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STEINHAUSEN: Tavolata, denn alleine essen «ist einfach nicht schön»

Als einzige Gemeinde könnte das Dorf bald über zwei Tavolata-Kochgruppen verfügen. Das liegt auch an der Werbung des ersten Ensembles, in dem sechs Frauen mehr als nur die Rüstmesser miteinander teilen.
Raphael Biermayr
Blick in den Steamer: Elvire Kuenzle-Courvoisier, Jolanda Müller-Gadola und Ria Ludivig-Bitzi (von links) in der Schulküche Sunnegrund in Steinhausen. (Bild: Stefan Kaiser (21. März 2017))

Blick in den Steamer: Elvire Kuenzle-Courvoisier, Jolanda Müller-Gadola und Ria Ludivig-Bitzi (von links) in der Schulküche Sunnegrund in Steinhausen. (Bild: Stefan Kaiser (21. März 2017))

Raphael Biermayr

raphael.biermayr@zugerzeitung.ch

Einen Mann haben sie hier schon lange nicht mehr am Herd stehen sehen. «Kurze Zeit machte mal einer bei uns mit – aber nachdem er eine Freundin gefunden hatte, ist er nicht mehr aufgetaucht», sagt Jolanda Müller-Gadola. Und Ria Ludivig-Bitzi wirft ein: «Seither lässt er sich wahrscheinlich bekochen.» Und dann dringt sinngemäss durch, dass man mehr als den Mann das frische Gemüse aus dessen Garten vermisst.

Gelächter hallt durch die Küche im Steinhauser Schulhaus Sunnegrund, wo die sechsköpfige Tavolata-Gruppe im Altersspektrum von 70 bis 75 Jahren sich einmal monatlich trifft, um über den Mittag während vier bis fünf Stunden ein mehrgängiges Menü zu kochen, das danach bei einer Flasche Wein verspeist wird. Neben Müller und Ludivig sitzt auch Elvire Kuenzle-Courvoisier am Tisch, um über die Erfahrungen zu berichten, die die Gruppe in den vergangenen bald fünf Jahren gesammelt hat. Kürzlich war eine Delegation der Urgruppe zu einer Informationsveranstaltung zum Aufbau einer zweiten Gruppe in Steinhausen eingeladen, um von ihren Erfahrungen zu berichten. Die neue Gruppe wäre die siebte im Kanton Zug (siehe Box).

Sehnsucht nach einem Kulturgut

Es stimmt nachdenklich, dass der Anreiz für eine Kochgruppe nicht von interessierten Personen selbst, sondern von aussen geschaffen wird. «Ein ‹Anstupf› ist tatsächlich nötig», sagt die redegewandte Müller. Das Tavolata-Konzept ist darauf ausgerichtet, Personen beim gemeinsamen Kochen und Essen zwecks Austausch zusammenzubringen. Es richtet sich nicht explizit an Alleinstehende, wird aber vorwiegend von solchen genutzt. Dazu kommt die Sehnsucht nach einem verschwindenden Kulturgut: dem gemeinsamen Essen. «Gerade für unsere Generation ist das noch wichtig», sagt Kuenzle. Sie bringt dank ihren Westschweizer Wurzeln eine besondere Note auf den Menüplan der Gruppe, die sich vorgenommen hat, nie das Gleiche zu kochen. «In 50 Veranstaltungen haben wir tatsächlich nie zweimal die gleiche Hauptspeise zubereitet», sagt Jolanda Müller stolz. Sie führt Buch über die bisherigen Speisen. Für das nächste Mal ist Schweinsvoressen mit Ananas sowie Griessschnitte geplant, gefolgt von Prussiens – schnell schiebt Müller ein entsprechendes Rezept über den Tisch zu Ludivig.

Jene ist anscheinend der besonders kritische Geist in der Runde, als junge Frau hat sie als Beiköchin im Entlebuch gearbeitet. Die gegenseitige Bewertung der Gerichte ist Teil des Rituals. Wenn die Panna Cotta etwas hart war oder etwas gar viel Salz den Geschmack des Randensalats bedroht, muss das auf den Tisch.

Die Steinhauser Gruppe sucht keine neuen Mitglieder. Neben den erwähnten drei Frauen umfasst sie Vreni Näf, Margrith Heitzmann und Anneliese Geissler. Es sei nicht ausgeschlossen, mal einen Gast zu begrüssen, «aber der muss mitkochen!», stellt Ria Ludivig klar – reine Mitesser sind hier nicht geduldet.

Eine Herdfreundschaft in die Westschweiz

Durch die Tavolata-Gruppe haben sich unter den sechs Rentnerinnen Freundschaften ergeben. Abseits der Küche unternehmen sie einmal jährlich gemeinsam einen Ausflug. Sozusagen dienstlich unterwegs sind sie, wenn die Tavolata-Jahrestagung ruft. An einer solchen habe sich vor zwei Jahren eine Herdfreundschaft zu einer Gruppe aus La Chaux-de-Fonds ergeben – man lädt sich seither gegenseitig zum selbst zubereiteten Essen ein.

Während des Erzählens verlieren sich die drei Steinhauserinnen in der Schulküche immer wieder in Fachgesprächen. So wird etwa diskutiert, ob es sich bei Pommes dauphine um eine Gratin-Art handelt. Einigkeit herrscht darüber, dass beim Wein nicht gespart wird. Die Ausgaben pro Gericht betragen im Durchschnitt für jedes Mitglied 15 Franken, hat Müller ausgerechnet und wischt mit dem Finger über ihr Smartphone, das Fotos einiger Köstlichkeiten zeigt. Es zeigt sich: Zu hungern braucht in dieser äusserst lebendigen Tavolata-Gruppe niemand.

Und wenigstens während dieser Zeit auch nicht gegen die Einsamkeit anzukämpfen. «Allein essen ist einfach nicht schön», weiss Jolanda Müller.

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