TAG DER OFFENEN TÜR: Vier Frauen haben eine Mission

Seit 1905 organisieren Ordensschwestern in Zug Entwicklungshilfe für Afrika. Jetzt kann man hinter die Kulissen schauen.

Christian Volken
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Die Schwestern Regina, Katharina, Schwester Elisabeth und Gertrud leben und arbeiten an der St.-Oswalds-Gasse 17. (Bild Stefan Kaiser)

Die Schwestern Regina, Katharina, Schwester Elisabeth und Gertrud leben und arbeiten an der St.-Oswalds-Gasse 17. (Bild Stefan Kaiser)

Programm cv. Am kommenden Samstag ist um 10 Uhr Museumsführung mit Kaffe und Kuchen, um 11 Uhr Afrikamuseum für Kinder sowie Hausführung, um 12 Uhr Mittagessen vom Grill und mit Dessert, um 12.45 Uhr Film für Kinder, um 14 Uhr ein Vortrag über Maria Theresia Ledóchowska und Trommeln Basteln für Kinder, um 15 Uhr Lobpreis in der Kirche, um 15.30 Uhr Kaffe und Kuchen, um 16 Uhr eine weitere Museumsführung und um 17.15 Uhr die Heilige Messe in der St. Oswalds-Kirche mit Pfarrer Mario Hübscher.

Wie viele Tragödien, wie viele Glücksmomente haben sich im Haus an der St.-Oswalds-Gasse 17 in Zug wohl schon zugetragen? Seit 1540 wird hinter diesen Mauern und Fenstern gelebt – und es wurde gestorben. Dieses Haus könnte viele Geschichten erzählen.

Will man an der Fassade des historischen Gebäudes ablesen, ob sich etwas vom Innenleben im Äusseren offenbart, fällt die intensive Bemalung der rötlichen Fassade auf: Ein breites Fries zeigt, Löwen, Wappen, eine bärtige Gestalt mit vermutlich päpstlichen Insignien zur Linken, eine Jungfrau zur Rechten. Und dann ist da ein blaues Schild, das darauf hinweist, dies sei das «Haus der St.-Petrus-Claver-Schwestern». Aufmerksame Passanten finden auch den Hinweis, dass es hier ein Afrika-Museum gibt.

Hofdame wird Wohltäterin

Wer genauer wissen will, was hinter dieser Fassade geschieht, hat am kommenden Samstag Gelegenheit (siehe Box). Dann öffnen die vier Ordensschwestern, die hier wohnen und arbeiten, die schwere Eingangstüre mit den alten Butzenscheiben, aber auch mehrere Türen im Innern. Es eröffnet sich ein Geschichtenschatz, der sich seit 1905 hier anhäuft. Man erfährt die Gegebenheit, dass eine Frau einst gegen Sklaverei kämpfte und sich dafür einsetzte, dass man hier in Europa afrikanische Kulturen verstehen, zumindest wahrnehmen sollte.

Sie, die Adelstochter Maria Theresia Ledóchowska (1863–1922) ist der Grund für den Tag der offenen Tür. Man feiert ihren 150. Geburtstag. Maria Theresia Ledóchowska brach aus ihrem Leben als Hofdame einer Erzherzogin aus und widmete sich dem damals aktuellen Kampf gegen die Sklaverei. «Doch das Thema war für sie nur ein Türöffner. Es entwickelte sich bald ein Missionswerk, das Hilfe zur Selbsthilfe nach Afrika bringen wollte», erklärt Schwester Elisabeth Burdak, die Oberin der Zuger Gemeinschaft. Das Engagement der jungen Frau fand Beachtung, und es flossen reichlich Spendengelder. Dies führte dazu, dass die Ordensgemeinschaft gegründet wurde – so hatten die zufliessenden Gelder eine uneigennützige Eigentümerin.

44 Gemeinschaften

In Zug befindet sich der eine von zwei Niederlassungen des Ordens der St.-Petrus-Claver-Sodalität in der Schweiz. «Sodalität heisst Gemeinschaft», klärt die Oberin Schwester Elisabet Burdak auf, und «den heiligen Petrus Claver hat unsere Gründerin als Patron des Ordens gewählt». Der Jesuit hatte sich im 17. Jahrhundert im heutigen Kolumbien für die Sklaven eingesetzt. Im Europa des 19. Jahrhunderts, in dem sich das Engagement für die Abschaffung der Sklaverei durchzusetzen begann, war der Heilige immer noch populär. Die Petrus-Claver-Schwestern an der St.-Oswalds-Gasse und ihre rund 240 Ordensangehörige in 44 Gemeinschaften auf mehreren Kontinenten kämpfen als Missionswerk noch immer gegen die Sklaverei, aber in ihrer modernen Form der Zwänge durch Abhängigkeit, wie sie etwa Strassenkinder, Kinderprostituierte erfahren. Der Orden betreut in Entwicklungs- und Schwellenländern Projekte, welche die Bildung fördern, so den Bau von Schulen oder die Produktion von Lehrmitteln.

Die Unterstützung von Missionsprojekten mit christlichem Hintergrund habe nichts mit der Zwangsmissionierung zu tun, die früher von Europa ausgegangen sei, sagt Schwester Elisabeth Burdak. Doch die Zusammenarbeit für Projekte laufe über örtliche christliche Institutionen, etwa über Bischöfe, die Hilfe für unterstützungswürdige Projekte suchten. «Der Nutzen muss aber für die ganze Bevölkerung sein», hebt sie hervor. Schliesslich sorgt der Orden auch für die Öffentlichkeitsarbeit in den Ländern, aus denen Spenden kommen. Im deutschen Sprachraum gibt er mehrere Missionszeitschriften heraus.

1905 eröffnete der Orden seine Niederlassung in Zug, die während des Ersten Weltkriegs zur Zentrale wurde: Geldtransaktionen in das von Kolonialgrenzen zerschnittene Afrika waren von hier aus möglich. Heute wird an der St.-Oswalds-Gasse 17 nach wie vor Missionsarbeit betrieben. Es ist Büroarbeit: Man verwaltet Adressen, schreibt Briefe, organisiert Versände. Und dann pflegen die Schwestern das kleine Afrika-Museum, das Exponate zeigt, die bis in die 1970er-Jahre zusammenkamen. Auch das entsprang einer Idee der Gründerin: «Die Europäer sollten durch die Ausstellung den Kulturen Afrikas begegnen», erklärt Schwester Elisabeth.

So erzählt das alte Zuger Haus auch afrikanische Geschichte, von Tragödien und Glücksmomenten. Und von einer Idee, die eine grosse Wirkung hatte.