Leserbrief

Staunen über den Wandel sprachlicher Konstrukte

«Zertifikat für Praxislehrpersonen», Ausgabe vom 13. März

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Man lese und staune über den Wandel sprachlicher Konstrukte auch im Bereich der Pädagogik. Früher waren die Ausbildungsinhalte wichtig. Heute zählt der sprachlich aufgeblasene Bericht. Zum Beispiel über die «erneuerte, kompetenzorientierte Grundausbildung» für Praxislehrpersonen, die «Studierende (der PH Zug) während ihrer Praktika fundiert und praxisnah coachen». Man lernt im Kurs, «die Unterrichtsweise konstruktiv zu beobachten und zu beurteilen». Das Überhöhen der Kurswirklichkeit mit Modebegriffen wie «kompetenzorientiert, fundiert, praxisnah oder coachen» verweist Selbstverständlichkeiten in den Bereich des Marketings als Nährboden für Qualität. Fehlt noch der «Fokus» und «nachhaltig». Und weiter: Die «berufspraktische Ausbildung der PH Zug-Studentinnen trägt bei zur Kohärenz des Studiums». Das wollen wir doch hoffen, denn wozu sonst wird der Kurs denn angeboten? Die Praxislehrpersonen verweisen auf «Kriterien der Lernwirksamkeit», so ein Ziel der sogenannten Grundausbildung. Aha, in der Schule soll etwas gelernt werden. Das ist neu, denn in den letzten Jahren mussten die Schüler sich die Kompetenzen vor allem selber aneignen. Laut Ausschreibung Webseite PH Zug soll sich bei der Praxislehrerin nach absolvierter Grundausbildung ein «Professionsbewusstsein» einstellen und sie darf sich als «Expertin wahrnehmen». Bleibt zu hoffen, dass sich die eigene Wahrnehmung auch mit der späteren Fremdwahrnehmung in der beruflichen Praxis deckt. Und es fragt sich, ob dieser Gedanke überhaupt gedacht werden darf, denn innerhalb der doktrinären Blasenwelt der Pädagogischen Hochschulen und der Pädagogikphrasen der geleiteten Schulen wird Kritik an den gängigen Schulreformen und Kursinhalten kaum geduldet. Die dozierte Lehre will keinen Widerspruch, denn sonst müsste man sich auch damit auseinandersetzen, dass laut der Erkenntnis von Bildungsforscher Stefan Wolter die Frage nach den Effekten der (Schul-) Reformen nicht beantwortet werden könne, weil diese kaum messbar seien.

So flüchten die Schulentwickler, die Schulleitungen, die Erziehungswissenschaftler und die Politiker lieber in akademisch verbrämte Worthülsen zur Simulation von Denkleistung und formen so ihre eigene Wirklichkeit zum Thema Unterrichten in der Volksschule.

Ruedi Beglinger, Allenwinden