STRAFGERICHT ZUG
Rätsel, Reue, Richtigstellung: Jetzt reden die Anwälte des Zuger Dealer-Trios

Die Staatsanwaltschaft hatte ihre Chance, jetzt kommen die Anwälte: Die Vertreter dreier Männer aus dem Balkan, die kiloweise Kokain und Cannabis gedealt haben sollen, versuchen, die Strafen gegen ihre Mandanten zu drücken. Vor allem bei einem stellt sich die Frage: Was hatte er mit den Drogengeschäften genau zu schaffen?

Kilian Küttel
Drucken

Da sitzt er. Hängende Schultern, steifes Genick. Den Kopf dreht er nur, wenn die Dolmetscherin rechts von ihm etwas übersetzt, das ihn angeht. Ansonsten bleibt der Blick starr und unverrückbar an die Wand hinter Richterin Carole Ziegler gerichtet. Seit anderthalb Tagen geht das so.

Was ist dieser 51-jährige Serbe für ein Mann, der während der gesamten Untersuchung kein Wort von sich gegeben hat, in den vorzeitigen Strafvollzug einwilligte und erst an Tag eins der Hauptverhandlung den Mund aufmachte, um die meisten Vorwürfe von sich zu weisen?

War er der gleichgestellte Partner eines Landsmanns und ehemaligen Clubbetreibers, der sich am Donnerstag und Freitag mit ihm und einem 44-jährigen Bosnier vor dem Zuger Strafgericht verantworten musste? Haben die beiden zwischen Februar und Mai 2019 tatsächlich im Team fünf Kilogramm Kokain an den Mann gebracht? Oder war der stille Zeitgenosse mit mausgrauem Haar und weissen Turnschuhen nichts weiter als ein kleines Rädchen in dem System aus Kokainverkauf, Cannabisanbau und -handel, das der Ex-Gastronom aufgezogen hatte, wie das Uhrwerk seiner Rolex, welche die Polizei im August 2019 bei ihm beschlagnahmte?

Unbemerkt ein Kilo Koks geliefert?

Letztere Ansicht vertrat der Verteidiger des 51-jährigen Serben. Fast eine Stunde lang versuchte er, das Strafgericht am Freitagvormittag zu überzeugen: Sein Mandant war höchstens der Handlanger, der Adlat des Geschäftsführers, sicher aber nicht der Kopf der losen Organisation, welche die drei Männer eingegangen waren, die vor Gericht standen. «Mein Klient ist heute und war damals mittellos. Er war in Geldnot und hat gewusst, dass sein Mitbeschuldigter mit Drogen handelte.» Aus einer Notsituation heraus habe er sich an den Gastronomen gewendet, für ihn kleinere Besorgungen erledigt, Kurierfahrten übernommen.

Wie am 30. April 2019, als er in der Nähe von Zürich einem anderen ein Paket im Austausch für ein Couvert gegeben habe. Dass er gerade ein Kilo Kokain ausgefahren hat, habe sein Mandant nicht gewusst.

Anwälte wollen Strafen drücken und Landesverweise abwenden

Anderer Meinung ist die Zuger Staatsanwaltschaft, die im stillen Serben einen Kriminellen sah, der sich jetzt mit «absurden und völlig unglaubhaften Schutzbehauptungen» aus der Affäre zu ziehen versucht. Laut dem Staatsanwalt haben sich die beiden Männer die Arbeit aufgeteilt, der Clubbetreiber schaffte die Kundschaft heran und pflegte die Kontakte, der 51-jährige Serbe besorgte die Drogen. «Das zeigte sich etwa daran», so der Staatsanwalt, «dass sie den Gewinn hälftig teilten.»

Seit über zwei Jahren sitzt der Serbe im Gefängnis; geht es nach der Staatsanwaltschaft, sollen es am Ende sechs Jahre sein, bevor der Mann für sieben Jahre des Landes verwiesen wird. Demgegenüber wollte der Verteidiger die Freiheitsstrafe auf zwei Jahre und elf Monate, den Landesverweis auf fünf Jahre drücken. Am Ende der Verhandlung stellte Richterin Carole Ziegler für Ende August ein Urteil aus.

Dann wird auch klar, ob das Strafgericht den Antrag der Staatsanwaltschaft bestätigt, und den 50-jährigen Clubbetreiber vier Jahre und neun Monate ins Gefängnis schickt. Dessen Anwalt plädierte, es bei drei Jahren Gefängnis zu belassen. Zudem stellte er den Antrag, dem Mann wegen eines schweren persönlichen Härtefalls einen siebenjährigen Landesverweis zu ersparen, wie dies die Staatsanwaltschaft will.

Die Beschuldigten geben sich reumütig

Der Verteidiger argumentierte im Wesentlichen, sein Mandant habe im Kokaingeschäft nur als Vermittler fungiert, dabei aber keinen Franken Gewinn gemacht. Darüber hinaus habe er der Untersuchung einen «grossen Dienst erwiesen», indem er gestanden und seine Beteiligungen im Marihuanageschäft offengelegt habe.

Laut den Strafverfolgern soll der 50-Jährige 24 Kilogramm Haschisch und 180 Kilogramm Marihuana verkauft haben, das er zum Teil mit einem 44-jährigen Bosnier in einer Lagerhalle im Kanton Zug züchtete, der zu 20 Monaten bedingt verurteilt werden soll. Auch wenn dessen Anwalt 16 Monate Strafe auf Bewährung forderte, wehrte er sich doch vor allen Dingen gegen den Landesverweis, der auch ihn zu ereilen droht. Müsste er die Schweiz verlassen, in der er seit fast 30 Jahren lebe, stünde er vor dem Nichts, sagte der Anwalt des 44-Jährigen. «Ich habe mich mit den falschen Leuten eingelassen. Es tut mir sehr leid, ich schäme mich», sagte der Familienvater zum Ende der Verhandlung – und tat es damit seinem Vorredner gleich, dem 50-jährigen Clubbetreiber.

Und der stille Serbe? Auch er beteuerte seine Reue, erklärte, er habe sich nie mit kriminellen Machenschaften einlassen wollen: «Es tut mir leid, wirklich sehr leid», sagte er. Und starrte wieder geradeaus.