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STEINHAUSEN: Tanzaufführung in Steinhausen: Träume statt Businessplan

Das junge Tanztheater Baden präsentierte im Palé14 mit «Café-Sätze» sein neustes Bühnenprojekt. Dabei gelang die Fusion von zeitgenössischem Tanz und Slam Poetry auf bemerkenswerte Weise.
Dorotea Bitterli
Sorgten mit ihrem Auftritt für Staunen und Rührung: die Tänzerinnen des Tanztheaters Baden. (Bild: Werner Schelbert (Steinhausen, 11. März 2018))

Sorgten mit ihrem Auftritt für Staunen und Rührung: die Tänzerinnen des Tanztheaters Baden. (Bild: Werner Schelbert (Steinhausen, 11. März 2018))

Dorotea Bitterli

redaktion@zugerzeitung.ch

Alle Lichter gehen aus, und das Publikum sitzt zunächst in kompletter Dunkelheit, findet nur langsam auch zu kompletter Stille. Eine Männerstimme taucht auf: «Es passiert mir oft, dass ich denke, jetzt sollte etwas passieren, und dann passiert nichts …» Im allmählich heller werdenden Lichtkegel steht eine Menschentraube, aus dem Off kommt Musik, und die Figuren beginnen eine Choreografie aus winzigen Gesten: Köpfe werden gedreht, eine Frau schaut unsicher auf ihre Schuhe, andere mustern sich gegenseitig in Slow Motion, jemand kaut gelangweilt einen Kaugummi. Auf engem Raum begegnen sich sieben einander fremde Menschen, und es passiert zunächst nichts.

Geschichten vom Nebentisch

Dennoch ist die Wirkung magisch: Das etwa 60-köpfige Publikum, welches am Samstagabend im kleinen, aber feinen Showroom Palé14 der Tanzschule Steinhausen Platz genommen hat, hält den Atem an. Die Offstimme gehört dem bekannten Schweizer Bühnen-Poeten und Geschichtenerzähler Simon Libsig, die Texte stammen aus seiner Feder. Zusammen mit Musik und Geräuschen wie Liftklingel, Lachen, Husten oder Niesen bilden sie die Tonspur (Technik Michael Murr), den rhythmischen Boden für das neue Programm des 2016 von freischaffenden Tänzerinnen gegründeten Tanztheaters Baden. «Café-Sätze, Geschichten vom Nebentisch» heisst es und entstand unter der künstlerischen Leitung von Christina Szegedi.

Der Protagonist ist ein überarbeiteter und orientierungs­loser Banker in Anzug und mit Aktentasche. Marcos Bento tanzt ihn mit vollem Körpereinsatz, hetzt herum, isst nicht mehr, verdient aber viel, hängt sich fortwährend an seiner Krawatte auf, schluchzt nachts unter der Bettdecke. Die Ich-Stimme im Off bildet sein Innenleben ab, das im Autopilot-Modus funktioniert, reizüber­flutet, unter Zeitdruck. Als er spätabends hungrig ein Nachtcafé betritt, passiert endlich etwas: «Manchmal trifft es sich, dass wir uns treffen, vielleicht zum allerersten Mal, aber wir treffen uns, und zwar so richtig, wir treffen sozusagen ins Schwarze, und danach sind wir nicht mehr dieselben …».

Dann kann die Liebe passieren

Er trifft auf andere Café-Gäste – die sechs Frauen Iris (Anna Axmann), Katja (Daria Reimann), Amélie (Larissa Gassmann), ­Ronja (Nadja Réthey-Prikkel), Lilo (Ana Kamber) und Ava (Christina Szegedi). Und er schnappt ihre Geschichten auf, lauscht den Sätzen vom Nebentisch. In Gruppentänzen, Pas-de-deux und Solochoreografien beginnt eine subtile individuelle und kollektive Reise zum eigenen Ich, zu den vergessenen Sehnsüchten.

«Wie oft war ich jemand, der ich nie war?», fragt Libsigs Stimme. Aus Businessplänen werden wieder Träume. Im Traum rollt dem Banker eine wunderschön rätselhafte grosse Holzkugel zu; im Wachen aber geniesst er hingebungsvoll eine kleine Schokoladenkugel – das Publikum muss schmunzeln. Auch die Liebe kann jetzt passieren, in Gestalt der rauchenden Malerin Ava, welche ihm erklärt, weshalb ihr Pinsel aus Eichhörnchen-Haaren gemacht ist und dass jeder Mensch nur eine einzige Lebensleinwand zu Verfügung habe.

«Nach dieser Nacht» ist er nicht mehr derselbe, baut seine eigene Tisch-Stuhl-Skulptur und initiiert ein zauberhaftes Schlussbild – eine Kette von sieben Menschen, die sich händehaltend über eine Brücke aus weissen Stühlen helfen: nicht mehr allein!

Der Applaus und das Staunen im Publikum enthüllten Berührtsein und Begeisterung.

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