Strafgericht Zug
Erpressung: Die Richter entscheiden sich für die «goldene Mitte»

Ein 27-jähriger Mann schickte einer ihm bekannten Frau Textnachrichten. Deren Inhalt brachte die Empfängerin dazu, dem Absender Geld zu überweisen. Ebenfalls knapp bei Kasse, musste die Frau einen Kredit aufnehmen. Mittlerweile hat die Erpresste ihre Anzeige zurückgezogen.

Marco Morosoli
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Die Palette der Möglichkeiten, einer anderen Person mit Nachteilen zu drohen, sind in der digitalen Welt um einige Formen erweitert und gleichzeitig die Aufwände dafür vereinfacht worden. Wo es früher Briefe oder Telefonanrufe brauchte, sind heute Textnachrichten auf den verschiedensten Webplattformen ein ebenso probates Mittel, um dem Gegenüber zu signalisieren: Wenn du nicht spurst, dann bist du dran.

Ein 27-jähriger Mann aus einem südosteuropäischen Staat mit neun Sternen in seiner Landesflagge schickte im vergangenen Sommer einer ihm bekannten Frau eine solche Textnachricht in die Schweiz. Wie der Anklageschrift zu entnehmen ist, hatte die Textnachricht sinngemäss folgenden Wortlaut: Er drohte, dass er ihrem Freund erzählen werde, dass er sich mit ihr getroffen habe. Im Weiteren eröffnete der Erpresser der Frau, dass er ein Foto in seinem Besitz habe, welches ihr schaden könnte. Er würde nur davon absehen, wenn sie ihm eine Summe von 1800 Franken überweise. Selber klamm, musste sie einen Kleinkredit aufnehmen und schickte das Geld via Western Union nach Südosteuropa.

Die Masche mit einer anderen Telefonnummer einfach wiederholt

Da die Masche funktionierte, versuchte der Mann es ein zweites Mal. Er bediente sich hierfür aber einer Telefonnummer aus seinem Heimatland, weil die Frau seine Nummer hatte sperren lassen. Doch es blieb beim Versuch. Stattdessen zeigte die einmal erpresste Frau ihn bei der Polizei an. Die Flut von Textnachrichten endete aber immer noch nicht. Was bei diesen Botschaften auffällt: Sie lassen in gewissen Passagen breiten Platz für Interpretationen und sind sehr wirr formuliert. Für den Staatsanwalt war nach der Aktenlage aber klar: Der 27-jährige Mann hat die Frau fortgesetzt erpresst. Beim geforderten Strafmass zeigte der Ankläger seine harte Hand: Er forderte eine Gefängnisstrafe von drei Jahren. Dies auch, weil er eine aus einem früheren Verfahren stammende und bedingt ausgesprochene Strafe widerrufen wollte.

Der Pflichtverteidiger des in der Schweiz geborenen Mannes plädierte verständlicherweise für eine milde Bestrafung. Dies vor allem, weil bei einer Erpressung die Androhung eines «ernstlichen Nachteils» erfüllt sein müsse. Ein solcher könne jedoch nicht vorliegen, wenn die Fotografie, welche die Gegenseite gefügig machen soll, harmlos sei. Dieses Bild zeige eine Frau, die in einem Auto sitzend eine Zigarette rauche: Eine Szene, die in der Schweiz tagtäglich Tausende Male fotografiert werde. Dann fügte der Verteidiger noch an: «Nur verschrobene Charaktere kommen auf die Idee, aus dieser Aufnahme etwas Ehrenrühriges über die rauchende Person abzuleiten.»

Er liess auch noch verlauten, dass der mutmassliche Erpresser sich mittlerweile aussergerichtlich mit der Frau geeinigt habe. So beglich er unter anderem den Schaden. Der Pflichtverteidiger wollte auch noch erwähnt haben, dass er das widerrechtliche Tun gestanden habe. Es sei auch von einer Landesverweisung abzusehen. Die Niederlassungsbewilligung habe er schon früher verloren. Er könne derzeit nur noch als Tourist in die Schweiz einreisen. Dies würde ihm ermöglichen, seine Frau mitsamt Kind zu besuchen. Diese lebten wie viele Mitglieder seiner Familie in der Schweiz.

Der Referent will das Urteil als Denkzettel verstanden wissen

Das dreiköpfige Gericht befand nach zweistündiger Urteilsberatung vermutlich den goldenen Mittelweg. Die Maximalforderung der Verteidigung – ein Freispruch – war wohl der berühmte Dreh zu viel. Jedoch auch der Staatsanwalt sah seine Strafforderung von drei Jahren Gefängnis wegen fortgesetzter Erpressung nicht erfüllt. Der Referent liess sich im Strafgerichtssaal kurz vernehmen, wie das Gremium zu seinem Urteil gekommen sei, es bei einer Gefängnisstrafe von zehn Monaten für den Erpresser zu belassen. Er nannte das Geständnis des Beschuldigten wie auch die Reue für sein widerrechtliches Tun als Gründe. Doch etwas gab der Referent dem 27-Jährigen auf den Weg: «Das Urteil soll ein Denkzettel sein.» Dieses ist noch nicht rechtskräftig, weil der Staatsanwalt «eine Nacht darüber schlafen» will. Den verurteilten Erpresser interessiert derweil anderes. Er fragt den Referenten: «Kann ich dann mit meinem Auto in mein Heimatland fahren?» Diese Frage geht aber irgendwie in der Aufbruchstimmung im Gerichtssaal unter.