UNTERÄGERI: Schon bald schwimmt hier ein riesiges Floss aus Holz

Donnernd schlittern Baumstämme den steilen Hang des Bergwaldes hinab. Ein untrügliches Zeichen für den anstehenden Reisttag.

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Bereits 
schwimmen viele Baumstämme auf dem Ägerisee, die bald zu einem grossen Floss zusammengebunden werden. (Bild Stefan Kaiser)

Bereits schwimmen viele Baumstämme auf dem Ägerisee, die bald zu einem grossen Floss zusammengebunden werden. (Bild Stefan Kaiser)

Die Motorsägen hört man bis weit über den Ägerisee, ein Knacken und schon fällt ein Baum. Kurz darauf donnert dieser mehrere Meter in die Tiefe und taucht in den See ein. Eine kleine Fontäne spritzt hoch, und das Wasser trübt sich. Wenig später kommt der Stamm wieder an die Wasseroberfläche. Doch weit und breit sind keine Bagger oder Karren zu sehen, die die gewaltigen Baumstämme forttransportieren könnten. Diese Szene hat sich gestern beim Bergwald in Unterägeri vielfach abgespielt. Sie zeigt: Das traditionelle Flössen steht kurz bevor. Es wird im Ägerital praktiziert, seit die Menschen hier mit Holz arbeiten. Im Jahr 2004 haben die Korporationen Unter- und Oberägeri den Brauch erstmals mit öffentlichen Anlässen dem Volk zugänglich gemacht.

Umfangreiche Vorarbeiten

Der erste der drei diesjährigen Anlässe steht bereits kommenden Samstag an: der Reisttag (siehe Box). Die Vorbereitungen dafür haben schon am 11. Januar begonnen. Seitdem sind vier Forstwarte im Einsatz. 700 Kubikmeter Holz haben sie gefällt. Das entspricht ungefähr 150 Bäumen, die meisten davon Nadelbäume. Weitere 200 Kubikmeter sollen noch dazukommen, sagt Karl Henggeler, Förster der Korporation Oberägeri. Von den bereits gefällten Bäumen ist schon die Hälfte im Wasser. Den Forstwarten zuschauen dürfen alle Schaulustigen am Reisttag, der mit dem Flössen und dem dazugehörigen Flösserfest nur alle vier Jahre stattfindet. «Wir geben Einblick in die Technik des Fällens, des Reistens der Bäume hinunter zum See und den Zusammenbau des grossen Flosses», erklärt Thomas Hess, Unterägerer Korporationsschreiber. Die Forstwarte werden am Samstag einen Baum fällen und ausserdem drei weitere reisten lassen.

Der steile Bergwald mit dem Fuss- und Radweg verwehren eine Zufahrt, deswegen müssen die Forstwarte auf das traditionelle Flössen zurückgreifen. Hinzu kommt, dass die finanziellen Ausgaben für einen Helikoptereinsatz viel höher wären. Ausser dem See gibt es keine andere Zugangsmöglichkeit, betont Henggeler.

Flössen bedeutet, dass die Bäume durch den Wald in den See gleiten und zusammengebunden wie ein Schiff über den See transportiert – eben geflösst – werden. Reisten nennt man die Technik, Holz einen Hang hinunterzureissen. Das Wort hat sich im Sprachgebrauch gewandelt und wird heutzutage ‹reisten› ausgesprochen. Diese Technik kennt man schon sehr lange, zum Holzabbau praktiziert wird sie in Zentraleuropa aber einzig noch im Ägerisee.

Ein Floss wird gebaut

Die Arbeiten für das tatsächliche Flössen im März sind bereits am Laufen. Der Rahmen des Flosses ist bereits vorhanden. Grob ist schon erkennbar, dass aus vielen Baumstämmen ein Floss entstehen wird. Das Aussengerüst wird mit Drahtseilen festgebunden. Die losen Stämme werden so zusammengehalten.

«Man kann sich ein Schiff vorstellen. Das Schiff hat vorne auch einen Keil. So läuft es gut im Wasser», erklärt Franz Müller, Vorsitzender des Organisationskomitees des Flösserfests. Dank der Dreiecksform kann das schiffartige Floss schnell im Wasser treiben, ohne vom Wind verweht zu werden. Im März ist hoffentlich ideales Wetter zum Flössen. Beste Voraussetzungen bietet ein windstiller Ägerisee. Bei zu viel Wind kann es sein, dass die Eckpfeiler aufschaukeln und die Drahtseile durch die Reibung reissen.

Bei gutem Wetter wird das Holzfloss über den See fahren. Dieses wird dann aus der Lorze gehoben und die Stämme für die einzelnen Kunden zurechtgeschnitten. Der grösste Teil des Holzes wird zu Bauholz verarbeitet.

Festliches Ende im Juni

Am 11. Juni wird dann noch gefeiert. Dies beim grossen Flösserfest und zum dritten Mal überhaupt. Was genau dieses Fest verspricht, ist noch unklar. Aber eines ist bereits bekannt: Das Fest bietet den Besuchern viele Attraktionen rund um den Baustoff Holz.

Carla Fanchini