TOURISMUS: «Das Bewusstsein ist kaum da»

Der Kanton verdient bislang sein Geld mit Business. Nun sind plötzlich Touristen erwünscht, um Hotels zu füllen. Tourismuschef Urs Raschle sagt, wies gehen soll.

Interview Wolfgang Holz
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Urs Raschle, warum sollten Touristen nach Zug kommen, wenn an einem Sonntagnachmittag Cafés dicht sind?

Urs Raschle: Zug bietet viel – historische Altstadt, gemütliche Schifffahrt, tolle Wanderungen und herrliche Natur, und das Ganze kompakt und nah. Die Grundvoraussetzungen für einen blühenden Tourismus sind absolut vorhanden. Vor über 100 Jahren war dies auch der Fall. Davon zeugen die eindrücklichen Gebäude Schönfels und Felsenegg, die damals Top-Hotels waren und heute zum «Montana» gehören.

Diese Tradition befindet sich aber offensichtlich im Dornröschenschlaf ...

Raschle: In der Tat verlor der Wirtschaftszweig Tourismus aufgrund verschiedener Vorkommnisse über die Jahrzehnte seine Vormacht an andere wertschöpfungsintensivere Bereiche. Dies führte dazu, dass das touristische Bewusstsein kaum vorhanden ist und deshalb Gastrobetriebe dann geöffnet haben, wenn viele Kunden da sind, und nicht unbedingt dann, wenn auswärtige Touristen da wären. Ich bin aber davon überzeugt, dass sich diese Situation schnell ändern würde, sobald mehr Tagestouristen kämen. Jahr für Jahr begrüssen wir mehr Gäste aus dem Ausland, welche Zug besuchen kommen.

Mit den vorhandenen Museen und dem provinziellen Kirschenimage lockt man ja aber nicht viele an.

Raschle: Stellt sich die Frage, ob dies nötig ist. Was bedeutet «viel»? Wenn damit die massentouristischen Phänomene in Luzern angesprochen sind, dann bevorzuge ich die aktuellen Verhältnisse in Zug. Wenn damit aber leere Museen gemeint sind, verträgt es durchaus noch mehr Besucher. Zug ist klein, aber fein.

Klein und fein, hört sich langweilig an.

Raschle: Überhaupt nicht. Klein und fein – so präsentieren sich beispielsweise unsere Museen. Das Kunsthaus gehört zu den renommiertesten in Europa und lockt immer wieder Gäste aus dem Ausland an. Das Museum für Urgeschichte erhielt bereits einen europäischen Preis und profiliert sich mit attraktiven Sonderausstellungen. Zudem warten wir gespannt auf die neu konzipierte Ausstellung der Burg Zug. Demnächst eröffnet in Cham das Ziegeleimuseum. Auch davon versprechen wir uns neue Besucher. Beim «Chriesi» sind wir schon weiter. Für viele bedeutet das Zugerland das «Chriesiland» und die wundervolle Frühlingsblust einen Reisegrund.

Sie sprechen von Potenzial. Hat die Konzentration aufs Business Zugs Zu- kunft als Touristenort nicht verbaut?

Raschle: «Verbaut» würde ich nicht sagen, aber sicher «geprägt». Wäre Zug nicht den Weg über tiefere Steuern und wachsende Wirtschaftsmetropolen gegangen, wäre es nun vielleicht eine beliebte Tourismusdestination. Ich betone aber «vielleicht», denn die Mitbewerber Luzern, Rigi und Zürich waren schon immer etwas stärker und wichtiger als Zug. Deshalb wollte man vor 125 Jahren auch einen ähnlichen Seequai bauen, wie er in Luzern schon bestand, was schliesslich in der Vorstadtkatastrophe geendet hat. Dies war ein heftiger Schlag für die damalige Bevölkerung und rückblickend auch das abrupte Ende der Tourismusambitionen.

Also muss der Tourismus in Zug im Grunde wiederbelebt werden?

Raschle: Sozusagen. Dabei habe ich als Geschäftsführer von Zug Tourismus die wundervolle Aufgabe, unseren herrlichen Kanton nach aussen zu präsentieren und Strategien für die Zukunft zu entwickeln. Dies ist sehr spannend, haben wir doch die grosse Chance, den Übernachtungstourismus neu zu lancieren und Auswüchse, die in bekannten Tourismusdestinationen zu negativen Konsequenzen führen, zu umgehen. Zug ist nicht für den Massentourismus gemacht, sondern für gemütlichen, nachhaltigen Tourismus.

Aber welches touristische Potenzial hat Zug denn überhaupt?

Raschle: Die Natur! Zwei Seen, herrliche Wandergebiete und den schönsten Sonnenuntergang! Dies alles ist innerhalb kürzester Zeit mit dem ÖV erreichbar. Was wollen Sie mehr? Zug braucht nicht mehr. Aber das Bestehende muss noch besser gebündelt und vermarktet werden. Dies ist die Aufgabe von Zug Tourismus.

Und trotzdem bekommt Zug seine Hotels nicht mehr voll.

Raschle: In der Tat hat sich die Situation geändert. Schickten wir 2008 unter der Woche zahlreiche Gäste ausserhalb des Kantons, können nun die Nächte, in denen alle Betten des Kantons belegt sind, an einer Hand gezählt werden. Dies hängt einerseits mit der Wirtschaftssituation zusammen. Seit dem Beginn der Finanzkrise 2009 registrieren wir, dass Businessleute später kommen und früher gehen. Andererseits entstanden in den letzten fünf Jahren vier neue, grössere Hotels, welche den Wettbewerb mitprägen. Grosser Verlierer ist das Ägerital, das seine Betten immer weniger mit Geschäftsleuten füllen kann. Der Gewinner ist das Gebiet Zug West, sprich: der Ennetsee. Mehr Wettbewerb führt zu wachsendem Konkurrenzdruck und somit zu tieferen Preisen. Dies spüren alle Hotels im Kanton, weshalb das «leere Weekend» immer schmerzhafter wird. Dieses Problem löst man aber nicht von heute auf morgen.

Verfolgt man denn die richtige Strategie? Zug Tourismus kümmert sich vor allem um «einheimische Expats».

Raschle: Dies ist eine sehr spannende Frage. In der Tat erfüllen wir eine Pionieraufgabe und versuchen, Einheimischen – speziell auch Expats – die herrlichen Freizeitmöglichkeiten vor der Haustür zu zeigen. Wir sind quasi eine «Erlebnisagentur» für Zuger. Solange Zug wirtschaftlich so stark bleibt, ist dies nicht die falsche Strategie, denn über das gemeinsame Geniessen der Freizeitmöglichkeiten mit «Locals» können wertvolle integrative Kontakte entstehen. Dies wiederum führt dazu, dass sich ausländische Arbeitskräfte wohl fühlen und versuchen, länger in Zug zu bleiben. Sollte sich dieser Wachstumsmotor abschwächen, kann der Tourismus eine Wertschöpfungsalternative bieten.

Müsste Zug nicht mehr mit seinen Superkulissen arbeiten, um Touristen anzulocken – etwa mit Zug als «Sunset-Paradise», als Rigi-Stadt oder als Mönch-Eiger-Jungfrau-Viewing-Point?

Raschle: Ich gebe zu, das sind interessante Ideen, und es wird sich im laufenden Prozess zeigen, wie und mit welchen Attributen Zug positioniert werden soll. Persönlich bin ich aber ganz klar der Meinung, dass wir mit unserem Credo «Klein, aber fein – kompakt und nah» alles aussagen, was Zug ausmacht.