STATISTIK: Die «heile Welt» der Zuger Polizei

Im Kanton Zug passieren weniger Verbrechen als in Zürich oder in Luzern. Aber: So manche schwere Straftat wird verschwiegen.

Wolfgang Holz
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Die Zuger Polizei im Einsatz - hier bei einer Anti-WEF-Demo in Zug im Januar 2016. (Bild: Dominik Wunderli  / LZ)

Die Zuger Polizei im Einsatz - hier bei einer Anti-WEF-Demo in Zug im Januar 2016. (Bild: Dominik Wunderli / LZ)

Wolfgang Holz

Drei Tötungsdelikte gab es im letzten Jahr im Kanton Zug: Neben einer Messerstecherei und einer Schussabgabe in Hagendorn starb ein Bauarbeiter auf einer Baustelle in Cham beim Betonieren – es läuft deshalb ein Verfahren wegen mutmasslich fahrlässiger Tötung. Von diesen Verbrechen erfährt der Zuger aber nichts in der jüngsten Kriminalstatistik des Kantons. Grund: Die Rubrik Tötungsdelikte wird in der Statistik schlichtweg gar nicht ausgewiesen. Wie kann das sein?

«Es wäre denkbar gewesen, diese Fälle in der Kriminalstatistik noch expli­zit zu erwähnen», räumt Karl Walker, Kommandant der Zuger Polizei, ein. Zum Teil habe man dazu bereits Medienmitteilungen veröffentlicht. «Im Fall der Messerstecherei wurde darauf verzichtet, weil sich diese im Rahmen von häuslicher Gewalt zugetragen hat und deshalb die Privatsphäre höher gewichtet wurde als das öffentliche Interesse.» Generell sei die Zuger Kriminalstatistik eine Anzeigestatistik und nicht eine Ereignisstatistik. «Tötungsdelikte waren im Kanton Zug in den letzten Jahren sehr selten. Das letzte vollendete vorsätzliche Tötungsdelikt, sprich Mord, geht auf das Jahr 2009 zurück. Aus diesem Grund sind Tötungsdelikte in der Zuger Statistik auch nicht explizit aufgeführt», rechtfertigt sich der Zuger Polizeichef.

Aargau listet sogar Suizide auf

Üblich ist diese Praxis allerdings nicht, wie ein Blick über die Kantonsgrenzen hinaus zeigt. Alle anderen Kantons­polizeien der Zentralschweiz listen die Tötungsdelikte klar und sachlich auf – sogar die kleineren wie Uri, Schwyz, Ob- und Nidwalden. Die Sicherheitsstatistik des Kantons Aargau geht sogar so weit, die Zahl der jährlichen Suizide aufzulisten. Dabei wird nicht mal die Methode der Selbsttötung – Erhängen, Erschiessen, Sturz aus der Höhe – verschwiegen. Im Kanton Zug wäre so etwas undenkbar: Suizide sind hier quasi ein Info-Tabu.

Die zurückhaltende Informationspolitik der Zuger Polizei zeigt sich nicht nur in der Statistik. Auch über normale Einbrüche wird meist nicht aktuell informiert – die Fälle werden in der Regel erst rückblickend auf das vergangene Jahr in der Kriminalstatistik zusammenzählt. Warum? Will die Zuger Polizei eine «Heile Welt»-Atmosphäre im kleinen, feinen Kanton erzeugen?

Sicherheitsdirektor findet es gut so

«Einbrüche werden aus ermittlungstaktischen Gründen kommuniziert, wenn hilfreiche Hinweise aus der Bevölkerung, etwa mittels Fahndungsfotos, zu erwarten sind», erklärt Polizeikommandant Walker. Über sichtbare Einbrüche, zum Beispiel in Ladengeschäfte, werde zeitgerecht informiert, verbunden mit Verhaltenshinweisen. «Es geht auch darum, die Privatsphäre der Geschädigten zu schützen. Im Durchschnitt ereignet sich etwa jeden Tag ein Einbruch. Wir erachten es daher als unverhältnismässig, von jedem Einbruch zu berichten. Dies würde das Sicherheitsempfinden der Bevölkerung unnötig beeinträchtigen», so der Kommandant.

Es wird also die Privatsphäre höher gewichtet als das öffentliche Interesse. Dabei huldigt doch auch der Kanton Zug dem Öffentlichkeitsprinizip. Im Prinzip wenigstens. «Der Zuger Sicherheitsdirektor beurteilt die Intensität und den Detaillierungsgrad der Berichterstattung als gut ausgewogen und dem öffentlichen Interesse entsprechend», sagt Walker. Die Medienstelle der Zuger Strafverfolgungsbehörden informiere professionell, aktiv, sachlich und transparent. «Auch Unbequemes wird kommuniziert und öffentlich erklärt», versichert der Polizeichef. Die Publikation von Informationen der Strafverfolgungsbehörden müsse immer zielgerichtet sein. Jeder Fall werde individuell beurteilt, und es müsse stets eine Güterabwägung stattfinden. Walker: «Man darf nicht vergessen, dass Informationen Bürger auch unnötig verunsichern können.»