Leserbrief

Soziale Nähe und nicht «Social Distancing»

Zur Wortschöpfung

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Nichts ist schrecklich genug, um es nicht mit dem auch als «Neudeutsch» bezeichneten Kauderwelsch zwischen Deutsch und Englisch zu verhunzen. Im Fall der grässlichen Wortschöpfung «Social Distancing» war zudem ein Stümper am Werk, welcher die englische Sprache höchstens rudimentär kennt.

Wahr ist nämlich genau das Gegenteil: Je mehr die Bewegungsfreiheit fast der ganzen Bevölkerung eingeengt wird, umso wichtiger erscheint es, die sozialen Beziehungen auch mit stark eingeschränkter Infrastruktur auf den richtigen Ersatz-Ebenen zu bewahren und zu halten. Alleinstehende vereinsamen sonst bis zur Depression, weil sie die gewohnten Kontakte nicht mehr pflegen können, und Familienmitglieder in (zu) kleinen Wohnungen nerven sich gegenseitig bis zur Explosion, weil die Rückzugsmöglichkeiten fehlen.

Die Entstehung des Coronavirus in der jetzigen gegen ältere Menschen aggressiven Form erscheint ein Stück weit als tragischer biochemischer Zufall. Ihre Entwicklung zur Pandemie ist aber direkte Folge der enorm starken materiellen globalen Verknüpfung. Wenn man nur schon die Zahlen der ersten Folgekosten ansieht, ist es eigentlich klar, dass wir uns diese bis jetzt totgeschwiegenen Globalisierungskosten auf die Dauer nicht mehr leisten können. «Weltmännische» Sprachallüren sind da sicher fehl am Platz.

Jürg Röthlisberger, Cham