STEINHAUSEN: Hund Celtic öffnet ihr viele Türen

Vanessa Meier sitzt im Rollstuhl und zählt im Alltag auf die Hilfe eines Assistenzhundes. Ihr neuer Freund mit vier Pfoten gibt ihr aber auch viel Arbeit.

Abinaya Sivarajah
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Eine Haushaltshilfe der besonderen Art: Labrador Celtic mit Vanessa Meier. (Bild Stefan Kaiser)

Eine Haushaltshilfe der besonderen Art: Labrador Celtic mit Vanessa Meier. (Bild Stefan Kaiser)

«Als ich ihn das erste Mal sah, dachte ich: Hui, ist der gross!», erzählt Vanessa Meier lachend. Jetzt wirken sie und ihr Assistenzhund bereits wie ein eingespieltes Team und das, obwohl die beiden erst zwei Wochen zusammen wohnen. Sie geht liebevoll mit dem schwarzen Labrador namens Celtic um. «A casa!» ruft Vanessa Meier, und der Hund trottet gehorsam in die Wohnung. Assistenzhunde-Instruktorin Natalie Corman beobachtet die beiden genau.

Es war ein komisches Gefühl

Die Fernbedienung fällt auf den Boden, Celtic horcht auf, reagiert aber nicht. «Porta mi!», ruft die 28-Jährige, und schon hebt der ruhige Hund die Fernbedienung auf und bringt sie ihr. Natalie Corman sieht den beiden aufmerksam zu, ist aber zufrieden mit ihren beiden Schützlingen. Celtic hört auf italienische Befehle. «Italienisch hat mehr Silben, die man gut betonen kann. Ein Assistenzhund muss mehr als 40 Befehle unterscheiden können. Da ist es wichtig, dass er die Hörzeichen gut unterscheiden kann», erklärt Corman. Vanessa Meier strahlt jedes Mal über das ganze Gesicht, wenn er einen Befehl korrekt ausführt. Nicht nur Streicheleinheiten, sondern auch Leckerlis gibt es dann jeweils als Belohnung. «Durch die positive Bestärkung bringen wir unseren Hunden vieles bei», berichtet Corman.

«Der Hund gehört immer der Ausbildungsstätte, also der Stiftung Schweizerische Schule für Blindenführhunde», erklärt sie. «So können wir den Hund zurücknehmen, wenn er nicht beim Halter bleiben kann.» Meier nickt zustimmend. «Am Anfang war ich ein bisschen skeptisch», erzählt sie. «Es war ein komisches Gefühl zu wissen, dass ich einen Hund haben werde, der mir im Alltag hilft.» Jetzt ist die 28-Jährige froh, dass Celtic sie in alltäglichen Situationen unterstützen kann.

Die Hunde geniessen Freiheiten

«Ursprünglich wollte ich einen normalen Familienhund. Da ich aber auf den Rollstuhl angewiesen bin, hat die Stiftung mich gefragt, ob ein Assistenzhund in Frage käme», erzählt Meier. «Ich dachte mir nur: Meine Güte, ich kann mir doch keinen Hund für 40 000 Franken leisten.» Natalie Corman schmunzelt leicht bei dieser Aussage. «Die Hundehalter müssen nichts zahlen. Die Stiftung übernimmt gemeinsam mit der IV alle Kosten vom Futter bis hin zu Tierarztbesuchen», erklärt sie. Laut der 49-Jährigen wird aber auch stets darauf geachtet, welcher Hund zu welchem Halter passt. Vanessa Meier weiss inzwischen: «Ein Blindenhund zum Beispiel darf nicht nur auf den Boden schauen. Er muss alles sehen, was der Mensch auch sieht.» Corman pflichtet ihr bei und fügt hinzu: «Hunde, die nicht gerne über offene Treppen laufen, sind für Blinde beispielsweise ungeeignet. Bei Kunden im Rollstuhl stellt das kein Problem dar.» Sie weiss, dass alle Hunde speziell ausgebildet werden. Die Assistenzhunde-Instruktorin erklärt, dass jeder Hund andere Fähigkeiten und Talente hat: «Jeder Hund eignet sich für andere Einsatzgebiete.»

Immer wieder betonen die beiden, dass nicht nur das Wohlergehen des Halters wichtig ist, sondern auch jenes des Hundes. Jeden Tag darf sich Celtic mindestens eine Stunde ohne Leine und mit anderen Hunden austoben. «Viele Haustiere sind unterfordert. Unsere Hunde arbeiten gerne, aber sie geniessen auch ihre Freiheit», meint Instruktorin Corman.

Celtic nimmt Vanessa Meier viel Arbeit ab, sie weiss aber auch, dass er von ihr viel Zeit und Betreuung benötigt. «Einmal hat Celtic mir morgens um 7.30 Uhr seinen leeren Napf auf den Bauch gestellt», meint sie lachend. «Assistenzhunde geben genau so viel Arbeit wie alle Hunde», erzählt Corman.

Wie soll sich die Öffentlichkeit verhalten, wenn sie einem Assistenzhunde-Team begegnet? Corman erklärt: «Am besten ist es, den Assistenzhund zu ignorieren und Hundekontakt zu vermeiden, so dass der Assistenzhund nicht durch Ziehen an der Leine Rollstuhlfahrer gefährdet.» Bald wird sich entscheiden, ob Celtic bei Vanessa Meier bleiben kann. In sechs Monaten heisst es zittern, dann muss Meier eine Prüfung absolvieren, um zu beweisen, dass sie und Celtic als Team harmonieren. «Nervös bin ich schon, aber du hast gesagt wir schaffen das», meint sie zu Corman. «Also schaffen wir das auch!»