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Literatur: Auf den Spuren einer unbeugsamen Frau

Eveline Haslers neues Buch handelt von einer vergessenen Schweizer Sozialistin. In Baar zog die Starautorin ihr Publikum in den Bann.
Monika Wegmann
Eveline Hasler (86) beim Signieren in Baar. Bild: Bibliothek Baar

Eveline Hasler (86) beim Signieren in Baar. Bild: Bibliothek Baar

«Wir haben riesiges Glück, dass Eveline Hasler für eine Lesung gekommen ist. 1982 hat sie mich mit ihrem historischen Roman ‹gekauft›», sagte Fabia Patocchi, Leiterin der Bibliothek Baar, am Mittwochabend in der voll besetzten Rathu-Schüür. Dort wurde die Autorin (86), die früher als Sekundarlehrerin in Zug tätig war, herzlich begrüsst. «Zug lag mir immer am Herzen, aus meinen Schülerinnen sind prächtige Frauen geworden», sagte Eveline Hasler. Doch dann fragte sie: «Wer hat Mentona Moser gekannt? Kein Mensch.» Henri Dunant sei heute in der ganzen Welt bekannt, obwohl man ihn zuerst nicht ernst genommen habe. Es ziehe sich ein roter Faden durch ihr Schreiben: «Viele Figuren sind mir zugefallen, weil sie vergessen oder verdrängt worden sind. Ich bin wie ein Landeplatz.» Auf Mentona Moser sei sie 1986 in der DDR zufällig durch einen Schriftstellerverband gestossen: «Auf dem Heldenfriedhof in Ost-Berlin zeigte man mir ein Grab und erwähnte, dass die Schweizerin während des Naziterrors viel für die Menschen getan hatte.» Das habe sie zur Recherche angeregt, die jetzt im neuen Buch «Tochter des Geldes» resultiert.

Reiche Familie, schwierige Jugend

Eveline Hasler las Passagen und erzählte, dass Mentona als Tochter des kurz nach ihrer Geburt verstorbenen Heinrich Moser, einem reichen Uhrenfabrikanten aus Schaffhausen, aufwuchs. Ihre Jugend verbrachte sie einsam mit Mutter und Schwester im Schloss Au am Zürichsee, unterrichtet von Privatlehrern. Die Beziehung zur Mutter, der Baronin Fanny Moser von Sulzer-Wart, sei wegen deren Gefühlskälte schwierig gewesen. Detailreich vermittelt die Autorin das Bild einer Frau, über die damals Gerüchte fungierten, sie habe den Gatten vergiftet: «Für mich war sie nicht böse, sondern krank.» So habe sie sich in Behandlung bei Siegmund Freud in Wien begeben, in dessen Werk über Hysterie Hasler einen Hinweis auf die Mutter fand. Nach einem Streit wurde Mentona in ein englisches Internat verbannt, was sie jedoch als wunderbare Zeit erlebte. Hier besuchte sie das Theater, aber auch Armenquartiere: «Vor allem die armen Mütter, die sich liebevoll um ihre Kinder sorgten, berührten sie.»

Eveline Hasler beschreibt detailreich und eindringlich eine junge Frau mit grossem Einfühlungsvermögen und viel Fantasie. Auf einer Reise mit der Mutter nach Rom zeigte sich, dass Mentona trotz Wohlstand nicht vom Prinzen träumte, sondern von einer gerechten Welt, denn sie erkannte die damalige riesige soziale Not. Dies führte zum immensen sozialen Engagement, das bereits um die Jahrhundertwende in ­Zürich begann, wo damals die Tuberkulose Opfer forderte. Mentona initiierte eine Tuberkulose-Sprechstunde, soziale Ausbildungskurse, plante Sozialwohnraum und Spielplätze. «Sie wollte die Stadt menschlicher machen. Hier heiratete sie und bekam zwei Kinder. «Ich habe ihren Enkel kennen gelernt», ergänzte die Autorin. Mentona sei 1921 der Kommunistischen Partei beigetreten und habe zusammen mit Fritz Platten Referate gehalten. Eine weitere Enttäuschung sei für sie mit dem Tod der Mutter 1925 verbunden gewesen, da sie nur den Pflichtteil vererbt erhielt, denn sie wollte Gutes tun und plante Kinderhäuser und Schulen in Russland. «Sie hat viel getan, auch in Berlin. Dort wurde sie von den Nazis bekämpft. Sie konfiszierten ihr Vermögen, Mentona verarmte. Später zog sie in die DDR, hat aber nicht mehr erlebt, wie dieser Staat kaputtging. Ich habe hier nur die Hälfte erzählt. Das alles ist noch nicht so lange her. Wir sollten das nicht verdrängen. Es ist gut, die Dinge anzuschauen, die damals waren», sagte Eveline Hasler eindringlich und riet dem Publikum, das gespannt ihren Ausführungen lauschte: «Wir müssen Ehrfurcht haben vor den Träumen der früheren Generationen.»

Hinweis
Eveline Hasler: «Tochter des Geldes», Verlag Nagel & Kimche, 200 Seiten, 978-3-312-01114-8

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