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SPOKEN WORD: «Es gibt auch Streit.» – «Ach, was!»

Man kennt sie als umtriebiges Duo «Satz & Pfeffer». Judith Stadlin und Michael van Orsouw sind aber auch privat ein Paar. Nun haben sie einen Zuger Krimi geschrieben. Wie das geht, erzählten sie im eigenen Theater.
Der Schreibstift ist ihre Waffe: In ihrem kleinen Theater an der St.-Oswalds-Gasse 11 in Zug haben Judith Stadlin und Michael van Orsouw bereits Vorbereitungen getroffen für die szenische Lesung aus «Rötelsterben». (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Der Schreibstift ist ihre Waffe: In ihrem kleinen Theater an der St.-Oswalds-Gasse 11 in Zug haben Judith Stadlin und Michael van Orsouw bereits Vorbereitungen getroffen für die szenische Lesung aus «Rötelsterben». (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Eben erschien Ihr Kriminalroman «Rötelsterben». Wie schreibt man zu zweit ein Buch?

Michael van Orsouw: Es ist ja nicht das erste Buch, das wir zusammen geschrieben haben, sondern schon das siebte. In diesem konkreten Fall haben wir zusammen das Konzept und die Figuren entworfen. Dann aber übernimmt jemand den Lead pro Kapitel. Der Text geht dann jeweils hin und her, bis er für beide stimmt. Es ist interessant, dass in der bildenden Kunst viele Künstlerkollektive unterwegs sind. In der Literatur ist das noch nicht der Fall. Uns erstaunt das eigentlich, denn es ist sehr befruchtend.

Judith Stadlin: Ich komme vom freien Theater her, wo man ganz oft in der Gruppe etwas erarbeitet. Von daher bin ich mich künstlerische Reibungen gewohnt. Beim Schreiben ist es genau dasselbe. Wir kommen gemeinsam auf Sachen, auf die einer allein nicht kommen würde. Eins und eins sind drei – irgendwie. Ich war noch nie gut im Rechnen. (lacht)

Es ist Ihr erster gemeinsamer Roman. Kannten Sie den Ausgang der Geschichte schon, als Sie angefangen haben zu schreiben? Oder spielten Sie sich den Ball immer wieder zu und der jeweils andere spann den Faden weiter?

Stadlin: Beides ein bisschen.

van Orsouw: Es gibt einen Plot, den man im Auge behalten muss. Aber die Wege, die dorthin führen, sind nicht klar. Wir haben ja auch schon Hörspiele, Musicals und fürs Theater grössere Sachen zusammen geschrieben, wo man den Erzählbogen im Auge haben muss.

Stadlin: Eine grosse Regel beim Theater, wenns ums Improvisieren geht, ist, dass man ja sagt zu dem, was kommt. Das gleiche Grundprinzip herrscht, wenn man zusammen schreibt. Vielleicht verwirft man etwas, das ist schon möglich, aber zuerst nimmt man es an, schaut es sich an und entwickelt etwas daraus. Ich finde das superspannend.

Gibt es nie Streit?

Stadlin: Doch.

van Orsouw: Künstlerische Reibung braucht es. Die Auseinandersetzung.

Stadlin: Es gibt auch mal Streit.

van Orsouw: Ach, was! Das sagst jetzt du. (schmunzelt)

Stadlin: Doch, sicher. Die eine verteidigt etwas leidenschaftlich; der andere findet, das gehe gar nicht. Es gibts tatsächlich, dass mal jemand davonläuft. Und dann passiert etwas, und es reift etwas. Danach finden wir immer wieder zueinander. Wir haben noch nie ein Projekt verworfen.

van Orsouw: Deswegen nicht, nein.

Stadlin: Es ist auch relativ selten, dass es wirklich Krach gibt.

van Orsouw: Aber es ist sehr produktiv – meistens. (lacht)

«I love Zug» heisst eine Ihrer Kurzgeschichten aus dem Buch «Spiel uns das Lied von Zug». «Rötelsterben» nun spielt in Zug. Man spürt, wenn man Ihre Texte liest, eine tiefe – kritische – Verbundenheit mit der Stadt.

Stadlin: Berlin kommt genauso viel vor in unseren Texten. Oder St. Gallen, oder was auch immer. Im Musical «Stärnehagel», in der Kurzgeschichtensammlung «Spiel uns das Lied von Zug» und jetzt im Krimi ist Zug das Thema. Aber in den weiteren Büchern geht es um etwas anderes. Die haben wir zum Teil auch gar nicht in Zug geschrieben. So wahnsinnig interessiert uns Zug nicht, als dass wir nur darüber schreiben würden. Aber natürlich schon. Wir leben schliesslich hier und regen uns auch viel auf. Über das, was einem am Herzen liegt, regt man sich auf.

van Orsouw: Es ist einem nicht gleichgültig – eine wichtige Grundhaltung. Und dann sollte man sich in der Literatur mit dem befassen, was man kennt. Der Mikrokosmos Zug steht letztlich für viele gesellschaftliche Entwicklungen, die man sonst auch beobachten kann. Hier hat man sie einfach unter dem Brennglas. Interessant ist, dass in Zug alles ein bisschen näher beieinander, verdichtet ist. Von daher hat es fast Laborcharakter. Bei Donna Leon ist der Mikrokosmos Venedig, bei Wallander Ystad – und es ist nicht immer Ystad, sondern eine Kleinstadt. Dieses Paradigmatische hat Zug auch. Soziale Segregation, Gentrifizierung. Sie können hier auf die Strasse rausgehen, und Sie spüren es. In Berlin – wir sind viel in Deutschland – muss man im Moment nach Neukölln gehen.

Stadlin: Vor sieben Jahren Mitte, dann Prenzlauer Berg und Friedrichsheim, und jetzt Neukölln.

van Orsouw: Gesellschaftlich grosse Prozesse bilden sich im Kleinstadtleben ab. Das finde ich interessant.

Sie lesen viel Krimis. Schauen Sie sich auch welche am Fernsehen an, zum Beispiel den neusten Luzerner Tatort «Ihr werdet gerichtet»?

van Orsouw: Wir lesen und schauen Krimis, wie eben einen Luzerner Tatort, immer auf zwei Ebenen. Einerseits zur Unterhaltung. Andererseits diskutieren wir im Anschluss darüber, ob der Plot aufgeht.

Stadlin: Wir geben jeweils eine Note – nur unter uns, spielerisch.

Welche Note hat «Ihr werdet gerichtet» bekommen?

Stadlin: Wir waren uns völlig einig und fanden ihn beide «gut».

Beim zweitletzten gab es diese peinliche Namensähnlichkeit des Bösewichts Sepp Rieder zum Luzerner Seelsorger Sepp Riedener. Das könnte Ihnen nicht passieren, da Sie Zug ja kennen.

Stadlin: Es könnte theoretisch passieren.

van Orsouw: Wobei wir unsere Namen gegengecheckt haben. Es ist etwas Schönes, nicht nur eine Figur, sondern auch einen Namen zu erfinden. Der hat natürlich immer etwas mit der Figur zu tun.

Nun schreiben Sie ja nicht nur Bücher, sondern sind in der Spoken-Word-Szene äusserst umtriebig als Duo «Satz & Pfeffer». Eine Lesebühne gibt es auch in der Loge in Luzern. Man kennt sich untereinander in der Szene, nehme ich an?

Beide: Ja, in der Schweiz schon.

Müssen Sie einem bekannten deutschen Slampoeten wie Frank Klötgen, der unlängst bei Ihnen auf der «Satz & Pfeffer»-Lesebühne stand, eine Gage zahlen? Oder gehen Sie nächstes Mal an eine Veranstaltung, die er organisiert?

van Orsouw: Für die Lesebühne Zug galt von Anfang an das Prinzip: Wir wollen nicht, dass die Leute gratis auftreten, auch nicht ein Freund wie Frank Klötgen. Die Gage gehört dazu, und alle bekommen gleich wenig. Wenn die Leute das erste Mal bei uns auftreten, sind sie vielleicht noch nicht so bekannt. Zu einem späteren Zeitpunkt vielleicht sehr, und sie kommen trotzdem noch für dieselbe Gage. Auch Literaturpromis, wie zum Beispiel Nora Gomringer, treten zu den gleichen Konditionen auf vor den 70 Leuten, die in unserem Theater Platz haben. Und sie kommen gern.

Stadlin: Aber es ist schon richtig: Wenn wir in Berlin sind, fragen wir unsere Kollegen: Habt ihr Platz, können wir kommen? Man «kutschiert» miteinander und tauscht sich aus. Wir arbeiten zusammen, und das ist lässig. Weil die Literaturszene in der Schweiz allein schon klein ist, muss man schauen, dass man nicht gegeneinander arbeitet.

van Orsouw: Spoken Word hat meiner Meinung nach eine wichtige Stellung innerhalb der Literaturszene inne, denn man unterscheidet nicht zwischen «E» und «U», also zwischen ernster Kunst und unterhaltender Kunst. Es gibt nicht «echt» und «nicht echt», sondern nur «gut» und «nicht gut».

Als «Satz & Pfeffer»-Duo machen Sie Kabarett, schreiben Bücher und veranstalten die erste regelmässige Lesebühne der Schweiz. Gibt es das Programm «Vill Lachen – Ohnewitz» mit den Städtenamen noch?

van Orsouw: Man kann schon fast sagen, das ist ein Longseller von uns. Wir waren damit mehrfach im Fernsehen, x-mal am Radio und auf wahnsinnig vielen Bühnen. So etwas Verrücktes bleibt den Leuten im Kopf.

Langweilt Sie das nicht?

Stadlin: Nein. Weil wir immer wieder neue Texte schreiben können.

Es ist quasi unerschöpflich?

Stadlin: Bis jetzt haben wir neue Ideen und treffen wieder auf neue Ortschaften. Wir sind sowieso immer daran, neue Sachen zu kreieren. Und dann kommen Engagements rein, wo verlangt wird, dass wir eine Geschichte auf ein Thema hin schreiben, sei es für einen Ärztekongress oder eine Schule.

van Orsouw: Das Ganze ist eigentlich total abgefahren. Wir können das Publikum jedes Mal packen.

Was haben Sie für verschiedene Publika? Sie haben ja einen Humor, der nicht unbedingt allen zusagt.

van Orsouw: Mit unserer Art von Literatur treten wir in Berlin in den angesagtesten Clubs auf. Auf der anderen Seite sind wir bei vornehmen Literaturgesellschaften zu Gast, wo man noch eine Krawatte anzieht oder zumindest ein schönes Hemd. Dorthin gehen wir auch. Eine Literaturform zu finden, die bei so vielen unterschiedlichen Leuten ankommt, ist etwas total Beglückendes.

Können Sie mir aus dem Stegreif etwas aufsagen, rein aus Ortsnamen? Oder, noch lieber, etwas vorfluchen?

Stadlin: Im Ortsnamen-Fluchen bist du gut.

van Orsouw: Das kann ich schon aus dem Stegreif. Wir können auch miteinander kommunizieren.

Ja, dann machen Sie mal, bitte.

Stadlin: Wassen Wollin Duhm Redl Fürth Frauenau Vonz Luzern?

van Orsouw: Tamins Malix, Potsdam!

Beide: Scheitzen!

Stadlin: Scheitzen Wetter! Scheitzen Westen Wind! Machern Kopfing Wehingen.

van Orsouw: Oder «Kopfers Wehen» wäre auch möglich.

Danke für diese spontane Einlage! Die Hauptfigur in «Rötelsterben», Goran, hat zwar kein Kopfweh, hört aber in speziellen Situationen einen Filmsoundtrack im Kopf – zum Beispiel «Gladiator», wenn er auf seinem Stand-up-Paddle trainiert. Sind Sie Filmfreaks?

Stadlin: Nein, beide nicht. Aber Goran. Er hat den Soundtrack zum Leben im Kopf, weil er so viele Filme schaut und so gerne Filme hat. Er identifiziert sich in gewissem Masse mit dem Gefühl und der Atmosphäre dieser Filme.

Woher kommt die Idee, wenn Sie sich gar nicht so für Filme interessieren?

Stadlin: Das ist einfach eine Figur, die wir erfunden haben.

van Orsouw: Gerade jüngere Personen definieren sich stark auch über Medien und Medienkonsum. Wir haben viele andere Sachen diskutiert, kamen dann aber zum Schluss: Das passt zu der Figur, so wie wir sie sehen.

Film ist also kein Hobby. Die Literatur ist beides – Hobby und Arbeit. Können Sie davon leben?

Stadlin: «Kleinvieh macht auch Mist», wie man so schön sagt. Da wir oft auftreten, bringen wir einen Monatslohn zusammen – natürlich ist das nicht jeden Monat gleich viel. Im Sommer machen wir zum Beispiel immer einen Monat Pause. Und dann gibt es Monate wie den September, wo wir ganz viele Auftritte haben. Dazu kommen noch Auftragswerke, was mehr Arbeit, aber auch einen höheren Verdienst bedeutet. Ausserdem unterrichte ich einen Tag Bühnentanz. Und dann ist da auch noch die komische Kellnerinnentruppe «Les Serwös Nerwös», mit der ich Galaauftritte bestreite.

van Orsouw: Wenn wir mit unseren Ausbildungen unterrichten oder in die Verwaltung gehen würden, würden wir viel mehr verdienen. Aber ich glaube nicht, dass wir glücklicher wären.

Stadlin: In der Steuerverwaltung, das wär doch was. (schmunzelt)

Haben Sie noch andere Leidenschaften?

Stadlin: (schalkhaft) Meine grosse Leidenschaft ist natürlich mein Mann.

van Orsouw: Meine grosse Leidenschaft ist meine Frau.

Stadlin: Nein, im Ernst, ich wäre am liebsten Musikerin geworden. Das wäre eigentlich mein Traumberuf. Ich spiele ein bisschen Akkordeon. Seit Jahren sage ich heute zum ersten Mal in einem Interview, dass ich ein Hobby habe. Das konnte ich vorher nie sagen, ich habe alles immer irgendwie für die Bühne gebraucht. Das Akkordeonspielen ist nun wirklich ein Hobby.

Und Sie spielen Ukulele?

van Orsouw: Genau. Wir spielen manchmal zusammen. Das ist eine neue Erfahrung.

Stadlin: Die Katze läuft jeweils davon.

«Chatzemusig».

Stadlin: (lacht) Dann müsste sie ja eigentlich Freude daran haben.

van Orsouw: Was immer sehr zeitintensiv gewesen ist, aber auch sehr schön, sind unsere drei Kinder. Das ist natürlich nicht ganz ohne. Doch auch ich habe ein Hobby, und das ist Fussballspielen.

In einem Verein?

van Orsouw: Nein, wir sind Feierabendfussballer. Und dann bin ich in einem Verein insofern, als dass ich in der Schriftstellernationalmannschaft bin.

Ah ja, ich habe ein Foto von Ihnen und Peter Bichsel gesehen.

van Orsouw: Peter Bichsel spielt nicht Fussball. Er macht jeweils das Anspiel. Und dann ist er schnell irgendwo in der Beiz.

Zurück zu Ihrer jüngsten Publikation. Wie geht es weiter mit Ihrer Romanfigur? «Gorans erster Fall», heisst der Untertitel. Ich nehme an, es kommen noch mehr Fälle?

Stadlin: Wenn es gut ankommt. Wir hoffen es. Und haben schon viele Ideen dazu.

Die literarischen Alleskönner

Zu den Personen reg. Judith Stadlin, geboren in Zug, ist ausgebildete Schauspielerin, Bühnentänzerin, Germanistin und Musikwissenschaftlerin. Auf die Frage nach ihrem Alter entgegnet sie charmant: «Sie können Schuhgrösse und AHV-Nummer haben. Aber nein, als Schauspielerin gebe ich mein Alter nie preis.»

Michael van Orsouw, selbst ernannter «literarischer Allgemeinpraktiker», ist promovierter Historiker. Seine Familie kam 1964 von Holland nach Zug. Er ist als einziges von fünf Kindern in der Schweiz geboren. Dieses Jahr wird er 50 Jahre alt.

Zusammen, aber auch solo, stehen sie als Spoken-Word-Artisten und Kabarettisten oft auf der Bühne. Judith Stadlin und Michael van Orsouw sind seit 12 Jahren verheiratet und haben zusammen drei Kinder aus früheren Beziehungen. Beide haben ihre mittlerweile erwachsenen Kinder alleine grossgezogen.
Mit ihrem neuen Buch, dem Krimi «Rötelsterben», sind die beiden auch in der Region auf szenischer Lesetour.

Hinweis: «Rötelsterben. Gorans erster Fall»: erschienen im Knapp Verlag, 152 Seiten. Weitere Infos auf www.satzundpfeffer.ch, www.judithstadlin.ch, www.michaelvanorsouw.ch.
Szenische Lesungen in diesem Jahr: 29. 9., 20 Uhr, Loge, Luzern (5. 12., 15.15 Uhr Kurzlesung); 30. 9., 19.30 Uhr, Bibliothek Ägerital, Unterägeri; 21. 11., 20 Uhr, Oswalds Eleven, Zug.

Interview Regina Grüter

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