Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Strafgericht Zug: Wenn die Tochter den Vater beschuldigt

Ein Mann stand wegen mehrfacher sexuelle Belästigung seiner Tochter vor Gericht. Erhärten liessen sich die Vorwürfe des Teenagers jedoch nicht. Vielmehr sprach vieles dagegen. Sogar die Staatsanwaltschaft forderte einen Freispruch.
Christopher Gilb

Liest man die Anklageschrift, geht man vom Schlimmsten aus. Da ist die Rede von einem Familienvater aus dem Kanton Zug, der seine Tochter zweimal die Woche zwischen deren 7. und 9. Lebensjahr im Familienbett in der Genitalregion berührt haben und sie auch dazu gebracht haben soll, ihn zu berühren. Zudem soll er einmal auf dem Rückweg vom Seenachtsfest ihre Brüste berührt haben. An der Gerichtsverhandlung zeigte sich aber, dass die Anklageschrift gewissermassen bereits überholt war.

Doch von Anfang an: Auf der rechten Seite hatte der Beschuldigte Platz genommen, hinter ihm seine Ehefrau. Links sass die junge Erwachsene als Privatklägerin in Begleitung ihrer Rechtsanwältin. Vater und Tochter würdigten sich keines Blickes. Wegen einer Meldung der Schulsozialarbeiterin hatte die Polizei 2017 die Ermittlungen im Fall aufgenommen. Seitdem wohnt die Jugendliche in einem Kinderheim. Der Angeklagte sagte, dass er und seine Frau intensiv um einen Kontakt bemüht seien, aber ohne Erfolg. Und weiter, dass er immer eine gute Beziehung zu seiner Tochter gehabt habe und sich auch wünsche, dass die Familie wieder zusammenfinde. Ob er sich dann einen Grund für die Vorwürfe vorstellen könne, fragte der Richter. Nein, seine Frau und er würden das nicht verstehen und auch nicht, was sie damit erreichen wolle. Der Richter befragte ihn zu den Vorwürfen. Diese seien unlogisch, da er damals berufsbedingt je drei Wochen pro Monat auf Reisen gewesen sei, zudem habe die Tochter gar nie im Ehebett geschlafen, erklärte er. Wieso das?, hakte der Richter nach. Vermutlich weil sie von Anfang an eher selbstständig gewesen sei. Auch die Vorwürfe zum Seenachtsfest bestritt er. Den Arm habe er vielleicht auf ihre Schulter gelegt, mehr nicht.

Staatsanwaltschaft forderte Freispruch

Die Staatsanwaltschaft jedenfalls liess, da sie keine Beweise fand und die Aussage der Mutter und des Vaters gegen jene der Tochter standen, ein Glaubwürdigkeitsgutachten anfertigen. Dieses attestiert der Jugendlichen bei ihrer Schilderung der Tatvorwürfe einen tiefen Detaillierungsgrad, zusammengefasst wenig Glaubwürdigkeit. Die Staatsanwaltschaft beantragte deshalb einen Freispruch. Da das Gutachten jedoch die Vorwürfe genau genommen weder bestätigt noch widerlegt, stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren nicht ein, sondern überliess es dem Richter, ein Urteil zu fällen.

Der Anwalt des Vaters forderte ebenfalls einen Freispruch: Die Plausibilitätsprüfung habe gezeigt, dass die Behauptungen der Tochter ins Reich der Fantasie gehören. Zudem sei es nicht vorstellbar, dass wenn es bis zu 200 Übergriffe im Ehebett gegeben habe, die Ehefrau daneben nie etwas bemerkt habe. Der Anwalt machte auf noch was aufmerksam; dass sich die Tochter, wenn doch so etwas passiert sei, nicht immer erneut freiwillig ins Ehebett gelegt hätte. Zum Vorwurf mit dem Seenachtsfest führte er noch aus, dass selbst die Tochter gesagt habe, dass die geschilderte Berührung ein Versehen gewesen sei, also kein Vorsatz bestanden habe. Zudem wies der Anwalt darauf hin, dass bei der Durchsuchung des Hauses kein bei solchen Fällen typisches pornografisches Material gefunden wurde, und dass Mädchen schon früher zu übertriebenen Aussagen geneigt habe. Einzig die Anwältin der Jugendlichen forderte eine Verurteilung. Den tiefen Detaillierungsgrad führte sie darauf zurück, dass ihre Mandantin als Teenager nur ungern über solche Dinge spreche.

Der Richter sprach den Vater frei. Auch ihm sei der tiefe Detaillierungsgrad bei den Aussagen der Tochter zum Sachverhalt aufgefallen, zu anderen Erlebnissen habe sie sehr detailreich und erwachsen gesprochen. Dann äusserte er sich zum möglichen Motiv für ihr Handeln. Dazu heisse es unter anderem im Gutachten: jemanden aus dem Familiengefüge zu drängen oder auch die Mutter zu bestrafen. Vater und Mutter hatten vor einigen Jahren für längere Zeit getrennt gelebt. Vielleicht deshalb. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.