Zwei Zuger Studentinnen befassen sich mit trauernden Kindern.

Wie sollen Lehrpersonen mit Kindern umgehen, die aufgrund eines Todesfalls trauern? Dieser Frage sind zwei Zuger Studentinnen nachgegangen – aus der Bachelorarbeit wurde eine Herzensangelegenheit.

Laura Sibold
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Nach der Arbeit ist vor der Arbeit: Die beiden PH-Studentinnen Tanja Strüby (links) und Stefanie Camenzind unterrichten ab dem nächsten Schuljahr beide in einer Unterstufenklasse im Kanton Zürich. (Bild: Stefan Kaiser, Zug, 29. Mai 2019)

Nach der Arbeit ist vor der Arbeit: Die beiden PH-Studentinnen Tanja Strüby (links) und Stefanie Camenzind unterrichten ab dem nächsten Schuljahr beide in einer Unterstufenklasse im Kanton Zürich. (Bild: Stefan Kaiser, Zug, 29. Mai 2019)

Laut aktuellen Studien haben knapp 80 Prozent der Schweizer Kinder bis zum 16. Lebensjahr bereits einen Todesfall im engen Familien- und/oder Freundeskreis erlitten und dessen Folgen gespürt. Tod und Trauer machen auch vor dem Schulzimmer nicht Halt. Dies haben auch die beiden Studentinnen Stefanie Camenzind (Cham) und Tanja Strüby (Steinhausen) im Rahmen ihrer Ausbildung an der Pädagogischen Hochschule Zug (PH Zug) erfahren. Die angehenden Unterstufenlehrerinnen haben den Umgang mit trauernden Kindern im Alter von vier bis acht Jahren in der Schule zum Subjekt ihrer Bachelorarbeit gemacht.

Während ihrer Praktika seien sie beide schon mit Todesfällen im Umfeld eines Schulkindes konfrontiert worden, sagt Stefanie Camenzind. «Ein Schulkind hat den Vater verloren, bei einem anderen ist die Grossmutter gestorben. Auch das Ableben eines Haustieres kann bei Kindern zu starken Emotionen führen.»

Abschied und Trauer gezielt zulassen

Trauernde Kinder im Schulzimmer seien eine Herausforderung für Lehrpersonen, ergänzt Tanja Strüby. Es sei eine Ausnahmesituation, auf welche Lehrpersonen oftmals nur wenig oder gar nicht vorbereitet sind. «Dabei ist es wichtig, dass der Tod kein Tabuthema ist. Erwachsene fördern die gesunde Entwicklung von Kindern nämlich, indem sie zulassen, dass sie Abschiede durchleben und trauern können.» Wichtig sei ein wertfreier und offener Umgang mit dem Tod, bei dem Kinder niemals angelogen werden dürfen.

Neben der Familie kommt dabei laut Strüby und Camenzind auch der Lehrperson eine tragende Rolle zu. «Da Kinder viel Zeit im Kindergarten und in der Schule verbringen, können Lehrpersonen einen wertvollen Beitrag zur Trauerverarbeitung leisten», schreiben die Studentinnen in ihrer Bachelorarbeit. Dabei würden didaktisch-methodische Kompetenzen allein nicht ausreichen. Gefragt seien viel mehr Menschlichkeit und Einfühlungsvermögen sowie Fachkenntnisse zur Thematik.

In ihrer Bachelorarbeit erörtern Camenzind und Strüby verschiedene Trauerprozessmodelle und tragen die Ergebnisse von Interviews mit Fachpersonen aus den Bereichen Trauerbegleitung, Care-Team, schulpsychologischer Dienst sowie Studium zusammen. Des Weiteren nennen sie Anlaufstellen für Schulen sowie Lehrpersonen und erläutern Literatur zum Thema. «Um einem trauernden Kind geben zu können, was es braucht, muss die Lehrperson den Trauerprozess erst einmal verstehen lernen», bilanziert Tanja Strüby, denn Kinder würden anders trauern als Erwachsene. «Ein Kind versinkt sprunghaft in Emotionen. Das heisst, es kann von Traurigkeit unerwartet zu Spiel und Spass wechseln», erklärt die 22-Jährige weiter.

Den Schulalltag möglichst aufrecht erhalten

Die Vorstellung vom Tod sei von Alter und Entwicklung eines Kindes abhängig, führt die 25-jährige Camenzind aus: «Kinder zwischen drei und fünf Jahren verstehen den Tod noch nicht in seiner Endgültigkeit. Sie können sich vorstellen, dass ein Toter zurückkehrt.» Den Tod mit dem Schlaf zu vergleichen, könne bei Kindern daher zu Schlafstörungen führen. Es lohne sich zudem, Anzeichen von Trauer beim Kind wahrzunehmen und zu besprechen. Dies können neben Weinen auch Müdigkeit, Unkonzentriertheit, Aggressionen, Trennungsängste oder der Rückgang der Schulleistung sein. In der schweren Zeit der Trauerverarbeitung sei es wichtig, dem Kind Sicherheit und Halt zu geben, weiss Stefanie Camenzind. «Der gewohnte Schulalltag soll aufrecht erhalten werden. Auch trauerfreie Zeiten, in denen das Kind auf das Schöne aufmerksam gemacht wird, sind wichtig.»

Für ihre Bachelorarbeit wurden Strüby und Camenzind, die in den nächsten zwei Wochen mit Abschlussprüfungen beschäftigt sind, mit der Höchstnote 6 belohnt. Beide sind überzeugt, dass die Bachelorarbeit ihren Berufsalltag prägen wird. «Im Laufe der Zeit hat sich die Thematik zu einer Herzensangelegenheit entwickelt», bestätigt Strüby. «Tod und Trauer müssen im Schulzimmer Platz haben. Es ist von Vorteil, wenn sich Lehrpersonen mit dem Thema befassen.» Stefanie Camenzind und Tanja Strüby sind künftig für solche Ausnahmesituationen gewappnet. Nachdem die Studentinnen am 27. Juni ihr Lehrerdiplom entgegennehmen können, werden beide ab dem nächsten Schuljahr auf der Unterstufe unterrichten – Camenzind in der Stadt Zürich, Strüby in Wallisellen.