THEATER ZUG: Eine alte jung gebliebene Liebe

Die Zuger Spiillüüt rüsten sich zu ihrem 50-Jahr-Jubiläum im Mai: Seit August proben sie das Stück «Liebeszeiten», in dem sie nicht nur spielen, sondern auch singen.

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Die Proben der Zuger Spiillüüt für «Liebeszeiten» sind in vollem Gange. Jakob (Marc Haring) ist von seinen Kollegen zusammengeschlagen worden, Anna (Fabienne Huber) hilft ihm. (Bild: Stefan Kaiser (Zug, 5. März 2017))

Die Proben der Zuger Spiillüüt für «Liebeszeiten» sind in vollem Gange. Jakob (Marc Haring) ist von seinen Kollegen zusammengeschlagen worden, Anna (Fabienne Huber) hilft ihm. (Bild: Stefan Kaiser (Zug, 5. März 2017))

Dorotea Bitterli

redaktion@zugerzeitung.ch

Der Holzboden der grossen Halle in der Gewürzmühle ist mit Klebband in abgezirkelte Be­reiche unterteilt. Irgendwo ein Tisch mit zwei Stühlen, Gläsern und einer Weinflasche – man ahnt das Wirtshaus. Links hinten ein Klavier, daran ein Spieler mit Brille und Mütze. Zuhinterst aber auf dieser einfachen «Bühne» sitzt ein alter Mann im Rollstuhl, und offenbar ist er auch noch blind, denn eine schwarze Brille bedeckt seine Augen.

Ältere und jüngere Darstellende agieren auf den verschiedenen Spielflächen, laufen hin und her, mal einzeln, mal in Gruppen, singen mehrstimmig «All You Need Is Love», und kurz darauf befinden sie sich plötzlich an einer 68er-Kund­gebung, skandieren lauthals: «Make war, not love!» Dann – wieder Szenenwechsel – ein Mann und eine Frau, eng umschlungen und hingegeben an den gemeinsamen Tanz. Noch etwas später wird ein schwerer Sarg geschultert und langsam zu seinem Grab getragen, ein «Pfarrer» hält eine Leichenrede, und die tanzende Frau von vorhin ist zur leidtragenden Witwe geworden.

Ein Dreigenerationenspiel

Kurt Böschs Stück «Liebeszeiten» erzählt die Geschichte von Anna und Jakob als eine immer wieder verpasste Liebe, die in den Dreissigerjahren beginnt und sich bis an die Schwelle des 21. Jahrhunderts spannt.

Die gesellschaftlichen und die politischen Ereignisse beeinflussen sie markant, und mehrere Nebengeschichten weiterer Figuren umranken sie, verspinnen sich mit ihr. Am Ende des Lebens trifft sich das Paar zum letzten Mal im Altersheim, um gemeinsam Rückblick zu halten.

Rafael Iten, quasi «Haus­regisseur» der Spiillüüt, hat Böschs Text zusammen mit Klaus Frick bearbeitet. Der Verein warb die fehlenden jungen Spieler über verschiedene Kanäle hinzu, sodass ein Dreigenerationenspiel möglich wurde. Iten beschreibt in der Kaffeepause, wie das Casting der Schauspieler – wer spielt wen? – jeweils seine Sache sei und wie dieser schwierige Entscheid nicht immer von allen akzeptiert werden könne. Der Mann am Klavier aber sei Christov Rolla, freischaffender Theatermusiker, mit dem er schon lange zusammenarbeite, der die Chorstücke arrangiert, einige Tänzchen komponiert und die musikalischen Proben geleitet habe.

Rolla erzählt später selber, dass ein Streichquartett die Lieder begleiten werde und wie er aus alten Sammlungen Schweizer Volkslieder ausgewählt habe, zeitgerecht zur jeweiligen Epoche gehörend – nebst Songs von Elvis Presley und den Beatles! Es geht auch in ihnen immer um Liebe, um «love».

Seit 1967 jährlich auf der Bühne

In der anschliessenden rund zwei Stunden dauernden Durchlaufprobe sitzen die Rollen noch nicht überall, ab und zu muss souffliert werden, aber die schauspielerische Ernsthaftigkeit und Leidenschaft aller Beteiligten füllt den Raum, und die manchmal tragische, gelegentlich von komödiantischem Talent durchbrochene, aber immer berührende Story trägt schon recht gut.

Wenige Innerschweizer Volksbühnen haben eine so konstante Geschichte: Seit 1967 gibt es die Zuger Spiillüüt, und von einzelnen Ausnahmen abgesehen spielten sie sich alljährlich erneut in die Herzen des Zuger Publikums. Von kantigen Cabaretprogrammen der Anfänge über beliebte unterhaltsame Volksstücke wie «Polenliebchen» (2004) oder «Lottofieber» (2011) bis hin zu anspruchsvollen Produktionen wie Nestroys «Talisman» (2003) oder gar Brechts «Dreigroschenoper» (1999): Ihre Theaterliebe ist lustvoll und unerschrocken. Alt, aber jung geblieben – auch hier.

Unkonventionelle Spielorte

Die Bühnenheimat der Spiillüüt ist traditionell das Theater im Burgbachkeller, jedoch zu besonderen Anlässen wagen sie sich auch an ungewöhnliche Spielorte – auf die Guggiwiese (1987: «Sommernachtstraum»), ins Marienheim in der Zuger Altstadt (1997: «Don Camillo und Peppone») oder in den Daheim-Park um den Huwiler-Turm (2007: «Vampirball»).

Dieses Jahr wird es der Stierenmarkt sein, und nebst einer Bühne mit dreistufigem Bühnenbild und kleinen Drehbühnen (René Ander-Huber) plus einer grossen Zuschauertribüne entsteht in der Halle 3 auch eine Theaterbeiz, in der zur Feier des Jubiläums die Korken knallen sollen!