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TECHNIK: Ausgerüstet mit einer eisenbahnhistorischen Rarität

Nicht schiere Grösse macht den Wert von Bahnanlagen aus, selbst eine unscheinbare Provinzstation kann sehr wohl Geschichte schreiben – dargestellt am Prachtexemplar Cham.
Jürg Johner, Lokalhistoriker
Eine wahre Rarität: das noch funktionstüchtige Hebelstellwerk «Bruchsal G/H» im Bahnhof Cham. (Bild Andreas Faessler)

Eine wahre Rarität: das noch funktionstüchtige Hebelstellwerk «Bruchsal G/H» im Bahnhof Cham. (Bild Andreas Faessler)

Wir blicken zurück in das Zeitalter der Privatbahngesellschaften: Die Ost-West-Bahn plante eine Linienführung Luzern–Zug–Rapperswil und errichtete zu diesem Behuf 1859 den Bahnhof Cham als ersten im Zugerland und als ältesten Bahnhoftyp der Schweiz in chaletartigem Holzstil unter der Leitung des Semper-Schülers Adolphe Tièche (1838–1912), analog den Stationsgebäuden Rotkreuz, Gisikon-Root, Ebikon. Die später deswegen «Oh-Weh-Bahn» genannte Gesellschaft musste sich zahlungsunfähig erklären, ergo blieb dem Bahnhof Cham nichts anderes übrig, als fünf Jahre lang auf seine Gleise zu warten. Mittlerweile trat als Auffanggesellschaft die Nord-Ost-Bahn auf den Plan und baute die Linie Zürich–Affoltern–Cham–Luzern, eröffnet am 31. Mai 1864.

Nicht zuletzt des eigenen Bahnanschlusses halber gründeten zwei Jahre darauf die Brüder Charles und George Page in Cham die «Anglo Swiss Condensed Milk Company», welche heuer – firmierend als «Nestlé» – ihr 150-Jahr-Jubiläum begeht. Eine zweite Anbindung erhielt die Papieri, deren legendäres «Bähnli» ab 1920 bis vor kurzem als akustische Visitenkarte durch die Ennetsee-Metropole quietschte. 1893 wich dieser erste Bahnhof einem typischen Aufnahmegebäude der Zeit, gehalten in einfachen, spätklassizistischen Formen mit wenigen, aber gepflegt gestalteten Sandsteinelementen. Der erste Bau jedoch erlebte sieben Jahre danach, auf neuem, massiv gemauertem Sockel, seine Renaissance in Bäch SZ, neulich restauriert und innen umgebaut. Damit er als Vereins- und Kulturzentrum überleben konnte, musste er sich allerdings die Anfügung eines Betonklotzes gefallen lassen.

Zurück nach Cham, dessen Stationsgebäude nach einer ersten Einrichtung mit Handweichenstellung 1906 mit dem mechanischen Hebelstellwerk des Typs «Bruchsal G/H» eine eisenbahnbetriebliche wie technikgeschichtliche Rarität erster Garnitur erhielt. Bei diesem noch funktionsfähigen Stellwerk erfolgt die Weichenumstellung per Drahtseilübertragung. Die «Ausrangierung» bewirkte die Umstellung der mechanischen Kraftübertragung auf elektromechanische Bedienung der Weichen und Signale anno 1975, abgelöst 1998 durch eine elektronische Anlage, ferngesteuert durch den Bahnhof Zug. In einem oberen Kasten befinden sich die Kurbeln der Fahrstrassen, das heisst der Wege, auf denen man die Züge in den Bahnhof hineinführt. In wechselseitiger Abhängigkeit bedient der Capo die im unteren Bereich situierten blauen Weichen- und roten Signalhebel. Als Sicherheitsvorkehrungen prüfen die Fahrstrassenkurbeln, ob die Weichen korrekt gewendet sind und ob keine Weiche unter dem Zug gedreht werden kann. Obendrein stellt das ausgeklügelte Werk sicher, dass bei Belegung eines Gleises keine weitere Befahrung eintreten kann.

Als Letzte nahm man die mechanischen Stellwerke in Romanshorn (2003) und in Bad Zurzach (2012) ausser Betrieb, im Erlebnisbahnhof Brittnau-Wikon steuert ein Stellwerk von 1903 eine Modellbahnanlage. Doch ein mit Abstand herausragendes, bundesgeschütztes Museumsdenkmal der Eisenbahnsicherungstechnik von 1901 mit Wärterstellwerk, Freigabewerk und mechanischem Befehlswerk gilt es in Kerzers FR zu bewundern!

Nunmehr bleibt zu hoffen, dass sich die kantonale Denkmalpflege anlässlich ihrer gegenwärtigen Inventarisierung der Objekte der Gemeinde Cham dieses bereits in den Industriepfad Lorze integrierten Stellwerks annimmt.

Hinweis

Mit «Hingeschaut!» gehen wir wöchentlich Details mit kulturellem Hintergrund und Zuger Bezug nach. Frühere Beiträge finden Sie unter www.zugerzeitung.ch/hingeschaut

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