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Baar: Transparente Container

Mit der Arviem AG bietet Stefan Reidy Konzernen eine Echtzeitüberwachung ihrer Lieferungen an. Jede Schockwelle wird registriert. Viermal ging die Firma fast Konkurs, nun will man endlich gehörig wachsen.
Christopher Gilb
Stefan Reidy beim Testcontainer auf dem Areal der ehemaligen Spinnerei. Das Ortungsgerät wird auf der Innenseite der Türen befestigt. (Bild: Stefan Kaiser (Baar, 8. Februar 2019))

Stefan Reidy beim Testcontainer auf dem Areal der ehemaligen Spinnerei. Das Ortungsgerät wird auf der Innenseite der Türen befestigt.
(Bild: Stefan Kaiser (Baar, 8. Februar 2019))

Je globaler die Welt ist, desto mehr Container sind auf ihr unterwegs, ob auf dem Schiff, auf dem Lastwagen oder – wie gerade durch das Projekt «Neue Seidenstrasse» der Chinesen – auf dem Zug. In der gesamten Lieferkette, in die an die 40 Firmen involviert sind, gibt es aber diverse Unsicherheitsfaktoren. «Irgendjemand vergisst beispielsweise im Hafen den Strom einzustecken, der Kühlkreislauf bricht zusammen. Die Konsequenz ist, die Firma bezahlt für den Weitertransport einer verdorbenen Ware», sagt Stefan Reidy.

Der 48-jährige Baarer hat sich mit seiner Arviem AG darauf spezialisiert, Firmen in Echtzeit über ihre Lieferungen auf dem Laufenden zu halten. Keine andere Firma biete derzeit einen ähnlich umfassenden Service an. Firmen wie Nestlé setzen bereits auf das System. Denn rund ein Drittel der verderblichen Esswaren würde bereits auf dem Transport kaputtgehen. «Das können wir teils verhindern», sagt Reidy.

Es begann mit dem 11. September

Ein anderes Beispiel seien Solarpanels. «Sie bekommen durch Schocks beim Transport unbemerkt kleine Risse, was ihre Haltbarkeit längerfristig drastisch reduziert.» Und dann gebe es natürlich die Schiffsverspätungen oder Container, die falsch aufgeladen oder gar im Hafen vergessen würden. «Hat das Unternehmen da keinen Überblick, gibt es nur eine Möglichkeit, die Kundenwünsche rechtzeitig bedienen zu können, nämlich grosse Warenlager anzulegen, was viel Geld und Ressourcen kostet», weiss der Fachmann.

Begonnen hat alles mit dem 11. September 2001. «Danach war die Angst gross, dass der nächste Angriff mithilfe einer in einem Container verschifften Bombe kommt und die Infrastruktur zerstört», so der ehemalige Berater bei IBM. «Es wurden also Richtlinien zur Containerüberwachung erlassen.» Das gemischte Team aus Wissenschaftern und Beratern, in dem er damals gearbeitet habe, habe bei dieser Entwicklung ganz vorne mitgemischt. «Doch 2007 gab IBM das Projekt überraschend auf.» Er jedoch habe darin weiterhin viel Potenzial gesehen. «Mit einem Geschäftspartner gründete ich dann 2008 die Arviem AG. Unsere Idee war es, direkt auf die Produzenten zuzugehen, denn diese tragen den Grossteil der Kosten von Schäden», so der Betriebsökonom.

Ortungsgerät per Magnet befestigt

Reidy verlässt das Grossraumbüro auf dem Areal der ehemaligen Spinnerei in Baar, in dem rund 25 Personen aus zirka acht Nationen arbeiten, und geht raus zum blauen Testcontainer. «Das Ortungsgerät wird unkompliziert per Magnet oben auf der Innenseite der Türen befestigt», erklärt er vor Ort und bringt das rot-schwarze Tool an. Der Grund für die Höhe sei, dass so verhindert werde, dass Sensoren durch die Waren blockiert würden.

Je nach Bedarf sende das Gerät dann nebst dem Standort Informationen zur Luftsättigung, zur Temperatur oder registriere Schocks. «Wir wissen wirklich alles.» Das habe manchmal aber auch Unerfreuliches zur Folge», so der 48-Jährige. So sei einmal der Alarm verschickt worden, dass in einem Olivencontainer auf einem Zug in Nordafrika die Türen geöffnet wurden. «Wir informierten sofort die Behörden, als der Zoll dann im nächsten Hafen den Container kontrollierte, wurden fünf tote Flüchtlinge darin gefunden. Es war leider zu spät, sie waren erstickt.»

Pech mit den Geräten

Zurück im Büro, öffnet er die Software. Eine digitale Weltkarte erscheint. «Firmen kaufen bei uns nichts, sie mieten vielmehr das Gerät samt Software und Service. In Echtzeit wird ihnen dann angezeigt, wo ihr Container ist, es werden Alarmmeldungen gegeben oder Abweichungen vom Lieferplan vermeldet und Empfehlungen gegeben, wie umdisponiert werden kann.» Zudem werde fortlaufend für jede Lieferung ein Rapport erstellt. «Im Notfall schalten sich dann auch unsere Mitarbeiter ein und verständigen die zuständige Person.» Etwa dass schnell wieder der Strom beim Kühlcontainer eingesteckt werde, so Reidy. Ziel sei es aber, dass die Software autonom und somit kostensparend arbeite. Dabei bediene sie sich der Daten des Ortungsgeräts und vieler weiterer wie beispielsweise der Schiffs- und Wetterdaten.

Die Ortungsgeräte selbst hätten bisher aber leider oft enttäuscht. «Das ist der Grund, wieso wir in unserem zehnjährigen Bestehen viermal fast Konkurs gegangen wären», sagt Reidy. Rund 300 Hersteller von Ortungsgeräten gebe es auf dem Markt. «Einer verdoppelte den Preis, beim anderen fielen Geräte aus, wieder bei einem anderen hätte man das Gerät per Fingerabdruck aktivieren müssen, was in einem Lager, wo Leute fettige Hände haben, völlig unpraktikabel ist.» So sei es immer wieder zu Engpässen gekommen und das Wachstum gehemmt worden. 3000 Geräte seien nun im Einsatz. Bis Ende Jahr will Arviem die Zahl verdreifachen und baut eifrig Verkaufsteams auf, eins davon in Mexiko. «Denn jetzt produzieren wir mit einer Partnerfirma unser eigenes Gerät.» Bald seien die ersten davon im Einsatz. Der Vorteil liege auf der Hand. «Das neue Gerät ist perfekt auf unsere Software abgestimmt.»

Eine grosse Rolle bei den Wachstumsplänen spiele auch der Standort. Ihm sei es wichtig, zu zeigen, dass trotz der hohen Löhne dank guter Rahmenbedingungen eine innovative Firma made in Zug weltweit absolut konkurrenzfähig sein könne, sagt Reidy. «Wenn ich früher im Silicon Valley war, kannten sie oft nicht einmal Zürich. Heute ist Zug dank dem Crypto Valley und Weiterem vielen ein Begriff.»

Überwachen und finanzieren

Und Reidy arbeitet schon an den nächsten Projekten. «Wir gewinnen bei unserer Arbeit eine riesige Datenmenge. Wir können Firmen beispielsweise sagen, an welchen Häfen es häufig zu Verspätungen bei gewissen Lieferungen kommt, ja im Abgleich mit den Schiffsbesatzungen sogar, bei welcher nationalen Kombination Kapitän/Besatzung es zu häufigen Zwischenfällen kommt oder in welchen Regionen aus Containern gestohlen wird.» Solche Risikoanalysen seien gefragt, um die Planung zu optimieren.

Des Weiteren steigt das Unternehmen in die Finanzierung ein. «Erst wenn die Ware angekommen ist oder sogar noch später, erhalten Unternehmen Geld für die Lieferung. Das kann eine lange Durststrecke sein», so Reidy. Unterstützt von Investoren wie beispielsweise Banken, will die Arviem AG diese Zeit überbrücken. Möglich sei dies, weil dank der Überwachung die Unversehrtheit der Waren sichergestellt werden könne. Für diese Idee gewann die Firma bereits in der Kategorie Innovation bei den Supply Chain Finance Awards 2018. Es ist nicht die einzige Auszeichnung, die Reidys Unternehmen erhalten hat, die Wand im Sitzungszimmer ist voll davon. Und geht es nach Reidy, sollen noch viele weitere folgen.

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