jährige Familienvater ist seit 12 Jahren beim Rettungsdienst Zug und hat auch schon unheimliche Situationen erlebt. «Wenn man nachts in eine dunkle Wohnung muss, um jemandem zu helfen, kann das schon ein mulmiges Gefühl auslösen.» Etwas, das auch in dieser Nacht das Team Diego und Camilla beschäftigen wird – eine Nacht mit sechs Einsätzen, von denen nur eine ohne Blaulicht abläuft.

Eine Nacht – das bedeutet beim Rettungsdienst Zug (RDZ) eine Schicht zwischen 17.30 und 7.30 Uhr. Für maximal vier solche Schichten nacheinander können die Rettungssanitäter eingeteilt werden. «Vier Schichten am Stück sind dann schon hart», erzählt Camilla Zopfi. Insbesondere die dritte und die vierte Nacht hätten es in sich.

Diese Nacht – für sie die erste und für ihn die vierte in Folge – beginnt noch ruhig. In solchen Zeiten übernehmen die RDZ-Mitarbeiter administrative Aufgaben. Camilla Zopfi ist für die Weiterbildung des Teams zuständig, Diego Ruppen hat den Fahrzeugpark unter sich und kümmert sich um die Ausbildung der vier angehenden Rettungssanitäter des RDZ.

«Man weiss nie, was einen erwartet»

Bei Gelegenheit darf aber auch ein Nachtessen nicht fehlen. Auch das zweite Team dieser Nacht ist inzwischen zurück von einem ersten Einsatz. Der Gasgrill wird angeheizt und das Essen vorbereitet – doch das geplante Cervelat-Mahl bleibt kalt: Der Pager schrillt, der Grill wird wieder ausgemacht, und ein Team nach dem andern wird aufgeboten. Camilla Zopfi und Diego Ruppen machen sich ohne Sirene oder Blaulicht auf den Weg in Richtung Rotkreuz. Von einem psychischen Notfall ist die Rede. Es tönt, als seien Aggressionen im Spiel. Vor Ort treffen die beiden aber auf eine ganz andere Situation, als sie es sich vorgestellt haben. Eine junge Frau ist in der Öffentlichkeit zusammengebrochen. «Man weiss nie, was einen erwartet», sagt Camilla Zopfi. «Das ist das, was mich an diesem Beruf fasziniert: Jeder Fall ist eine neue Herausforderung.»

Nach dem Auftakt in den Einsatzabend werden, wie nach jedem Einsatz, die verwendeten Rettungsgeräte wieder gereinigt und das Verbrauchsmaterial im Rettungswagen aufgefüllt. Auch das zweite Team ist zurück, und die ruhigen Pager lassen nun Zeit für die Essenspause. Die liegen gelassenen Speisen kommen in die Mikrowelle oder werden kalt genossen. Und für eine kurze Zeit können sich die Rettungssanitäter entspannen oder ihren Aufgaben nachgehen.

Eine Stunde später ist es aber endgültig vorbei mit der Ruhe. Die erste Blaulichtfahrt des Abends steht an. Camilla Zopfi und Diego Ruppen sind angespannt. Während sie am Steuer sitzt und das Gefährt an den ausweichenden Fahrzeugen vorbeimanövriert, kommt die Meldung, dass die Polizei vor Ort ist und nicht bekannt ist, was die beiden erwartet. Im Quartier angekommen, erklärt der anwesende Polizist, dass Nachbarn gemeldet hätten, dass sie befürchten, einer betagten Frau im Haus sei etwas in ihrer Wohnung zugestossen. Die Wohnung lässt sich nicht öffnen, weshalb auch der Schlüsseldienst anwesend ist. Unter lautem Getöse bohrt er das Zylinderschloss auf. Dann gehen die beiden RDZ-Mitarbeiter gemeinsam mit der Polizei in die Räume. «Sobald der Rettungsdienst bei einem Alarm auf geschlossene Türen trifft, muss normalerweise die Polizei anwesend sein und die gewaltsame Öffnung der Türe überwachen. In einem solchen Fall sind wir immer froh, dass die Polizei vor Ort ist», sagt Diego Ruppen. «Ich habe auch schon erlebt, dass wir zu jemandem ausrücken und dann in einer völlig dunkeln Wohnung stehen. Wenn zusätzlich alle Zimmertüren geschlossen sind und man von Tür zu Tür gehen muss, um die Person zu finden, hat man schon ein sehr mulmiges Gefühl. Wir wissen ja nie, ob wir die hilfsbedürftige Person überhaupt noch lebend antreffen. Und Haustiere können für Überraschungen sorgen.» In dieser Nacht finden sie in der Wohnung aber niemanden. Die Frau ist offenbar gar nicht zu Hause – ein falscher Alarm.

Doch eine kurze Pause liegt nicht drin. Der nächste Notruf ist bereits eingegangen, und die beiden sind mit Blaulicht unterwegs. Ein Mann ist zu Hause gestürzt. Viel Blut erwartet die Rettungssanitäter und eine betroffene Angehörige, die froh ist, dass ihrem Mann nun geholfen wird. «In der Nacht zeigen sich die, die unsere Hilfe benötigen, oft besonders dankbar», erzählt Diego Ruppen. «Manchmal haben sie aber auch ein schlechtes Gewissen, dass sie uns in der Nacht rufen», ergänzt Camilla Zopfi. «Aber für das sind wir ja da.»

«Am schlimmsten ist es, wenn im Tiefschlaf der Pager losgeht.»

Gegen 2 Uhr morgens kehrt langsam Ruhe ein. Beide Teams sind von ihren Einsätzen zurück im Hauptquartier des RDZ auf dem Areal der Zugerland Verkehrsbetriebe. Noch etwas aufgeputscht von den vergangenen Einsätzen sitzen die vier Rettungssanitäter noch kurz zusammen und, entsprechend der noch schwülwarmen Temperaturen, werden Glacés aus dem Kühler geholt. Nun haben die Rettungssanitäter die Möglichkeit, sich in einem der Dienstzimmer hinzulegen. Jeder hat seine eigene Theorie, ob er nun schon schlafen sollte. Denn über allem schwebt die Frage: Wann kommt der nächste Notruf? «Am schlimmsten ist es, wenn man gerade in den Tiefschlaf gefallen ist und dann der Pager losgeht», erzählt Camilla Zopfi. Das Bedürfnis nach Schlaf obsiegt aber heute Nacht, und einer nach dem anderen zieht sich langsam zurück. Doch mit Schlafen ist nichts. Camilla Zopfi und Diego Ruppen sind noch nicht ganz eingedöst, als der Pager um 4 Uhr morgens wieder schrillt. «Normalerweise geht es um diese Zeit wieder los, wenn die Leute erwachen und es ihnen noch immer nicht besser geht», erklärt Diego Ruppen. Anstatt sich nun in ihrem Dienstbett auszuruhen, geht’s zu einem weiteren Einsatz. Nach ihrer Rückkehr anderthalb Stunden später ist für beide klar, dass sie sich nun nicht mehr in der Zentrale hinlegen werden. «Ich schlafe lieber zu Hause», meint Camilla Zopfi. Bis sie sich aber auf den Nachhauseweg machen kann, müssen sie und ihr Kollege noch bis zum Ende der Schicht, um 7.30 Uhr, durchhalten. Da bleibt noch Zeit für die beiden, die Nacht mit einem Kaffee gemeinsam abzuschliessen.

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