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Stinkende «Freakshow» in Zug: Als ein Wal zu Besuch war

Eine konservierte Walleiche machte vor 66 Jahren in Europa Furore. Der 55-Tonnen-Kadaver zog von Stadt zu Stadt und machte auch in Zug Halt. Ein Einheimischer erinnert sich an den beissenden Formalin-Geruch.
Andreas Faessler
Auf einem Güterwagon wurde der 55 Tonnen schwere Kadaver der Waldame «Mrs. Haroy» durch Europa geschleppt. Der Halt in Zug wurde gross angekündigt (Bild weiter unten). (Bilder: PD)

Auf einem Güterwagon wurde der 55 Tonnen schwere Kadaver der Waldame «Mrs. Haroy» durch Europa geschleppt. Der Halt in Zug wurde gross angekündigt (Bild weiter unten). (Bilder: PD)

Eine «Welt-Sensation» wurde den Zugern für den 8. Mai 1952 in den Zeitungen angekündigt: Mrs. Haroy ist einen ganzen Tag lang zu Besuch in der Stadt. Ja, es mag tatsächlich eine Sensation gewesen sein – eine bizarre Leichenschau, welche sich für die Besucher schnell als olfaktorische Herausforderung erwies.

Mrs. Haroy war ein toter Finnwal, 23 Meter Lang und knapp 55 Tonnen schwer. Sein konservierter Kadaver war damals in Europa unterwegs als eine Art Wanderausstellung – auch in der Schweiz. Von Zürich wurde der Riesenfisch nach Winterthur geschleppt, schliesslich nach Rorschach und St. Gallen. Danach kamen unter anderem die Aargauer, Solothurner, Berner, Luzerner und Zuger in den Genuss der übelriechenden Tierleiche.

7000 Liter Formaldehyd

Woher kam dieser tote Finnwal, und warum bugsierte man ihn von Stadt zu Stadt? Der dänische Antiquitätenhändler und Multimillionär Leif Søegaard soll der Überlieferung zufolge die Idee gehabt haben, der Welt einen echten Wal zeigen zu wollen, nachdem sein Sohn ihn gefragt hatte, wie ein solches Tier denn in Natura aussehe. Søegaard beauftragte die Norwegische Walfangstation Steinshamn, ihm ein Exemplar zu besorgen. Am 18. September 1951 wurde vor der Insel Haroy besagter Finnwal erlegt. Es war ein weibliches Tier, weshalb es den Namen Mrs. Haroy erhielt.

Das Konservieren eines ganzen Wales war damals allerdings etwas Neues. Leif Søegaard wandte sich an einen Wissenschafter, der gerade mit einer neuen Art Formaldehyd experimentierte. Dieser pumpte den Kadaver mit 7000 Litern des Mittels voll, was ihn für mindestens zwei Jahre «frisch» halten sollte.

«Ich erinnere mich noch sehr gut an den Geruch des Formalins. Es stank fürchterlich.»

Oskar Rickenbacher, Zeitzeuge

Fertig präpariert wurde der Riesenfisch auf einem Schiff von Steinshamn nach Bergen gebracht, dort auf einen Tiefladewagen der Eisenbahn gehievt und auf Tour geschickt. Die streng riechende «Welt-Sensation» wurde in zahlreichen Städten in Norwegen, Schweden, Dänemark und Deutschland präsentiert. Ab Mitte März 1952 war die makabre Fracht schliesslich in der Schweiz unterwegs und lockte jeweils Heerscharen von Schaulustigen an die Gleise. So auch am 8. Mai in Zug. Am Güter-Freiverlad beim heutigen Ökihof konnten die Zuger die Tierleiche sehen – und riechen. «Ich erinnere mich noch sehr gut an den Geruch des Formalins. Es stank fürchterlich», berichtet Oskar Rickenbacher.

Die Ankündigung in den Zuger Zeitungen einen Tag zuvor.

Die Ankündigung in den Zuger Zeitungen einen Tag zuvor.

Der Zuger stand damals als 13-jähriger Bub am Perron beim Güterbahnhof und bestaunte den monumentalen Walkadaver. «Am Vortag waren im ‹Zuger Volksblatt› und in den ‹Zuger Nachrichten› jeweils ein Inserat und eine Kurzbeschreibung des Finnwales erschienen», so Rickenbacher. Mit der Notiz «so schwer wie 1000 Menschen» wollte man den Leuten den Koloss noch schmackhafter machen. Auch wenn demzufolge eine Person durchschnittlich magere 55 Kilo wiegen würde – 1000 klingt sensationeller als nur eine dreistellige Zahl. Die etwas übertriebene Ankündigung verfehlte ihre Wirkung nicht: «Der Besucheraufmarsch am Tag der Ausstellung in Zug war sehr gross», erinnert sich Rickenbacher.

Der Besuch von «Mrs. Haroy» hat auch bei den Zugern ordentlich Eindruck hinterlassen. Auf dem Titelblatt der Fasnachtszeitung «Das Feuerhorn» vom Februar 1953 war der Walfisch mit dem Attribut «übler Geruch» abgebildet, wie er ein Bad in der Menge nimmt. Im Vordergrund ist der US Bomber B-17G zu sehen, der 1944 nach einer Notlandung im Zugersee versunken und 1952 schliesslich geborgen worden war. Daneben der Freiheitsbaum, aufgestellt an der Zentenarfeier anlässlich 600 Jahre Zug im Bund der Eidgenossen.

Unrühmliches Ende

Nachdem «Mrs. Haroy» quer durch Europa gezerrt worden war, verschiffte man den Kadaver im April 1953 und brachte ihn nach Amerika, wo die bizarre Tour durch die USA, Kanada und Mexiko fortgesetzt werden sollte. Nach über 165 Stationen in Europa war der tote Fisch etwas labbrig geworden, worauf er mit Stahl und Beton von innen her «aufgefrischt» worden sein soll.

Angekommen in Übersee, wurde «Mrs. Haroy» vorerst in einem Depot in Weehawken (New Jersey) abgestellt, während Søegaard mit potenziellen Ausstellern verhandelte. Gemäss Berichten amerikanischer Zeitungen wurde der Wal zuerst in Manhattan an der Ecke Broadway/69th Street gezeigt und anschliessend nach Brooklyn gebracht. Dort stellte man ihn auf Coney Island auf, dem beliebten Naherholungs- und Vergnügungsgebiet am Meer.

Der Fisch verblieb längere Zeit auf Coney Island und ging den Geschäftstreibenden in der Umgebung allmählich auf die Nerven, da die zahlreichen Fressbuden rundherum drastisch an Kundschaft verloren. Es war angekündigt, dass der Kadaver am 12. Juli 1954 weiterziehen sollte, doch er verblieb gemäss «The Billboard» aus unbekannten Gründen vor Ort. Am 13. Juli ging das Gerüst mitsamt dem unappetitlichen Exponat in Flammen auf. Die Urheber sind unbekannt geblieben. Aus den Aufzeichnungen geht hervor, dass kein Mensch der Walleiche nachtrauerte, zumal die «Welt-Sensation» die Amerikaner nicht wirklich im selben Masse zu begeistern vermochte wie die Europäer.

Leif Søegaard soll höchst unerfreut gewesen sein über das «unwürdige Ende» seiner Waldame.

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