STEINHAUSEN: «Hass ist nur ein anderes Wort für Liebe»

Der Thriller- und Krimiclub hat zur Podiumsdiskussion geladen. Ein Strafrechtsprofessor hat rund um das Thema Mord referiert und Fragen beantwortet.

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«Alles, was Recht ist, oder wann ist ein Mord ein Mord?» – so lautete der Aufhänger der Podiumsdiskussion am Dienstagabend. Während ein bitterkalter Wind um die Häuser bläst, haben sich im Zentrum Chilematt in Steinhausen Interessierte zusammengetan, um sich mit der eisigen Thematik von Mord und Tötung auseinanderzusetzen.

Besonders vertraut mit solchen und ähnlichen Fragen ist Marcel Alexander Niggli. Als Professor für Strafrecht und Rechtsphilosophie stellt er sich den Fragen an diesem kriminalistischen und rechtsphilosophischen Abend. Organisiert hat diese öffentliche Diskussionsrunde der Thriller- und Krimiclub Steinhausen. «Unser Club trifft sich einmal im Monat, um Bücher, Filme oder andere kriminalistische Medien zu besprechen», erklärt Remo Ugolini, Gründer des Krimiclubs.

Die in ihrer Fantasie nach Blut und Mord lechzende Gruppe findet seit 2004 in der Bib­liothek Steinhausen Zuflucht. Einmal im Jahr soll ihre Lei­denschaft für Krimis auch mit der Öffentlichkeit geteilt werden.

Der rechtsphilosophische Hintergrund

Trotz eines anwesenden fachkritischen und fundierten Kenners der Thematik fanden am Dienstagabend nur rund 25 Personen den Weg zur Podiumsdiskussion. Drei Mitglieder des Krimiclubs Steinhausen näherten sich der Realität zu Recht und Gerechtigkeit mit spezifischen Fragen an. Marcel Alexander Niggli gab bereitwillig Auskunft.

Der erste Teil der Diskussion bestand aus rein juristischen Aspekten, in der zweiten Hälfte wagte man sich auch an die rechtsphilosophische Thematik. «Es ist verblüffend, zu sehen, wie konstruiert die Geschichten und Fälle in den Krimis sind», meint Maria-Cristina Schmid, Mitglied des Krimiclubs. Tatsächlich mag es erstaunen, dass Morde meist reine Affekthandlungen sind. Das so oft verwendete Motiv einer minutiös geplanten Tötung oder gar eines Serienmörders, welcher sein grausames Werk ausübt, wird vom Professor verworfen. «Man tötet in der Regel das, was man am meisten liebt», so Niggli. «Hass ist nur ein anderes Wort für Liebe. Aus diesem Grund wird in einem Mordfall auch zuerst der Partner oder die Partnerin des Getöteten untersucht. So können bereits 80 Prozent der Fälle geklärt werden», erklärt Niggli weiter.

Unterschiede in der Urteilssprechung

Erstaunen mag auch die Tat­sache, dass sich bereits innerhalb der Schweiz Unterschiede in der Urteilssprechung finden lassen. «In der Westschweiz mit Can­nabis erwischt zu werden, ist schlimmer als in anderen Teilen der Schweiz», so Niggli schmunzelnd. Die gesellschaftliche Norm formuliert also die Relevanz eines Vergehens.

Dass der normale Mensch sein Leben im Griff haben solle, bezeichnet Marcel Alexander Niggli als Legende. Beinahe jeder Mensch werde kriminell. Wer ein Bleistift am Arbeitsplatz mitgehen lasse, gehöre bereits in diese Kategorie. Der ab­gebrühte Kriminelle oder gar Serienmörder komme höchst selten vor.

«Lasst euch nicht erwischen»

Der Fokus liegt nicht bei Täter oder Opfer, sondern auf der jeweilig gesellschaftlich formulierten Norm für Recht und Unrecht. Werden diese gesellschaftlichen Regeln verletzt, soll Strafe un­sere Wertvorstellungen stabilisieren. Vorwürfe einer bestehenden Kuscheljustiz weist Niggli zurück und kritisiert vielmehr die tiefe Fehlertoleranz, welche Kreati­vität und Mut von jungen Menschen untergräbt. «Meinen Studenten sage ich ­jeweils, macht Fehler und lernt daraus, aber lasst euch nicht ­erwischen», mit diesen Worten schliesst er die zweieinhalbstündige Diskussion des Thriller- und Krimiclubs Steinhausen.

 

Carina Blaser

redaktion@zugerzeitung.ch