SOMMERSERIE: Rein oder nicht rein, das ist hier die Frage

Das «Why Not» ist ein legendäres Lokal in Zug. Seit der Eröffnung sind 25 Jahre vergangen, Werni und Märtel stehen seit eh und je hinter dem Tresen. Gespräche mit ihnen offenbaren: Die Brüder haben ein Privatleben – und sogar einen Nachnamen.

Raphael Biermayr
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Wie Asterix und Obelix: die Pächter Werni (rechts) und Märtel im «Why Not». (Bild: Werner Schelbert (Zug, 28. Juli 2017))

Wie Asterix und Obelix: die Pächter Werni (rechts) und Märtel im «Why Not». (Bild: Werner Schelbert (Zug, 28. Juli 2017))

Raphael Biermayr

raphael.biermayr@zugerzeitung.ch

Für jemanden, der 29 Jahre lang fast jeden Tag im Nachtleben zugebracht hat, hat sich Werni gut gehalten. Darauf angesprochen, lacht der 58-Jährige hinter dem Tresen sein helles, heiseres Lachen. Werni ist der Bruder von Märtel (56). Die beiden sind wie Asterix und Obelix: der Kleinere impulsiv, der Grössere gemütlich – ungleich, aber unzertrennlich. Sie geben dem Schicksal in der Stadt Zug seit einem Vierteljahrhundert ein Gesicht: als Pächter des «Why Not» an der Neugasse 6.

Der gelernte Koch Werni war zuvor während vier Jahren als Gerant, wie der Geschäftsführer in der Gastronomie einst charmant bezeichnet wurde, im «Londoner» an der Kirchenstrasse tätig. Märtel hatte nach seinem früheren Beruf als Käser am Abend im Lokal ausgeholfen, bevor er ganz einstieg. Den Nachnamen der Brüder, die in Meiers­kappel aufgewachsen und schon lange in Zug wohnhaft sind, kennt kaum jemand. Warum auch? Im «Why Not» zählen weder Name noch Alter noch Beruf noch Aussehen noch Geschichte noch Zukunft. Es zählt, dass man seine Getränke bezahlen kann und dass man es sich mit Werni und Märtel nicht verscherzt.

Diese Spielregeln kennen die fünf Männer im Alter von schätzungsweise 40 bis 60, die kurz nach Feierabend um die Bar sitzen, längst. Einer schaut auf einen TV-Bildschirm, einer löst ein Kreuzworträtsel, einer kriegt ungefragt seine Stange mit Eis vorgesetzt, alle rauchen, keiner spricht vorderhand. Es ist diese besondere Art von warmer Gleichgültigkeit, die diesen Ort ausmacht: Niemand braucht sich zu erklären oder krampfhaft ein Gespräch zu beginnen. Und wenn jemand Lust hat zu reden, wendet er sich an Werni oder Märtel. Fällt das richtige Stichwort, wird von überall an der Bar in die Diskussion eingestimmt, was hier nicht als unhöflich abgetan wird. «Ihn dort», sagt Werni und zeigt auf den Gast, der ganz rechts sitzt und an seiner E-Zigarette zieht, «ihn kenne ich noch als kleinen Bub. Er war schon im ‹Londoner› bei uns. Seine Mutter hat ihn jeweils zum Essen abgeholt.» Und was sagt der Gast: Wie haben sich Werni und Märtel verändert in all den Jahren? «Die kann man nicht ändern.»

Auf einen Joint mit Polo Hofer

Zwei Tage zuvor, kurz vor Mitternacht, sind zwei dieser Männer auch schon an dieser Bar gesessen. Und eine etwa 60-jährige Frau. Sie kommt mit einem jüngeren Berner ins Gespräch. Hier offenbart sich Wernis Lieblingserkenntnis tatsächlich: «Jung und Alt kommen hier miteinander aus – das gibt es sonst auf der ganzen Welt nirgends!» Erwähnter Berner gedenkt gerade Polo Hofer, indem er den Troubadour via Musikcomputer ins «Why Not» bestellt. «Polo war schon mal hier!», ruft Werni. Ja, klar ... «Sicher scho!», insistiert der Wirt. «Er kam nach einem Konzert im ‹Nelson›. Hier stand er und zündete sich einen Joint an. Da bin ich zu ihm hin und sagte: ‹Hallo, ich bin der Werni, und Kiffen ist hier nicht erlaubt.› Er sagte: ‹Scho guet›, ging raus rauchen und kam nachher wieder rein.» Mit Roger Hodgson, einem Gründungsmitglied von Supertramp, sei auch schon eine Grösse der internationalen Musikgeschichte hier gewesen. Handfeste Belege dafür gibt es nicht. Dieser Ort ist offenkundig sowohl gegen den Polaroid-Hype als auch gegen die Selfiekultur immun. Und Jahreszahlen sind hier sowieso bedeutungslos.

Viele Zuger verbinden Geschichten mit dem «Why Not». Wie der EVZ-Fan, der am frühen Abend nach dem Spiel ins Lokal zurückkehrte, um seinen vergessenen Fanartikel zu holen. Er sah weder Märtel noch Werni noch sonst einen hinter der Bar. Nur einen Gast, der trotz der frühen Stunde schon auf dem Tresen schlief. Bei näherer Betrachtung stellte sich heraus: Es war kein Gast – es war Werni. Oder die vielen Erzählungen von verschlossenen WC-Türen, hinter denen sich Eindeutiges tat. Von himmelblauen Versprechungen in einer der düsteren Sofaecken und von der Frage nach dem «Warum» am nächsten Tag. Von einzigartigen Drinks wie dem geheim zusammengestellten «Toten Chinesen». Und von Momenten des im Überfluss überflossenen Magens, nach denen einer der Pächter mit Wischmopp und Eimer anrückte. «Das Aufwischen gehört zum Service, wenn man Alkohol ausschenkt», sagt Werni trocken.

Als die Brüder 1992 das damalige «6i» übernahmen, war es nicht nur wegen des vorigen Jahrhunderts eine andere Zeit. Die Öffnungszeiten seien kaum kontrolliert worden, die Abgabe von Alkohol an zu junge Konsumenten gar nie. Und mit den Nachbarn in der Neugasse habe es nie Probleme gegeben. «Ach was!», unterbricht Märtel seinen Bruder, «am Anfang gab es schon ‹Lämpe›. Aber das hat sich mit den Jahren erledigt.» Zweimal wurde die grosse Scheibe neben dem Vordereingang eingeschlagen. Von Herausgeworfenen vielleicht, die sich nicht mehr spürten, oder Abgewiesenen, die sich spüren wollten. Aus dem «Why Not» verstossen zu werden, ist eine Kunst. «Eine freche Schnauze haben, Gäste anpöbeln oder dealen», zählt Werni Gründe für einen Rauswurf auf. In einem anderen Fall sei eine Mutter mit ihrem Baby kurz vor Mitternacht noch im Lokal gewesen. «Unglaublich!», meint Märtel.

Der fast schon geniale und eingängige Name «Why Not» entspringe übrigens «dem Suff», sagt Werni unverblümt: «Ich habe früher im Tessin gearbeitet. Da haben die immer gesagt: ‹Perchè no?› Das ist mir an diesem Abend eingefallen, und dann haben wir das einfach auf Englisch übersetzt.»

Das «Why Not» verfügt zwar über eine Facebook-Seite, die aber nicht gerade vor Leben strotzt. Und es ist bezeichnend, dass es keinen Tripadvisor-Eintrag dazu gibt. Das Lokal findet vor allem in der analogen, der direkten Welt statt. Diese schwingt auch bei den Bewertungen bei Google mit. Eine ist erst einen Monat alt, ziemlich wirr, aber von Sätzen begleitet, die manchen aus dem Innersten sprechen: «Es ist eine Hass-Liebes-Beziehung zwischen mir und dem ‹Why Not›. Jeden Tag nach der Schule schleife ich meinen leblosen Körper dort rein. (...) ich hasse jede Sekunde darin.» Die Bewertung: fünf von fünf Sternen.

Dank für den «Beitrag zum Jugendschutz»

Das «Why Not» und seine Wirte sind in der breiten Öffentlichkeit von Legenden umrankt. Kaum eine ist schmeichelhaft, manche sind geradezu bösartig. Im offenen, aber nicht öffentlichen Gespräch mit Werni und Märtel stellt sich heraus, dass Aussenstehende oft sehen, was sie sehen wollen. Man tut den Brüdern Unrecht, wenn man sie als tumbe Gestalten abtut. Sie sind schlau und beharrlich. Dank dieser Tugenden – und manchmal auch einer Portion Dreistheit – haben sie dazu beigetragen, dass die Polizeistunde in Zug längst der Vergangenheit angehört. Vor nicht allzu langer Zeit gab es nämlich für jüngere Nachtschwärmer nur das «Why Not» und das «Tropi» am Bahnhof Baar. «Wir haben auch mit juristischer Unterstützung für unsere Interessen gekämpft», sagt Werni. «Und wir haben uns eigentlich an die Regeln gehalten.» Dann zückt er zwei Dokumente aus der Schublade: die Bescheinigung des Kantons von 2016 mit der höchsten Auszeichnung «sehr gut» bezüglich Lebensmittelsicherheit. Und ein Brief der Stadt Zug, der zum korrekten Verhalten während eines Test-Alkoholkaufs von Jugendlichen gratuliert. Darin dankt die Stadt dem «Why Not» wörtlich zum «Beitrag zum Jugendschutz».

Wer solche Sätze an diesem Ort liest und in seinen Erinnerungen kramt, teilt die allgemeine Meinung von Werni und Märtel, dass andere Zeiten angebrochen sind. «Auch wir sind älter geworden», sagt Märtel und schenkt sich noch einen Schluck Bier ein. Die Zeit im – manchmal schönen und manchmal anstrengenden – Irrsinn der Nacht hat ihre Spuren hinterlassen. Die Storen werden nur noch selten runtergelassen, um das Erwachen das Tags dahinter auszublenden und die neugierigen Blicke der Staatsmacht abzuwehren. Werni und Märtel arbeiten auch nicht mehr jeden Abend zu zweit und würden sich «genügend Ferien» gönnen. Seit bald zwei Jahren gibt es mit dem Sonntag immerhin einen Ruhetag pro Woche und damit etwas Zeit für die Hobbys: Werni geht windsurfen, Märtel fährt Töff. Familien hätten sich bei beiden «nicht ergeben», sagt Werni, der ­liiert ist. «Das lässt sich mit diesem Job kaum vereinbaren.»

Ein 50-Jahr-Jubiläum im «Why Not» würden sie nicht mehr erleben, «zumindest nicht als Wirte», sagt Märtel. Ob es ohne sie überhaupt weitergehen würde mit diesem Lokal, ist offen. Klar ist hingegen, dass die an einem langen Abend in Zug alles entscheidende Frage weiterhin gestellt wird: rein oder nicht rein? Und dass die Antwort in der Regel Umsatz für die «Why Not»-Brüder bedeutet: für Werner und Martin Ebneter.

Hinweis

In unserer Sommerserie «Zug bei Nacht» begleiten wir während der Sommerferien Menschen, die nachts arbeiten oder unterwegs sind. Alle Geschichten finden Sie auf www.zugerzeitung.ch/dossier.