STÄNDERAT: «Ein Händedruck bedeutet mir mehr»

Seit 33 Jahren politisiert Joachim Eder. Am wohlsten fühlt er sich unter dem Volk. Und deshalb entsagt er verschiedenen elektronischen Neuerungen.

Freddy Trütsch
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Joachim Eder (FDP) möchte den Kanton für eine weitere Legislatur im Ständerat vertreten. (Bild Christof Borner-Keller)

Joachim Eder (FDP) möchte den Kanton für eine weitere Legislatur im Ständerat vertreten. (Bild Christof Borner-Keller)

Freddy Trütsch

Joachim Eder war 31 Jahre alt, verheiratet, Vater zweier Kinder und Sekundarlehrer, als ihn die Unterägerer erstmals in den Kantonsrat wählten. Insgesamt 19 Jahre gehörte er dem Kantonsparlament an, bevor er Regierungsrat wurde und zehn Jahre blieb. Und vor vier Jahren folgte er Rolf Schweiger in den Ständerat. Joachim Eder ist damit ein Polit-Urgestein, das den Wandel in der Politik hautnah erlebt hat.

Joachim Eder, was ist heute anders?

Joachim Eder: Ganz spontan kommen mir verschiedene Begriffe in den Sinn. Zum Beispiel Polarisierung statt Konsens, Schlagwortpolitik, digitale Welt, Skandalisierung, Wunsch nach Transparenz. Die Social Media haben die Politlandschaft enorm verändert. Praktisch alles steht sofort, angereichert mit Schlagworten, auf dem Netz – meistens oberflächlich. Das Negative beherrscht die Szene, Skandale füllen die elektronischen und die Printmedien. Auch der Transparenz in allen Bereichen wird heute eine viel grössere Bedeutung beigemessen als früher.

Sind Sie auch auf Facebook und Twitter aktiv?

Eder: Nein, bin ich nicht. Da macht der Eder nicht mit. Ich unterhalte seit 20 Jahren meine Website. Und wer will, der kann meinen Newsletter abonnieren. Mir bedeutet ein persönlicher Händedruck mehr als ein Facebook-Eintrag. Jüngere Politiker sind auf den Social Media sehr aktiv. Sollen sie auch. Ich bleibe mir treu, auch wenn ich in ihren Augen ein Exot bin.

Was beschäftigt Sie in der Politik am meisten?

Eder: Asyl und Migration – das ist das ganz grosse Thema.

Werden wir Lösungen finden?

Eder: Wir müssen Lösungen finden. Es ist wichtig, dass die aktuellen Forderungen nicht als Wahlkampf verpuffen.

Wofür treten Sie ein?

Eder: Ich bin für Rückübernahmeabkommen. In erster Linie mit Eritrea müssen wir einen solchen Vertrag abschliessen.

Und wenn uns dies nicht gelingt?

Eder: Länder, die nicht mitmachen, sollten von uns auch keine Entwicklungshilfegelder mehr erhalten.

Was brennt Ihnen noch auf der Zunge?

Eder: Die steigenden Krankenkassenprämien. Dann die Pflegebedürftigkeit. Wir müssen Antworten finden auf die Fragen: Wie gehen wir mit den kranken, älteren Menschen um, wer pflegt sie und wer zahlt das? Wichtig ist auch, dass wir die Altersvorsorge den neuen Gegebenheiten anpassen. Nicht zuletzt müssen wir unser Verhältnis zu Europa neu definieren. Ein EU-Beitritt kommt allerdings nicht in Frage.

Sie sprechen Themen an, die in erster Linie kommende Generationen betreffen werden. Sie sind inzwischen Grossvater. Was bedeutet Ihnen Familie?

Eder: Sehr viel. Die Familie ist mein Halt, mein Hafen, mein Glück.

Trotzdem: Wenn man sich der Politik so verschreibt wie Sie, leidet die Familie darunter nicht?

Eder: Das Gleichgewicht zu halten ist zweifellos schwierig. Wenn ich auf meine 33 Jahre zurückschaue, dann stelle ich schon fest: Meine Familie ist insgesamt zu kurz gekommen.

Aber: Sie würden alles wieder gleich machen?

Eder: In den grossen Zügen schon. Aber ich würde auch einige Korrekturen vornehmen – zugunsten der Familie.

Zug wird sehr verschieden wahrgenommen. Insbesondere in der übrigen Schweiz redet und beschreibt man Zug nur fokussiert auf Steuern, Firmen, Briefkästen. Bekommen Sie dies als Ständerat auch zu hören?

Eder: Klar. Grundsätzlich wird Zug mit Reichtum, tiefen Steuern und Finanzausgleich definiert. Aber nicht nur. Ich erfahre immer wieder, dass auch zur Kenntnis genommen wird, was der Kanton Zug für die Schweiz leistet. Und, wenn die Leute in unseren Kanton kommen, dann staunen sie, dass wir zwei Seen und eine wunderschöne Landschaft haben.

Im November werden Sie 64 Jahre alt und sind dann 33 Jahre in der Politik. Weshalb machen Sie nicht Schluss?

Eder: Ich bin topmotiviert und fühle mich auch noch fit, um eine zweite Legislatur als Ständerat in Angriff zu nehmen. Ich denke, dass ich mit meiner Erfahrung auch viel für Zug in Bern tun kann. Ich bin im Ständerat gut verankert. Man attestiert mir, dass ich über Parteigrenzen hinweg Brücken bauen kann.

Ist Politik eigentlich fast wie eine Droge für Sie?

Eder: Droge? Das Wort ist mir zu negativ besetzt. Ich würde meinen Zustand eher so umschreiben: Joachim Eder ist von einem Politik-Virus befallen. Aber, ja, es stimmt, Politik fasziniert mich nach wie vor sehr. Und wenn ich einen Beitrag für die Zugerinnen und Zuger sowie die Schweiz leisten kann, dann mache ich dies gerne.

Und Ende 2019 ist Schluss, oder werden Sie das Politgeschehen danach aktiv kommentieren?

Eder: Wenn Schluss ist, dann ist Schluss. Ich werde nach meiner aktiven Politkarriere sicher nicht meine Nachfolger mit Ratschlägen eindecken.

Sie fühlen sich unter dem Volk am wohlsten. Können Sie diesen Kontakt als Ständerat noch pflegen?

Eder: Die Sessionen und vielen Kommissionssitzungen in Bern schränken mich natürlich ein. Aber wenn es mein Zeitplan erlaubt, besuche ich Anlässe und Veranstaltungen. Ich mache dies halt einfach gerne. Und, Sie haben recht, ich fühle mich unter dem Volk sehr wohl.

Das heisst, Sie müssten auch wissen, wo der Schuh das Volk drückt?

Eder: Ja, die Asylfrage dominiert ganz klar. Und wie ich schon sagte, sind auch die stetig steigenden Krankenkassenprämien, die Generationenproblematik in der Altersfrage weitere Themen, die die Leute beschäftigen. Viele reden zudem von der Arbeitslosigkeit. Wir bleiben also in der Politik sehr gefordert.

Joachim Eder, Sie waren Sekundarlehrer, sind Vater und Grossvater. Wie steht es um die Bildung?

Eder: Bildung ist sehr, sehr wichtig. Diesen Rohstoff müssen wir gut pflegen. Ich bin dafür, dass wir das duale Bildungssystem stärken und den Trend zur Verakademisierung stoppen. Wir müssen nicht alles mitmachen, sondern viel mehr auf eine solide Grundbildung setzen und uns auf die Kernaufgaben der Schule konzentrieren. Weniger ist oft mehr.

Zur Person

Joachim Eder (64) ist aufgewachsen in Gottlieben, Freiburg und Pontresina. Die Primarschule besuchte er in Oberwil/Zug, die Kantonsschule (Matura Typ A) in Zug. Danach absolvierte er die Sekundarlehrerausbildung an den Universitäten Zürich und Dijon. Von 1975 bis 2001 war er Sekundarlehrer phil. I in Unterägeri und gleichzeitig Drogenberater der Gemeinde Unterägeri. Eder ist verheiratet mit der Baarerin Rita Bachmann; Vater von Fabienne (1980), Philipp (1981), Christoph (1987) und Matthias (1990). 19 Jahre gehörte er als Vertreter der FDP dem Kantonsrat an. Als Regierungsrat leitete er von 2001 bis 2012 die Gesundheitsdirektion. Am 23. Oktober 2011 wählten ihn die Zuger in den Ständerat.