STADT ZUG: «Klare Regeln sind wichtig»

Seit gut hundert Tagen ist er im Amt. Christian Schnieper ist von Herzen gerne Stadtarchitekt – und betrachtet diese Aufgabe auch als eine langfristige.

Susanne Holz
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Den Stadtplan hat er immer parat: Seit September 2015 ist Christian Schnieper Zugs Stadtarchitekt. (Bild Werner Schelbert)

Den Stadtplan hat er immer parat: Seit September 2015 ist Christian Schnieper Zugs Stadtarchitekt. (Bild Werner Schelbert)

Er ist in Zug geboren, hat als Student und Selbstständiger die USA kennen gelernt und ist seit September 2015 für die städtebauliche Entwicklung seiner Geburtsstadt zuständig. Christian Schnieper erblickte 1978 im damaligen Zuger Bürgerspital das Licht der Welt, wuchs in Oberägeri auf und absolvierte in Unterägeri und Zug eine Ausbildung zum Hochbauzeichner. Dann zog es ihn in die Ferne, über den Atlantik. In Arizona studierte er an der Frank Lloyd Wright School of Architecture – 2003 schloss er das Studium mit dem Master ab. Dem heutigen Stadtarchitekten scheint das lange her zu sein: «Ich war noch keine 21 Jahre alt, als ich das Studium in Scottsdale begann.»

Und warum gerade Frank Lloyd Wright (1867–1959)? Sein Interesse an organischer Architektur sei gross, sagt Christian Schnieper. Und: «Frank Lloyd Wright mit seinen Prinzipien der organischen Einfachheit und der nahtlosen Integration von Bauwerken in die Landschaft hat mich schon immer fasziniert.»

Während des Studiums arbeitete Christian Schnieper eine Zeit lang in Berlin, danach machte er sich zunächst in Los Angeles selbstständig. «Das Amerikanischste, was ich aus meiner Zeit in den USA mitgenommen habe», blickt der Stadtarchitekt zurück, «ist das Selbstvertrauen, Ziele in die Tat umzusetzen.» In Zug gründete Christian Schnieper, gemeinsam mit seiner Partnerin, 2006 das Architekturbüro Detail21, das heute sechs Mitarbeiter zählt und regionale wie nationale Bauprojekte durchführt. Christian Schnieper sagt: «Ich möchte gestalten und erschaffen – den Status quo zu erhalten, ist nicht mein Ding.»

Der 37-Jährige lebt mit seiner Partnerin Claudia Castro und der gemeinsamen zweijährigen Tochter in Zug. In seiner Freizeit spielt er Trompete in einer Ägerer Brassband und kreiert auch mal installative Kunst. Er ist im Vorstand der Zentralschweizer Architekturzeitschrift «Karton» und präsidiert die Kulturraumgenossenschaft Prok.

Christian Schnieper, in Ihrer Masterarbeit ging es um die «Erinnerung in der Architektur». Wie beeinflusst Ihre Kindheit in Oberägeri Ihre Arbeit als Architekt?

Christian Schnieper: Was den architektonischen Stil betrifft, besteht da kein direkter Einfluss. Aber natürlich hat mich das Haus meiner Kindheit geprägt und hat einen Einfluss auf meine heutige Herangehensweise an Architektur und ans Leben allgemein. Als Kind konnte ich die Welt in einem Haus mit Keller, Estrich und Garten sowie mit Anbindung an eine Spielstrasse und eine kinder- und abenteuerfreundliche Nachbarschaft entdecken. Diese Dinge beurteile ich noch heute als äusserst positiv.

Es gibt die Erinnerung des Einzelnen und die kollektive Erinnerung. Prägt auch die Gemeinschaft den Stil einer Stadt?

Schnieper: Es ist schon so: Eine Stadt ist das Resultat ihrer Einwohner, aber die Einwohner sind auch das Resultat ihrer Stadt. Die Stadt wird zum Vorgarten ihrer Einwohner, der Horizont erweitert sich über Wohnung, Haus und Quartier in die Gesamtstadt hinaus. Es ist wichtig, dass die Einwohner einer Stadt sich die Stadt zu eigen machen, sie nutzen und beleben, um die Entwicklung der Stadt beeinflussen zu können. Ein gutes Beispiel ist das Strandbad der Stadt Zug. Dieses wurde so stark frequentiert, dass – trotz vielfältiger Hindernisse – dessen Erweiterung nun in Bälde erfolgen kann. So hat jeder Einfluss auf die Entwicklung der Stadt.

Was ist mit der Altstadt? Müsste die nicht auch viel mehr genützt werden?

Schnieper: Die Altstadt kann belebt werden, wenn sie belebt werden will. Wenn ihre Bewohner das bejahen. Seien wir ehrlich: Grundsätzlich hat sich die Altstadt selbst abgeschafft. Da macht auch der Auszug der Verwaltung aus der Altstadt keinen grossen Unterschied mehr. Im Gegenteil. Ich begrüsse den Umzug der Verwaltung an die Gubelstrasse – er ist eine Chance, aktivere Nutzer als die Verwaltung in der Altstadt anzusiedeln. Die zukünftige Entwicklung der Stadt Zug findet vorwiegend im Norden der Stadt statt. Entsprechend liegt mein Fokus als Stadtarchitekt auf Gebieten wie dem Siemensareal, der Baarerstrasse und so weiter. Diese Gebiete vereinen bereits heute Zentrumsfunktionen und werden in den kommenden Jahren zum eigentlichen Zentrum der Stadt Zug.

Was sind Ihre Ziele für Zug?

Schnieper: Die zukünftige städtebauliche Entwicklung der Stadt Zug muss die Stadt zur lebenswerten und erlebbaren Stadt umbauen. In den kommenden Monaten beschäftigen wir uns intensiv mit der städtebaulichen Entwicklungsstrategie, die 2017 in die politische Vernehmlassung kommt. Die Stadt Zug wird wachsen – und es ist wichtig, klare Regeln für den anstehenden Stadtumbau festzuhalten. Es gilt, allgemein gültige Rahmenbedingungen zu schaffen, innerhalb derer sich die Bürger, Investoren, Bauherren und Architekten bewegen können. Die Verdichtung, die der Kantonsrat festlegte, gilt es für die Stadt Zug nachhaltig und langfristig sinnvoll umzusetzen. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir mit diesen Rahmenbedingungen eine positive Vorreiterrolle in der Schweiz einnehmen werden.

Was für Fragen stellen sich bei der Entwicklung der Stadt?

Schnieper: Wegverbindungen sind für eine qualitätsvolle Stadt essenziell. Beispielsweise, wie die Verbindung vom Siemens-Areal zum Bahnhof und in die Gesamtstadt verbessert wird. Die Gleisanlagen stellen derzeit eine stadträumliche Zäsur dar. Die Stadt Zug wird mit den Gleisen in einzelne Stadtteile zerlegt, und es gilt, innovativ mit den Gleisanlagen umzugehen, um qualitätsvolle Wegverbindungen unter oder über die Gleise zu etablieren. Ebenfalls stehen Freiräume im Fokus. Nicht unbedingt die Anzahl und Maximierung der Flächen, sondern vielmehr die präzise Setzung im Stadtraum und die hohe Qualität.

Wie kann das erreicht werden?

Schnieper: Der Fussgänger- und Veloverkehr muss gestärkt, und Plätze müssen nutzbarer gestaltet werden. Die Neustadtpassage zum Beispiel ist ein neuralgischer Punkt, welcher die Nord-Süd-Verbindung zu Fuss unterbricht und die Vernetzung der Stadt negativ beeinträchtigt. Ebenfalls «endet» die wichtige Ost-West-Verbindung Gotthardstrasse im Gebiet Grafenau in undefinierten hinterhofartigen Resträumen. Wir müssen uns auf die Qualität der Aussen- und Zwischenräume konzentrieren. Denn diese definieren unsere Erfahrung der Stadt. Es reicht nicht aus, ein schönes Gebäude mit einer schönen Fassade aufzustellen. Die Frei- und Zwischenräume wie auch die Strassenräume müssen vermehrt in den Fokus rücken. Die Umsetzung dieser Ziele wird natürlich Jahre dauern. Umso wichtiger ist es, jetzt von Seiten der Stadt die dafür notwendigen Voraussetzungen zu schaffen.

Dann sehen Sie Ihren Job also keinesfalls als Sprungbrett, sondern als langfristige Aufgabe?

Schnieper: Ich betrachte die Arbeit als Stadtarchitekt überhaupt nicht als Sprungbrett. Die Stadt Zug hat durch ihre rasante Entwicklung und durch ihre Verdichtungsstrategie schweizweit Vorbildcharakter. Sie ist Anschauungsobjekt – das sehe ich als Chance. Zug ist meine Heimat. Die Stadt – gemeinsam mit dem Baudepartement, der Politik und der Öffentlichkeit – zu definieren und zu planen, erachte ich als Privileg. Diese Aufgabe ist für mich eine sehr spannende Herausforderung, die in dieser Art selten anzutreffen ist. Eine Herausforderung, die ich mit Herzblut angehe.

Susanne Holz