UNTERÄGERI: Entenjagd spaltet die Gemüter

Bei Jägern beliebt, bei der Bevölkerung verpönt: Ein Jäger nahm uns mit auf die Pirsch – und erklärt, was die Entenjagd für ihn mit Ökologie zu tun hat.

Rahel Schnüriger
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Schiesst nur, wenn er sicher trifft: Alfred Meier mit Hund Artus 
auf Entenjagd am hinteren Teil des Ägerisees. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue ZZ)

Schiesst nur, wenn er sicher trifft: Alfred Meier mit Hund Artus auf Entenjagd am hinteren Teil des Ägerisees. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue ZZ)

Es gibt eine Aufstellung, die nennt sich «Happy Planet Index» (HPI). Was wie nach Utopie aus der 68er-Zeit klingt, stammt in Wahrheit aus der Feder einer britischen Denkfabrik, die im Jahr 2006 eine Alternative zum Bruttoinlandprodukt aufgleiste. Der HPI misst das Wohlbefinden einer Nation unter Berücksichtigung ihrer ökologischen Nachhaltigkeit. Top im Ranking ist, wer eine hohe Lebensqualität mit gleichzeitig kleinem ökologischem Fussabdruck erreicht.

Alfred Meier, Präsident des Zuger Patentjägervereins, erklärt sich nicht mit solchen Indices. Doch seine Gedanken widerspiegeln die Idee dahinter ziemlich genau. Als wir ihn letzte Woche auf die Entenjagd in Unterägeri begleiteten, sagte er: «Mit der Entenjagd nutze ich eine natürliche Ressource.» In Restaurants werde ohne Aufhebens Entenfleisch verkauft, ohne dass die Gäste dessen Herkunft und Aufzucht kennen. «Die Entenjäger sind aber oft mit Unverständnis aus der Bevölkerung konfrontiert. Das ist unlogisch.»

Keine Jagd in Wohngebiet

An besagtem Morgen ziehen wir in der Dunkelheit los, bei minus acht Grad. Die Tannenspitzen sind frisch verschneit. Hund Artus, nach dem sagenumwobenen König benannt, schwänzelt bereits in Vorfreude. Auf dem Ägerisee hängen Nebelschwaden, während der Himmel über uns einen glasklaren Tag ankündigt. Die ersten paar hundert Meter führen vorbei an Häusern, und Alfred Meier erzählt von der Jagd.

Gut getarnt schwimmt eine Entenfamilie hinter dem Schilfgürtel. Jäger Meier lässt sie ziehen. Auch wenn die Jagdkarte Wohngebiete nicht immer klar abgrenzt, würde er nie in der Nähe eines Hauses schiessen. Dass einzelne seiner Jagdkollegen den rechtlichen Rahmen ohne Feingefühl ausnutzen, ärgert ihn: «Einige wenige können so dem Image der Jäger stark schaden», sagt der 48-Jährige.

Bei Bevölkerung wenig akzeptiert

Es ist kein Zufall, dass wir lange suchen mussten, bis uns ein Jäger auf die Entenjagd mitnahm. Bei der Bevölkerung ist sie weniger akzeptiert als die herkömmliche Jagd. Denn sie lässt sich nicht durch eine Bestandsregulierung erklären. Und die Enten auf dem See sind den Menschen näher als das für die meisten unsichtbare Wild im Wald. Nur Alfred Meier sagt sich: «Ich stehe zu dem, was ich mache.» Auch zu Gunsten der besseren Information der Nicht-Jäger, die ihm als Präsident der rund 250 Zuger Waidmänner, darunter rund ein Fünftel auch Entenjäger, am Herzen liegt.

Bald befinden wir uns auf dem Naturweg am hinteren Teil des Sees, weit und breit kein Mensch mehr. Ein paar Blesshühner paddeln direkt am Ufer, doch Alfred Meier mag sie nicht schiessen. «Zu leichte Beute», sagt er lachend. «Ausserdem mag ich den Anblick, wenn sie im Sommer Nester bauen.» Nach einer kurzen Pause ergänzt Meier: «Wir Jäger sind auch Tierliebhaber.»

Plötzlich stoppt er mitten im Gespräch. Jetzt muss es schnell gehen. Doch die Enten sind schneller, schwimmen Richtung Seemitte, bevor Meier schiessen kann.

Wir stellen uns darauf ein, ohne Beute nach Hause zu gehen. Alfred Meier scheint dies nicht zu stören: Die frische Morgenluft und der Auslauf von Artus sei ihm genauso viel wert wie eine gejagte Ente. Seit der passionierte Jäger die Tiroler Bracke vor viereinhalb Jahren im Zillertal abgeholt hat, ist der Rüde Tag und Nacht an seiner Seite. Auf die Entenjagd verzichten möchte Meier trotzdem nicht: «Natürlich erfüllt es mich auch mit Stolz, wenn ich mit einem Stück hochwertigem Fleisch nach Hause komme.» Eine Ente gibt zwar von der Grösse her nur eine Vorspeise, doch mit dem selbst erlegten Hirsch- und Rehfleisch kommt er gut durch die jagdlose Zeit. Sein Gedankengut geht weg vom billigen Import- hin zu Qualitätsfleisch aus der Region. «Die Menschen sollten weniger Fleisch, dafür das richtige essen – was leider etwas mehr kostet.»

Eine Reiherente muss dran glauben

Dann gilt es doch noch ernst. Alfred Meier macht drei Schritte vorwärts, schiesst einmal, zweimal. Die Reiherenten sind binnen Sekunden in der Luft, nur eine bleibt im Wasser liegen. Artus springt freudig ins eiskalte Wasser, apportiert seinem Herrn die Ente. Auch dieser ist zufrieden. Gäbe es einen persönlichen Happy Planet Index, wäre jener von Fredi Meier an diesem Januarmorgen um einen Punkt gestiegen.