Dem Wald geht das Wasser aus

Borkenkäfer und schwache Bäume: Die Waldbrandgefahr ist auch im Freiamt gross.

Eddy Schambron
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Stefan Staubli im Wald bei der Arbeit.

Stefan Staubli im Wald bei der Arbeit.

Bild: Eddy Schambron

Wenn die Feuchtigkeit bis tief in die Wurzeln des Waldes gelangen sollte, müsste es von jetzt an bis Ende Mai jeden Tag regnen. «Eine solche Trockenheit im April habe ich bis jetzt noch nie erlebt», sagt Stefan Staubli, Revierförster und Betriebsleiter von Waldkommunal + in Auw im Freiamt. Zum ersten Mal hat der 56-Jährige bei der Pflanzung von Jungbäumen Wasser geben müssen, damit sie überhaupt anwachsen können.

«Die ausgiebigen Winterniederschläge fehlen, und das anhaltende extrem trockene Wetter mit Wind macht im Wald erhebliche Sorgen.»

Das Problem ist nicht neu. «Wir haben seit drei Jahren zu wenig Niederschläge», stellt Staubli fest, der 700 Hektaren Wald bewirtschaftet, darunter rund die Hälfte im Privatbesitz. 2018 hat er erstmals im Sommer Christbaumkulturen bewässert, damit die Tännchen auch bis in den Winter durchhalten konnten.

«Höchste Alarmstufe» gilt derzeit beim Borkenkäferbefall. «Das Wetter begünstigt die Käferpopulation und ab Mitte Mai ist mit einem sehr starken Befall der Bäume zu rechnen», sagt Staubli. Eine Eindämmung sei nur mit konsequentem Handeln möglich. Sämtliche befallenen Bäume müssten innert kürzester Frist nach dem Befall geschlagen und aus dem Wald abgeführt werden.

Kleiner Funke für einen Flächenbrand genügt

Zusätzlich geschwächt wurde der Wald durch die in relativ kurzen zeitlichen Abständen übers Land gezogenen Sturmtiefs Sabine und Petra. Weiter in die Zukunft geschaut ist für Staubli klar, dass mit der Klimaerwärmung «in 30 bis 40 Jahren keine Fichten mehr im Wald wachsen und dass wir in 100 Jahren dort, wo jetzt Buchen stehen, Eichenwälder sein werden». Auch werde die Esche wegen der Eschenwelke, einem eingeschleppten Pilz aus dem asiatischen Raum, verschwinden. Schliesslich wird die Trockenheit Auswirkungen auf die Wasserversorgung haben.

«Der Wald ist ein riesiger Wasserspeicher, viele Grundwasser- und Quellfassungen liegen hier.»

Buchstäblich brandgefährlich und deshalb verboten ist es in der jetzigen Trockenheit, im Wald Feuer zu entfachen. Das Laub und der Boden sind spindeldürr, das grüne Kraut zwischen den Bäumen täuscht eine Feuchtigkeit vor, die nicht vorhanden ist. Zusammen mit etwas Wind genügen ein paar Funken, um einen Flächenbrand auszulösen. «Wir stellen fest, dass sich die Leute gut an das Feuerungsverbot halten», lobt Staubli. Das ist insofern nicht selbstverständlich, als jetzt, mit der Coronakrise, Wald und Wild wesentlich stärker durch die Anwesenheit von Menschen belastet werden. An vielen Rastplätzen mit Feuerstellen wird nicht nur auf das Feuerungsverbot hingewiesen, sondern auch auf die Abstandsregeln des Bundesamtes für Gesundheit.

Mit zunehmenden Freizeitaktivitäten und geschwächten Bäumen drängen sich plötzlich weitere Fragen auf. Wer, beispielsweise, haftet, wenn bei einem Baum ein vertrockneter Ast abbricht und auf eine Waldspielgruppe fällt? Wie viel Freizeitaktivität verträgt der Wald überhaupt? Oder sind die Ansprüche der Öffentlichkeit an den Wald in irgendeiner Form den Waldbesitzern abzugelten? «Es sind Aspekte, die mit den Veränderungen im Wald zunehmend an Bedeutung gewinnen», erklärt Staubli.

Vermarktung ist nur knapp kostendeckend

Es sind schliesslich ebenso wirtschaftliche Fragen, die die Waldbesitzer in dieser Trockenheit umtreiben. Die letzten Stürme haben viele geschwächte Bäume gefällt, wegen des Borkenkäfers müssen zahlreiche Bäume geschlagen werden, obwohl die Nachfrage nach Stammholz sehr stark eingebrochen ist. «Wir haben ein Überangebot an Holz, was die Preise entsprechend drückt», weiss Staubli. Zur Zeit sei nur eine knapp kostendeckende Vermarktung möglich.

Verschärft hat die Situation, dass mit der Coronakrise die grossen Sägereien einen Annahmestopp verfügt haben. Käferholz wird jetzt gelagert – mindestens 500 Meter vom nächsten Wald entfernt, damit nicht noch weitere Bäume befallen werden.