Leserbrief

Über die Langweile und Erfindungen

«Zwei moderne Geschichtenerzähler aus Oberwil», Ausgabe vom 27.Oktober

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Zwei Zuger Tüftler entwickeln eine neue App, um die Zeit im Zug zu vertreiben!

Bitte nicht falsch verstehen, ich finde es gut, was die Beiden gemacht haben. Mir ist aber ein anderer Gedanke gekommen. Können wir uns wirklich nicht mehr einfach langweilen und uns in unseren Gedanken suhlen. Ich als Behinderter will meiner Partnerin nur wo notwendig im Wege stehen. Aber wenn wir zusammen auf der Rigi sind, geht sie wandern und ich sitze im Restaurant und rauche meine Zigarre. Ich habe zwar immer ein Buch dabei, aber meistens schlage ich es nicht auf, sondern geniesse es meinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Ab und zu sende ich mir mit dem Mobil ein paar Stichworte, die ich dann zu Hause zu einem Text verarbeite. Aber was gibt es Schöneres als einfach zu sein, Ich langweile mich eigentlich nie.

Was ich vermute, ist, dass sehr viele Menschen nicht mehr mit sich selber auskommen und Angst haben vor ihren eigenen Gedanken. Einfach nachzudenken, könnte ja etwas zu Tage fördern, mit dem man sich nicht beschäftigen will.

Diese ständige Berieselung ist eigentlich ein Armutszeugnis. Wenn man jedoch wirklich etwas über die Gegend erfahren will, die man gerade durchquert, dann ist diese App eine gute Idee. Aber wenn man nur von sich selber ablenkt, dann verfehlt es seine Wirkung, denn nur das Mit-sich-selber-Beschäftigen, das Sich-selber-Aushalten, bringt uns weiter. Kurze Weile ist nicht immer die Lösung.

Michel Ebinger, Rotkreuz