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TOBIAS BREUER: Der Zuger, der in Kanada Waldbrände löscht und Leute von Hochhäusern rettet

Seine ersten Erfahrungen als Feuerwehrmann sammelte Tobias Breuer einst in Zug. Dann wanderte er nach Calgary aus. Dort ist er jetzt bei der Berufsfeuerwehr, löscht Waldbrände und seilt sich von Wolkenkratzern ab.
Christopher Gilb
Tobias Breuer zu Besuch beim kanadischen Feuerwehrdenkmal in der Hauptstadt Ottawa. (Bild: PD)

Tobias Breuer zu Besuch beim kanadischen Feuerwehrdenkmal in der Hauptstadt Ottawa. (Bild: PD)

Christopher Gilb

christopher.gilb@zugerzeitung.ch

Gerade finden die Olympischen Winterspiele im südkoreanischen Pyeongchang statt. Der Kälte­rekord an solchen Spielen wurde 1988 im kanadischen Calgary gemessen: Es war minus 45 Grad. In dieser Stadt mit 1,4 Millionen Einwohnern im Südwesten des Landes lebt seit zwölf Jahren das ehemalige Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Zug (FFZ), Tobias Breuer. Er hat derzeit viel zu tun. «Die Kälte von bis zu minus 30 Grad und der starke Schneefall beschäftigen uns bei der hiesigen Feuerwehr ganz schön», erzählt der 37-Jährige. Denn: «Selbst in Calgary können nicht alle Autofahrer mit dem Schnee und den eisigen Strassenverhältnissen umgehen, was zur Folge hat, dass wir zu vielen Verkehrsunfällen ausrücken müssen.» Zudem würden die Häuser oft noch mit Gas beheizt werden, was die Gefahr von Vergiftungen mit sich bringe. Auch würden immer mal wieder Brandmelder wegen der Temperaturschwankungen Fehleralarme auslösen. «Auch das eine oder andere eingeschneite Auto mussten wir schon ausgraben.»

Breuer selbst machen die Temperaturen nicht viel aus, denn aufgewachsen ist er in Wiesen bei Davos. «Da war es auch immer kalt.» Sein Traum als Kind war, Eishockeyprofi zu werden. Am liebsten in Kanada. «In Magazinen las ich von den kanadischen Mannschaften und deren Stars. Ich dachte, ein Schweizer könnte doch auch mal darunter sein.» Er spielte in einigen kleineren Teams im Engadin. Nachdem er eine Lehre als Schreiner absolviert hatte, zog er dann für eine neue Stelle in den Kanton Zug um. «Der Bruder eines Arbeitskollegen war damals bei der FFZ. Die Tätigkeit dort interessierte mich, so fing ich auch dort an.» Er ist der FFZ bis heute dankbar. «Damals habe ich alles Wichtige für meinen heutigen Beruf gelernt.» Auf Wunsch der ehemaligen Arbeitskollegen hat er fürs FFZ-Magazin «Strahlrohr» einen kleinen Bericht über sein Leben in Kanada verfasst.

Der Bauboom verhalf ihm zur Bewilligung

Zu seinem Umzug dorthin entschied er sich 2002. Breuer, zwischenzeitlich schon in Zug wohnhaft, absolvierte damals einen Sprachaufenthalt in Kanada. «Im Anschluss reiste ich noch fünf Wochen durch ganz Westkanada. Die vielen frei laufenden Tiere, das weite Land – es war ein grosses Abenteuer und gefiel mir sehr», so Breuer. Den Traum, Eishockeyprofi zu werden, hatte er da schon aufgegeben. «Das war mehr ein Bubentraum, aber in Wahrheit bin ich mit meinen 1,68 Metern viel zu klein, vor allem um in Kanada zu spielen.» Nun wollte er zur kanadischen Berufsfeuerwehr. So wie der Neffe eines Familienfreundes, den er damals in Kanada besucht hatte. Doch nach Kanada auszuwandern, ist nicht so einfach. «Das Land hat ein sehr strukturiertes Einwanderungsgesetz. Ein populärer Weg, um es zu schaffen, ist deshalb, sich als Fachkraft anwerben zu lassen. Schreiner brauchten sie glücklicherweise damals gerade, es herrschte ein Bauboom», so Breuer. Zwei Jahre ging es, bis all seine Papiere so weit waren. «Meinen zukünftigen Chef sah ich das erste Mal am Flughafen von Calgary.» Für die Formalitäten hatte er sich Hilfe von einem spezialisierten Anwalt geholt. Wenn er sich heute manchmal Sendungen über Auswanderer anschaue, komme es ihm schon so vor, als würden es viele zu blauäugig angehen. «Ich hatte zwar eine Stellenzusage in Kanada, aber gewartet hat dort eigentlich niemand auf mich, dessen muss man sich immer bewusst sein.»

Doch Breuer setzte sich durch: In Kanada angekommen, ging er schon nach kurzem seinen Plan mit der Feuerwehr an. «Anfänglich lachten mich alle aus. Es hiess, das wollten schon genug Kanadier.» Beim ersten schriftlichen Aufnahmetest fiel er dann auch durch. «Erst wollten sie mir nicht sagen, wieso, ich blieb aber beharrlich.» Wie er erfuhr, spielte die Sprache eine Rolle. Also nahm er für mehrere Monate einen privaten Englischlehrer. Beim zweiten Anlauf klappte es. «Beim Lügendetektortest war ich wahrscheinlich so schnell, weil es in einem kleinen Dorf wie Wiesen gar nicht möglich war, Geheimnisse zu haben, also hatte ich auch keine.»

Er begann als «Rookie»

Als einer von 30 aus 3500 Bewerbern konnte er dann den theoretischen Teil der Feuerwehrausbildung beginnen. Zehn davon bestanden nicht, er schon. «Das war für mich wie ein Lottogewinn», so Breuer. Die praktische Ausbildung im Anschluss dauerte insgesamt vier Jahre. «Egal, was ich aus meiner Zeit in Zug schon wusste oder konnte, es wurde trotzdem verlangt, dass ich mich in allem noch einmal neu quali­fizierte.» Im ersten Jahr seiner Ausbildung hatte er den Rang eines sogenannten Rookie, was übersetzt Anfänger heisst. «In Calgary gibt es insgesamt 41 Feuerwachen, ich durfte bei etlichen reinschauen.» Nach Abschluss des ersten Jahres wurde er Fahrer und konnte sich gleichzeitig in verschiedenen Bereichen spezialisieren. Zwischenzeitlich hat er nun schon mehrere Zusatzausbildungen absolviert, so unter anderem in der extremen Höhenrettung. «Es kommt beispielsweise immer mal wieder vor, dass an der Fassade eines Wolkenkratzers ein Glas bricht, das gesichert werden muss, oder dass Fensterputzer in Not geraten. Da seile ich mich dann von oben ab», erzählt Breuer. Aktuell hat er den Rang eines sogenannten Senior Firefighter. Auch in die dortige Ehrengarde wurde er aufgenommen und repräsentiert jetzt seinen Arbeitgeber beispielsweise an Beerdigungen. Für ihn eine besondere Ehre.

Immer mehr Drogensüchtige

Vielfach sei er aber nach Schweizer Kriterien mehr Rettungssanitäter als Feuerwehrmann, was zwei Gründe habe: «Erstens wird in Kanada viel mehr Plastik verbaut. Das heisst, im Gegensatz zu Europa breiten sich die Brände viel schneller aus, und dementsprechend gibt es auch mehr Brandopfer. Und zweitens sind die hiesigen Rettungsdienste aufgrund der angespannten Finanzlage chronisch unterbesetzt, weshalb wir teils deren Aufgaben übernehmen», so Breuer. Eigentlich habe er das Thema nicht ansprechen wollen, aber immer häufiger würde dies auch bedeuten, Drogenabhängige, die sich eine Überdosis gespritzt haben, zu retten. «Derzeit gibt es eine riesige Suchtwelle wegen des synthetischen Opioids Fentanyl. Rund viermal täglich rücken wir deshalb aus.» Auch mit Waldbränden wurde er schon konfrontiert. «Zur Unterstützung einer anderen Feuerwache haben wir vom Boden aus beim Löschen geholfen.»

Die Tätigkeit bei der kanadischen Feuerwehr nennt Breuer einen Traumjob und einen sicheren dazu. Mit Stolz erzählt er, dass er schon helfen konnte, am Strassenrand zwei Kinder gesund zur Welt zu bringen. Mit seiner Frau, einer Lehrerin, lebt Breuer zwischenzeitlich in einem eigenen kleinen Haus. In der Freizeit arbeitet er als Schreiner. «Die Ausbildung zum Schreiner hier in Kanada ist nicht mit der Schweizer Lehre vergleichbar, weshalb meine Kenntnisse hier sehr gefragt sind.» Das Niveau des Bildungssystems sei zwar besser als in den USA, reiche aber trotzdem nicht an das schweizerische heran.

Und das Eishockey, dessentwegen er doch ursprünglich nach Kanada auswandern wollte? Er spiele zwar in einem Feuerwehrteam, die grossen Spiele aber sehe er sich selten an. «Hier ist der Sport stark kommerzialisiert. In Schweizer Arenen gefällt mir die Stimmung eigentlich besser.»

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