Strafgericht Zug
Die Staatsanwaltschaft will einen 33-Jährigen für längere Zeit von allen Sportstätten fernhalten

Die Richter haben den Fall eines Mannes zu beurteilen, der einen Widersacher zu Boden schlug, sein Amt als Trainer missbrauchte und mit seinem Auto massiv die Höchstgeschwindigkeit überschritt. Wie in solchen Fällen üblich, gab der Beschuldigte nicht alle strafbaren Handlungen zu.

Marco Morosoli
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Jedes Verfahren hat eine mehr oder weniger lange Geschichte. Diese Routine durchbrach die Verhandlung über mutmassliche Verfehlungen eines 33-jährigen Manns aus dem Kanton Zug am Montag in keiner Weise. Vielmehr vereinigte die Zuger Staatsanwaltschaft zwei Strafverfahren miteinander. Das Zuger Strafgericht tagte in Dreierbesetzung und musste sich mit einer versuchten schweren Körperverletzung, mehrfachen sexuellen Handlungen mit Kindern, mehrfacher Nötigung und mehrfacher Pornografie sowie mehrfacher Widerhandlungen gegen das Strassenverkehrsgesetz befassen. Diesen Strauss von Verfehlungen fasste die Zuger Staatsanwaltschaft auf für juristische Verhältnisse knappen 21 Seiten zusammen.

Es überraschte kaum einen Prozessbeobachter, dass der Verteidiger nach Kräften versuchte, seinen Klienten in ein besseres Licht zu rücken. Dieses Kunststück wollte der Anwalt des Beschuldigten schaffen, in dem er zu Beginn seiner Erläuterungen etwas über das Leben seines Klienten erzählte. Er habe eine schwere Jugend gehabt. Der Vater, ein Unternehmer, habe ihn geschlagen und sexuell missbraucht. Einmal sei er zu spät vom Kindergarten nach Hause gekommen. Da habe der Vater kurzerhand einen Koffer genommen, ein paar Kleider in diesen gestopft. Hernach sei er mit dem Kindergärtler nach draussen gegangen, habe ihn am Strassenrand platziert und sei dann verschwunden. Diese Demütigungen mochte der Heranwachsende nicht mehr länger dulden. Wie der Verteidiger schilderte, habe dieser bei einer Ballsportart eine Art sicheren Hafen angesteuert und auch gefunden. Die Karriere des heute 33-jährigen Mannes verlief vielversprechend, aber nach einer gewissen Dauer des frühen Höhenflugs sei dieser jäh abgebrochen.

Der Beschuldigte gerät schnell einmal auf die schiefe Bahn

Dies unter anderem auch deshalb, weil das Talent die begonnene Bäckerlehre und den Ballsport nur mehr schwer unter einen Hut zu bringen vermochte. Statt eines Profivertrags musste der Beschuldigte bei mittelmässigen Ballsportvereinen andocken. Dort rutschte er weiter ab. Er habe mit anderen Gleichaltrigen in einer Quartiergang irgendwo im Kanton Zug ein paar «dumme Sachen» gemacht. Die Nachfrage unserer Zeitung bei der Staatsanwältin ergibt nichts Konkretes. Sie sagt nur, dass es sich «um eine verwerfliche Tat» handelte. Jene trug dem Mann eine längere Gefängnisstrafe ein.

Er hatte Glück, dass er vorzeitig auf Bewährung freikam. Ballsportvereine haben eigentlich fast immer Mangel an Spielern wie auch Funktionären. Der heute 33-Jährige wurde Trainer. In diesem Zusammenhang soll es laut der Staatsanwaltschaft zu übergriffen sexueller Art gekommen sein. Diese Handlungen schildert die Anklageschrift ausladend. In einem Fall soll der Beschuldigte mit einem seiner Spieler an einem frühen Sonntagmorgen in einen Wald gefahren sein. Dort angekommen, habe der Beschuldigte den Jugendlichen angehalten, nackt Liegestützen zu machen. Als «Belohnung» versprach er ihm die Captainbinde. Ein anderes Mal ging es um fehlendes Geld, um den Mitgliederbeitrag im Ballsportverein zu begleichen. Die Staatsanwaltschaft zitiert weitere ähnlich gelagerte Fälle. Der Verteidiger sagte später in der Verhandlung, dass sein Mandant «im Teenageralter» stecken geblieben sei.

Rasen mit Junioren im Auto

Mit Spielern im Auto soll der Mann aber auch derart schnell herumgefahren sein, dass einer seiner temporären Schutzbefohlenen mit der Angst bekommen habe. Er soll diese Tempoexzesse einerseits gefilmt und als Meldung verschickt haben. In der Verhandlung wird der Beschuldigte sagen, dass «ich nicht gefahren bin». Sein Rechtsbeistand sagte dann noch, dass sich das Strafgericht doch nicht «auf die Aussagen von Jugendlichen berufen kann, die noch nicht Auto fahren können».

Gegensätzlich Handlungsstränge gibt es in diesem Verfahren auch in Bezug auf eine Begegnung des 33-Jährigen mit einem anderen Trainer in einer Ennetseegemeinde. Die Zuger Staatsanwaltschaft sieht es als erwiesen an, dass der Angeklagte sein Gegenüber geschlagen habe und dadurch den Tatbestand der versuchten schweren Körperverletzung erfüllt habe. Demgegenüber versuchte der Verteidiger, die Richter davon zu überzeugen, dass es keinerlei Beweise für den Vorwurf der Anklagebehörde gebe.

Ein Verteidigungsvortrag zum Ende

Am Schluss nutzte der Beschuldigte das Institut des «letzten Worts». Er tat dies sehr langatmig. So sagte er, dass «der Beschuldigte immer schuldig» sei. Er wollte aber erwähnt haben, dass er «nie die Absicht gehabt habe, jemanden zu schädigen», mehr noch, «ich habe auch Gutes gemacht». Er könne sich auch «Mühe geben, um sich zu resozialisieren».

Die Staatsanwältin hatte derweil die Ansicht vertreten, dass der Zuger die Handlungen mit den Spielern des Ballsportvereins bagatellisiert habe. Er sei von den Jugendlichen als Vorbild angesehen worden. Als stossend taxierte die Anklagebehörde auch, dass der Mann – kaum auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen – wieder in alte Muster zurückfiel. Am Dienstag um 15 Uhr wollen die drei Strafrichter ihr Urteil fällen. Die Strafforderungen liegen um Welten auseinander: Achteinhalb Jahre fordert die Staatsanwaltschaft; der Verteidiger hofft, dass sein Mandant mit acht Monaten davonkommt.