Unerreichbare Lernziele

Zwei CVP-Kantonsrätinnen machen auf den Umstand aufmerksam, dass nicht jedes Schulkind die sogenannt überfachlichen Kompetenzen erfüllen kann. Sollte der Massstab der Beurteilungen angepasst werden?

Andrea Muff
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Regelmässig werden Schulkinder hinsichtlich ihres Verhaltens in den überfachlichen Kompetenzbereichen beurteilt. (Symbolbild: Boris Bürgisser)

Regelmässig werden Schulkinder hinsichtlich ihres Verhaltens in den überfachlichen Kompetenzbereichen beurteilt. (Symbolbild: Boris Bürgisser)

Nicht nur Noten in den einzelnen Fächern zählen am Ende des Schuljahres, auch die sogenannten überfachlichen Kompetenzen werden ausgewiesen. Bei diesen geht es etwa um Teamfähigkeit, zielorientiertes Arbeiten oder Motivation. Die überfachlichen Kompetenzen beurteilt einerseits der Schüler selber und andererseits die Lehrperson hinsichtlich des Verhaltens in den Bereichen Fach-, Lern, Sozial- und Selbstkompetenz.

Nun werden Kinder mit einer ärztlich diagnostizierten Autismus-Spektrumstörung (ASS) oder Aufmerksamkeitsdefizit-Störung (ADS/ADHS) von einer Lehrperson bei dieser Beurteilung am Massstab eines gesunden Kindes gemessen. Dies, obwohl viele Bewertungskriterien direkt oder indirekt in den Bereich der diagnostizierten Behinderung fallen. Auf diesen Umstand aufmerksam machen die CVP-Kantonsrätinnen Anna Bieri (Hünenberg) und Manuela Leemann (Zug) in der Interpellation betreffend Umgang mit Beurteilungen von überfachlichen Kompetenzen bei Kindern mit ASS und ADS/ADHS.

Unter gewissen Umständen laufbahnentscheidend

Dass die Massstäbe für Kinder mit den genannten Störungen nur schwer anwendbar sind, hat Sandra Fischer selbst erfahren. Sie ist Mutter von drei Kindern, zwei von ihnen haben ADHS. Der ältere hat zusätzlich dazu die Diagnose Asperger, die zu den Autismus-Spektrumstörungen zählt. «Der Kompetenzbogen ist natürlich bei jedem Elterngespräch Thema», so Fischer. Das gewohnte Bild: Die Kreuze sind im roten Bereich. «Mein Sohn engagiert sich sehr. Aber er muss sehr viel leisten, dass er das gleiche erreichen kann, wie andere», erklärt die Mutter des Zweitklässlers. «Er versteht nicht wie andere Kinder intuitiv, was die Lehrerin von ihm will.»

Dabei sei ihr Sohn etwa von sensorischen Reizen viel stärker als andere abgelenkt. «Er macht einen guten Job und dann ist die Bewertung trotzdem sehr schlecht», so die Chamerin. «Die Diagnose sagt mir ja schon, dass er die geforderten Kompetenzen nicht so erreichen kann wie andere Kinder.» Sie fragt: «Warum kann der Massstab nicht an den Möglichkeiten der betroffenen Schüler angepasst werden?» Denn unter Umständen sei die Beurteilung der Kompetenzen laufbahnentscheidend.

Beurteilungen werden immer wichtiger

Das bestätigt auch Maria Harksen von der Beratungsfirma Harksenvogt AG, die sich auf Beratung von Menschen mit ASS und ADS/ADHS und deren sozialen Umfeld spezialisiert hat. Sie spricht auch den Lehrplan 21 an, der im nächsten Schuljahr im Kanton Zug gelten wird. «Aktuell sind die Kompetenzenbeurteilungen noch weniger entscheidend, aber das könnte sich ändern», erklärt Harksen. Sie befürchtet, dass die Beurteilung der überfachlichen Kompetenzen noch mehr Bedeutung erhält. «Ich finde einen politischen Vorstoss sehr wichtig. Denn das Thema muss diskutiert werden», sagt Maria Harksen.

Das ist auch ein Anliegen der beiden CVP-Kantonsrätinnen. «Es geht um die Kompetenzen, die grundsätzlich sehr wichtig sind, aber in denen die Kinder mit ASS oder ADS/ADHS gar nicht reüssieren können», sagt Anna Bieri und fügt hinzu: «Ein Einstein zu sein, schliesst beispielsweise nicht aus, auch ein Zappelphilipp oder ein sehr introvertiertes Kind zu sein.» Die Politikerinnen wollen von der Regierung wissen, warum von ASS und ADS/ADHS betroffene Kinder nicht von der überfachlichen Kompetenzbeurteilung zumindest teilweise befreit werden, so wie etwa ein körperlich behindertes Kind von der Beurteilung im Sportunterricht befreit wird.

Kinder sollen nicht entmutigt werden

Sie stellen weiter die Frage, wie sichergestellt werden kann, dass die betroffenen Kinder nicht an unrealistischen Massstäben gemessen und dadurch wiederholt «durch ungerechtfertigte negative Rückmeldung entmutigt werden». Zum Schluss wollen sie wissen, wie sichergestellt wird, dass die Kinder hinsichtlich der Einschätzung ihrer überfachlichen Kompetenz eine ihren Einschränkungen gerecht werdende Beurteilung erhalten. Anna Bieri sagt: «Ich bin zuversichtlich, dass die Bildungsdirektion unser Problem erkennt.»