Leserbrief

Suggestivfragen nützen leider gar nichts

«War das wirklich nötig?», Ausgabe vom 16. Mai

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Ja, war diese Suggestivfrage auf der Frontseite, ergänzt durch den Titel «Die Schweiz hätte die Kurve auch einfacher gekriegt», so wirklich nötig?

Ich zweifle absolut nicht an den Methoden (Basis: Berechnungsmodell mit Annahmen) der ETH. Aber dass der Durchbruch genau am 21. März erfolgte, ist natürlich so nicht korrekt (ein «etwa am» wäre angebrachter). Immerhin musste ja auch eine erste Publikation vom 8. April 14 Tage später noch um «ein paar Tage» korrigiert werden. Also hatte man etwa am 22. April dieses gesuchte Datum, einen Monat danach, weiter eingegrenzt. Die Zeitung schreibt nun: «Dennoch (nach dem 21. März) verharrte die Schweiz danach noch einen ganzen Monat.» Wieder so eine Suggestiväusserung. Später folgt dann doch noch eine entscheidende Einschätzung der Mathematikerin Tanja Stadler: «Der Wert R lag vor dem Lockdown bei 1,2 und wäre mit gleichbleibendem Verhalten nicht mehr weiter gesunken.» Das heisst jedoch nichts anderes, als dass dann die Fallzahl-Kurve weiter überproportional angestiegen wäre.

Eine Nebenbemerkung: Bei einer «reinen» e-Funktion verdoppelt sich die Zunahme von Fallzahlen je pro gleichen Zeitabstand. Das heisst, die Kurve wird dadurch immer steiler. Die Daten der ersten drei Wochen zeigen, dass die Verdoppelungen im Abstand von zwei bis drei Tagen erfolgen. Danach folgte bis Anfang April ein Übergang von der überproportional ansteigenden Kurve in eine lineare Zunahme, mit zirka 1000 Infizierten pro Tag. Erst danach nahm die Zunahme wirklich ab.

Zu den Wirkungen der Massnahmen: Ein alter Grundsatz sagt, dass man die Wirkung einer Massnahme nur dann sauber erkennen kann, wenn man nur diese eine aufs Mal verändert. Eine kritische Situation (Handlungsbedarf) zwingt einen jedoch, diesen Grundsatz über Bord zu werfen. Man führt nun gleichzeitig mehrere Massnahmen ein, kann dann aber nachträglich nicht feststellen, welche wie viel gebracht hat. Man versucht, dies nun durch einen Vergleich (hier mit 20 Ländern) mit anderen «Massnahmenpaketen» zu rekonstruieren. (Wirkt nur, wenn sich diese unterscheiden.) Nun hat man aber ein neues Problem: Diese Vergleichsbeispiele sind strukturell sehr verschieden (Bevölkerungsdichten, Beginn des Massnahmeneinsatzes, Umgebungseinflüsse, Verhaltensart. Sogar in der Schweiz haben wir eine Uneinheitlichkeit mit einem Süd-Nord-Gefälle), was wiederum die Aussagekraft deutlich reduziert. Deshalb ist es unsinnig, von Einflussgrössen von 36 oder 34 Prozent zu sprechen. Man kann nur von groben Einschätzungen ausgehen, etwa «grob geschätzt zwischen 20 und 30 Prozent». Man muss endlich lernen, mit Unschärfen leben zu können, statt immer so zu tun, als gäbe es überall genaue Werte.

Noch eine Bemerkung zu den Schulschliessungen. Es wird wohl so sein, dass diese, allein betrachtet, nicht so viel gebracht haben. Aber vielleicht wird die Beeinflussung auf andere Massnahmen unterschätzt, etwa «verhaltenspsychologisch» oder bezüglich Besetzungsdichten im öffentlichen Verkehr.

Moritz Keller, Cham