STRAFPROZESS: Zu den Vorwürfen schweigt er

Der frühere Zuger Stadtrat Ivo Romer steht vor Gericht. Ihm wird vorgeworfen, eine inzwischen verstorbene Witwe betrogen zu haben. Es geht nicht nur um Millionen.

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Der angeklagte Ivo Romer gestern auf dem Weg zum Zuger Strafgericht. (Bild: Werner Schelbert / Neue ZZ)

Der angeklagte Ivo Romer gestern auf dem Weg zum Zuger Strafgericht. (Bild: Werner Schelbert / Neue ZZ)

Harry Ziegler

Es ist kein schmeichelhaftes Bild, das die beiden Staatsanwältinnen Karin Eisenring und Regula Schauri vom ehemaligen Zuger FDP-Stadtrat Ivo Romer (52) zeichnen. Er wird als berechnend, eiskalt und nur auf den eigenen Vorteil bedacht dargestellt. Romer musste sich gestern vor dem Zuger Strafgericht wegen der mehrfachen qualifizierten Veruntreuung von Vermögenswerten, der mehrfachen qualifizierten ungetreuen Geschäftsbesorgung, des versuchten Betrugs, der mehrfachen Urkundenfälschung sowie der qualifizierten Geldwäscherei verantworten (siehe Box).

Der Schaden, den Ivo Romer durch die ihm vorgeworfenen Taten angerichtet haben soll, beläuft sich auf über vier Millionen Franken. Der Angeklagte soll eine 2011 im Alter von 96 Jahren verstorbene Witwe sowie eine Stiftung um fast das gesamte Vermögen gebracht haben. Für diese Handlungen soll Romer mit unbedingtem Freiheitsentzug von 6 Jahren und zehn Monaten sowie einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen bestraft werden. Wobei die Höhe des Tagessatzes dem Ermessen des Gerichts überlassen wurde.

Hinzu kommen Schadenersatzforderungen der fünf Kinder der Witwe in der Höhe von knapp 3,9 Millionen Franken, die der Angeklagte bezahlen soll.

Unkooperativer Angeklagter

Zu Beginn des Prozesses befragte die vorsitzende Richterin Svea Anlauf den Angeklagten. Ausser seinen Personalien und einigen wenigen Angaben zur aktuellen beruflichen Tätigkeit sagte Romer nichts. Der diplomierte Wirtschaftsinformatiker Romer, so war in der Befragung zu erfahren, arbeitet seit Februar dieses Jahres im angestammten Beruf und verdient aktuell zwischen 500 und 1000 Franken monatlich. Gemäss Staatsanwältin Karin Eisenring habe sich der ehemalige Zuger Stadtrat auch in den Einvernahmen ähnlich verhalten wie bei der Befragung durch die Vorsitzende. «Ich habe ihm über 800 Fragen gestellt», so die Staatsanwältin. Die meisten davon beantwortete er mit: «Dazu sage ich nichts.» Staatsanwältin Eisenring wies zu Beginn ihrer Ausführungen darauf hin, dass es sich um eine zweigeteilte Anklage handle. Zum einen handle es sich um die Vermögens- und Urkundendelikte im Zusammenhang mit dem privaten Vermögen der Witwe. Zum anderen wird Ivo Romer vorgeworfen, auch zwei Stiftungen, wovon eine von der Witwe errichtet und eine auf den Namen seiner verstorbenen Mutter gegründet worden war, regelrecht geplündert zu haben.

Entzückt von Romer

Als die Witwe ihren Vermögensverwalter Ivo Romer, der damals noch bei einer Schweizer Grossbank arbeitete, kennen lernte, war sie 90 Jahre alt, sehr vermögend, gepflegt und kultiviert. Von Anfang an sei sie entzückt von Romer gewesen, sagte die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer. Sie habe unglaublich geschwärmt von ihm. Und zitierte eine Tochter der Witwe, wonach «Mutter regelrecht auf ihn abgefahren» sei. Die Zuneigung der Witwe zu Romer habe darin gegipfelt, dass sie ein Bild ihres Vermögensverwalters vor jene ihrer Kinder gestellt habe. Romer, inzwischen selbstständig, hat von der Witwe auch die alleinige Vollmacht über die verschiedenen Konten erhalten. Damit sei der Weg frei gewesen für Ivo Romer.

Kinder ferngehalten

Gemäss Ausführungen der Staatsanwaltschaft gelang es Romer in den sechs Jahren, in denen er das Vermögen der Witwe betreute, dieses nicht nur zumeist für sich aufzubrauchen, sondern auch den bestehenden Beziehungsgraben zwischen Mutter und Kindern zu vertiefen. So erhielten vier der fünf Kinder ein Hausverbot ausgesprochen. Wohl auch, damit ihm niemand in die Quere kommen konnte.

Mit dem Geld, das aus dem Vermögen der Witwe floss, soll Romer gerne den grosszügigen Kerl gespielt haben. So finanzierte er neben seinem kapitalintensiven Lebensstil auch etwa für Skisportanlässe oder den EVZ. Als Ivo Romer 2009 zum nebenamtlichen Zuger Stadtrat gewählt wurde, blieb er weiterhin der Vermögensverwalter der Witwe. Das Stadtratsgehalt von rund 145 000 Franken netto/jährlich musste er zur Finanzierung der Alimente für seine inzwischen von ihm geschiedene Frau und seine beiden Kinder aufwenden. «Wovon also hat Ivo Romer gelebt?», fragten die Anklägerinnen.

Stiftungsvermögen aufgebraucht

Als die privaten Gelder der Witwe langsam auszugehen drohten, soll sich Romer aus dem Vermögen der Stiftung der 96-Jährigen bedient haben. Dabei soll er dort auf weitere rund drei Millionen Franken zugegriffen haben. Zum Schluss, kurz vor ihrem Tod im September 2011, blieben der Witwe noch rund 15 000 Franken auf ihren Konten. Kaum war das Geld aufgebraucht, flachte auch das Interesse Romers an der Dame rapide ab. Nicht einmal mehr die Spitex-Rechnungen für die nun bettlägerige 96-Jährige wurden bezahlt. Sie habe in ihren eigenen Ausscheidungen liegen müssen. Romer habe sie regelrecht im Stich gelassen. «Der Angeklagte selber wollte sich ohnehin nie um sie kümmern. Er wollte nur von ihr leben», so die Anklägerinnen.
 

Das wird Ivo Romer vorgeworfen

Tatbestände haz. Politisch ist der Fall Ivo Romer aufgearbeitet. Eine parlamentarische Untersuchungskommission des Grossen Gemeinderates der Stadt Zug hat diesen untersucht. Rechtlich hingegen sieht sich Ivo Romer mit schweren Vorwürfen konfrontiert. So soll er als Vermögensverwalter im Zeitraum vom 6. Januar 2006 bis zum 3. Januar 2012 zu Lasten des Privatvermögens einer 2011 im Alter von 96 Jahren verstorbenen Dame Folgendes getan haben (Auszug aus der Anklageschrift):

  • 2 642 612 Franken unrechtmässig bzw. pflichtwidrig in Form von Bargeldbezügen (es waren 151 Bezüge, Anm. der Red.) aus dem Vermögen entnommen und für sich zu seinem persönlichen Nutzen bzw. zum Nutzen ihm gehörender Gesellschaften verwendet;
  • weitere 250 000 Franken unrechtmässig bzw. pflichtwidrig in Form eines Bargeldbezugs aus dem Vermögen entnommen, davon 240 000 Franken höchstpersönlich ins Fürstentum Liechtenstein gebracht und dort auf ein ihm zugewiesenes Nummernkonto einbezahlt, den Betrag von 9600 Franken zu Gunsten seiner Firma einbezahlt sowie 400 Franken für sich zu seinem persönlichen Nutzen verwendet;
  • weitere 927 258 Franken mittels unrechtmässiger bzw. pflichtwidriger Banküberweisungen und Wertschriftenkäufen (es waren 63 E-Banking-Aufträge, Red.) dem Vermögen entnommen, teils für sich zu seinem persönlichen Nutzen und teils zum Nutzen anderer;
  • weitere 79 868 Franken pflichtwidrig zu Lasten des Vermögens zuhanden der Steuerverwaltung des Kantons Zug bezahlt (Schenkungssteuern, Red.), obwohl dies nicht erforderlich gewesen wäre.

Millionenschaden entstanden

Ivo Romer habe sich im Zeitraum vom 6. Januar 2006 bis zum 3. Januar 2012 dadurch der mehrfachen qualifizierten Veruntreuung von Vermögenswerten und der mehrfachen qualifizierten ungetreuen Geschäftsbesorgung schuldig gemacht. Dabei sei ein Gesamtdeliktsbetrag von 3 896 739 Franken entstanden. Hinzu kommen verschiedene Urkundendelikte. So soll er für die verschiedenen Bargeldtransaktionen fingierte Rechnungen ausgestellt, Jahresrechnungen und Buchhaltungen falsch geführt haben. Vorgeworfen wird ihm mehrfache Urkundenfälschung in insgesamt 99 Fällen.

Geldwäscherei

Vorgeworfen wird Romer auch gewerbsmässige Geldwäscherei. Er soll im Zeitraum vom 16. Januar 2006 bis zum 30. September 2011 1,47 Millionen Franken via eine Transferkette im Fürstentum Liechtenstein zu Gunsten einer ihm gehörenden Firma abgezweigt haben.

Die im September 2011 mit 96 Jahren verstorbene Witwe hat mit Teilen ihres Vermögens eine Stiftung errichten lassen. Diese hatte die «Pflege und Förderung der freundschaftlichen Beziehungen zwischen der Schweiz und der Niederlande, insbesondere den Austausch von Schülern und Studenten und den Erhalt des Andenkens der Stifterfamilie» zum Zweck.

Ivo Romer wird in diesem Zusammenhang vorgeworfen, der Stiftung durch verschiedenste Transaktionen einen Schaden von insgesamt 3 068 424 Franken zugefügt zu haben. Wobei er sich selber 698 094 Franken; einem Sohn sowie dessen Ehefrau der Witwe 1 726 320 Franken; der verstorbenen Witwe 577 256 Franken; und anderen 66 753 Franken zukommen liess. In diesen Fällen wird ihm neben mehrfacher qualifizierter ungetreuer Geschäftsbesorgung auch mehrfache Urkundenfälschung sowie versuchter Betrug vorgeworfen. Der Sohn und die Schwiegertochter der Witwe sollen laut Staatsanwaltschaft wegen des Geldes, das sie aus dem Stiftungsvermögen erhalten haben, eine angemessene Ersatzforderung zwischen 50 000 und 100 000 Franken entrichten.
Eine weitere Stiftung, die auf den Namen von Romers verstorbener Frau lautet, soll er um 22 500 Franken geschädigt haben.