STEINHAUSEN: Ein Haus der Generationen und der Kunst

Wie fühlt man sich innerhalb der eigenen Generation? Was verbindet das Jetzt mit der Zeit der Ahnen und der Nachgeborenen, was trennt sie? Die Ausstellung «Der Lauf der Zeit» in der «Steimügeri» geht diesen Fragen nach.

Dorotea Bitterli
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Mit der «Nabel-Schau» trägt Silvia Feusi Bopp ihren Teil zur interdisziplinären Kunstschau in der Steimügeri bei.

Mit der «Nabel-Schau» trägt Silvia Feusi Bopp ihren Teil zur interdisziplinären Kunstschau in der Steimügeri bei.

Dorotea Bitterli

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Dass die «Steimügeri», das alte Bauernhaus zuoberst an der Steinhauser Bannstrasse, viele Generationen beherbergt hat, ist klar, stammt es doch aus dem Jahre 1793. Vielleicht braucht es aber eine Künstlerseele, um die Themen und Stimmungen dieser bewegten Abfolge mit all ihren Freuden und Leiden zu erschnuppern, bewusst zu machen und auszudrücken. Elvira Meierhans-Sax lebt seit 2006 mit ihrer Familie in diesem Haus, hat dort ihr Atelier und organisiert in ihrem «Kunstgarten» zusammen mit anderen Kulturschaffenden Ausstellungen, in deren Zentrum Mensch und Gesellschaft stehen. Nach «Unbeschreiblich weiblich» (2008), «Mannschaft» (2009) und «Voll-Lust-Voll» (2010) nun «Der Lauf der Zeit». Wiederum interdisziplinär gestaltet, zeigt die diesjährige Ausstellung Skulpturen, Installationen, Bilder, Fotoarbeiten, Collagen, einen Tanzfilm und Musik. Und natürlich – dem Thema entsprechend – bewegt sich das Altersspektrum der Beteiligten zwischen sechs und sechsundsechzig.

Am Samstagvormittag fanden sich allmählich gegen hundert Personen jeden Alters zur Vernissage mit Festwirtschaft ein, die von Urs Günther, dem langjährigen Präsidenten der Steinhauser Kulturkommission, eröffnet wurde. Nach der Danksagung lenkte die Hausherrin die Aufmerksamkeit des Publikums auf die verschiedenen Exponate und lud zum Begehen, Erleben und Geniessen ein.

Wer sich derzeit der Steimügeri nähert, den schauen durch die Fensterscheiben im ersten, zweiten und dritten Stock Gesichter an. Es sind Fotoporträts von Menschen, die das Haus seit Anfang des 20. Jahrhunderts bewohnten. «Die Vergangenheit blickt in unsere Gegenwart, das ist meine Absicht», erklärte Elvira Meierhans ihre eigene Installation. Auch Silvia Feusi Bopp hat vier Generationen fotografisch porträtiert, aber nicht ihre Gesichter: 39 Menschen verschiedenen Alters stellten sich für eine «Nabel-Schau» zur Verfügung, die auf 39 Bildtafeln chronologisch angeordnet im Tenn hängen. Durch einen Klang-Cluster untermalt, lassen sie nachdenken über das Atmen, Fühlen und Erleben der Individuen – weil ja hinter jedem Nabel ein Zwerchfell, ein Solarplexus, ein vegetatives Nervensystem gebettet ist. Im Garten steht das grösste Objekt der Ausstellung: eine Schaukel von «Hoffnung und Kiwi», deren hölzerne wiegenförmige Umrahmung tief in den Boden eingegraben ist: Auf und Ab, Luft und Erde, Stillstand und Bewegung – solche Assoziationen entstehen beim Betrachten.

Kein Ich ohne seine Ahnen

«It’s me!» verkündet hinter dem Haus ein riesiges Mobile aus Plastik-Kleiderbügeln. Der oberste Bügel ist das aktuelle einmalige «Ich», als genetische Mischung aus all den anderen Bügeln, die unter ihm hängen, vor ihm da waren, verbunden und verzahnt. Der Künstler Zeno Schneider meditiert im Begleittext über die biologische Formel, mit der man die Anzahl seiner Vorfahren in die x-te Generation rückwärts errechnet: «Es gibt kein Ich ohne seine Ahnen, kein Da-Sein ohne das Da-Gewesen-Sein.» Sophie Mindeks fröhlich-bunte Collagen auf der Veranda des Hauses thematisieren «Schichten-Spuren», das Gehen-Laufen-Tanzen durchs Leben, das Hinterlassen von Fussabdrücken, die Schichtung verschiedener Alter übereinander. In der Werkstatt hängen drei Ölgemälde des britischen Malers Paul Smith, die zunächst wie romantische Wohnzimmer-Malerei wirken, aber bei genauerem Hinsehen zu verstören beginnen: So stehen etwa vor einer provenzalischen Landschaftsidylle zwei Jugendliche, die ihre Handys checken. Sehr eindrücklich ist auch der im dunklen Keller installierte Tanzfilm der Berner Choreografin Lucia Baumgartner, in dem sie mit Laien verschiedensten Alters Reibungen und Annäherungen zwischen den Generationen zu verkörpern suchte.

Last but not least sind die Arbeiten von Jugendlichen der Kanti Menzingen zu erwähnen, die unter Anleitung ihrer Werklehrerinnen Dora Stähli und Helena Wehrli entstanden sind. Sie suchten Fotos von Grossvater oder Grossmutter zu einer Zeit, als diese in ihrem Alter waren, fotografierten sich selbst mit deren Frisur, Haltung und Ausdruck. Oder verglichen Liebesbriefe ihrer Grosseltern mit den eigenen Liebesbotschaften per Handy. Die Jüngsten schliesslich, 6- bis 10-Jährige aus der Experimentierwerkstatt der Bildschule K-Werk Zug zeichneten ihre Grosseltern mit Kohle auf Papier. Die berührende Ausstellung ist noch bis zum 10. September zu besichtigen.

Hinweis

«Der Lauf der Zeit»: 5.–8. Sept., 14–17 Uhr, und 9./10. Sept., 11–17 Uhr. www.kunstgartensteimuegeri.ch