Sonatenwunder von einem weiblichen Samurai

Mitsuko Uchida eröffnete mit Sonaten von Franz Schubert die Reihe der Rezitals am Piano-Festival Luzern.

Fritz Schaub
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Stoische Ruhe am Flügel: Mitsuko Uchida. Bild: LF/Priska Ketterer

Stoische Ruhe am Flügel: Mitsuko Uchida. Bild: LF/Priska Ketterer

Es gibt Konzerte, bei denen man weiss, was man erwarten darf. Die japanisch-britische Pianistin Mitsuko Uchida gehört zu den ganz Grossen ihres Fachs und in den Kreis bedeutender Schubert-Interpreten wie Andras Schiff, Alfred Brendel oder Wilhelm Kempf, die alle in Luzern mit ihren Schubert-Interpretationen überzeugt haben. Dass Uchida zu Schubert eine besondere Affinität besitzt, beweisen auch ihre zahlreichen Einspielungen. Und man weiss, wo sie diese Luft eingeatmet hat: in der Schubert-Stadt Wien, wohin sie mit zwölf Jahren mit ihren Eltern gezogen ist.

Die 71-jährige Künstlerin, die mit ihrer durch einen goldenen Gurt zusammengehaltenen Bluse über der Hose wie ein weiblicher Samurai aussieht, erfüllte die grossen Erwartungen eindeutig. Was auch zum vorneherein klar war: die beiden Sonaten vor der Pause, in a-Moll D 537 und in C-Dur D 840 konnten nur als Vorbereitung auf die grosse, allerletzte Schubert-Sonate dienen. Aber man begrüsste es, dass sie je ein Beispiel aus den beiden ersten Perioden von diesen Sonaten-Œuvres zu Gehör brachte.

Fast wie bei Schumann 
und Brahms

Kraftvoll, energisch zupackend intonierte die Künstlerin das punktierte Kopfmotiv zu Beginn der a-Moll-Sonate, um dann leicht und weich in den wiegenden Legato-Aufstieg und die Sechzehntel-Arpeggien einzumünden. Schon hier zeigte sich, wie die Künstlerin unablässig aus einer stoischen Ruhe heraus spielt. Und noch etwas: schwere Akzente, dramatische Attacken, die es auch gibt, und lyrisch ausgeweitete Abschnitte bleiben immer im Gleichgewicht. Wie Runen werden die Töne in den Raum gesetzt und konzentriert mit Bedeutung aufgeladen.

Die C-Dur-Sonate, die Fragment blieb, war die ideale Überleitung zu der im Todesjahr entstandenen Sonate B-Dur D 960. Wie diese beginnt sie moderat, erreichte aber unter Uchidas kraftvollen Händen klangliche Fülle und romantische Wirkungen mit donnernden Bässen fast wie bei Schumann und Brahms. Vor allem aber entspann sich jener Wechsel zwischen weitgriffigen Akkorden und todtraurigen, schier unendlichen Melodien, der in der letzten Sonate B-Dur endgültige Gestalt annimmt und an dem Abend eine magische Wirkung erzeugte. Just als sich Mitsuko Uchida auf deren kontemplativen Beginn konzentrieren wollte, störte weitherum wahrnehmbare Handymusik. Was sie nicht hinderte, die beiden ersten Sätze in ihrer ganzen Tiefe auszubreiten und in jene einsamen Bereiche vorzudringen, die man aus Beethovens letzten Sonaten kennt. In den beiden letzten Sätzen erlebte man dagegen einen durch Beethovens Tod hörbar befreiten Schubert, der mit einem Perpetuum mobile auftrumpft, das zu zögern beginnt und doch in einer Stretta den krönenden Abschluss findet. Das Publikum zeigte seine Begeisterung mit demonstrativen Standing Ovations zum Schluss.