Kolumne
«Seitenblick»: Toleranz statt Gepolter

Redaktor Marco Mororsoli darüber, weshalb Toleranz für ihn das höchste Gut ist.

Marco Morosoli
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Den Gang zur Kirche erachtete ich in meiner Jugend als selbstverständlich. Ministrant war ich auch. Dieser Dienst machte mich stolz. Das damals prägendste Ereignis war eine Predigt unseres Pfarrhelfers. Die Heiligen kamen darin geballt vor, das gehörte sich. Er redete sich aber oft in Rage. Seine finale Botschaft: «Der rote Stern, folget ihm nicht.» Des Predigers spärlich behaarter Kopf hatte die Farbe des Sowjetsterns angenommen, den er laut verdammte.

Marco Morosoli.

Marco Morosoli.

Bild: Stefan Kaiser

Die Worte des Gottesdieners blieben mir nicht haften. In dieser Zeit bekam ich ein Radio geschenkt, mit dem ich viele Sender aus ganz Osteuropa empfangen konnte. Stationen wie Radio Moskau oder die Stimme der DDR konnte ich beinahe gleich gut hören wie das Schweizer Radio. Mich beeindruckte vor allem, dass die Antworten auf Fragen an diese Sender meist auf einer Schreibmaschine verfasst, tatsächlich bei mir landeten.

Was mir erst viel später bewusst wurde: Viele meiner Tätigkeiten sind kaum massentauglich. Darunter litt ich, weil ich mir einbildete, ich müsste dafür gegenüber anderen ständig Rechenschaft ablegen. Das hat mich auch temporär aus der Bahn geworfen. Erst als ich mich akzeptierte, kam die Wende. Das klingt egoistisch, ist es aber nicht, denn ich bleibe mir treu. Kürzlich las ich ein Zitat: «Ändere dich nicht, nur um anderen zu gefallen.»

Deshalb ist für mich Toleranz das höchste Gut und nicht die Lautstärke, mit der andere Zeitgenossen ihre Gefolgschaft beglücken. Einreissen ist einfach, Drohen auch wie auch das Behaupten, Besserwissen und das Lügen.

Jeder soll denken, was er will, lieben und heiraten wen er will und einfach immer weiter gehen, aber vorwärts. Dazu braucht es Respekt, Toleranz Tatkraft und Vernunft.