Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

URTEIL: Verwaltungsgericht muss nachsitzen

Ein Mann springt vom Ufer aus in einen See. Er wird dabei verletzt. Die Suva kürzt ihm die Taggeldleistungen, weil sie diesen Sprung als Wagnis bezeichnet. Nun widerspricht das Bundesgericht.
Marco Morosoli
Das Ufer des Zugersees vor der Stadt Zug. (Bild: Werner Schelbert / Neue ZZ)

Das Ufer des Zugersees vor der Stadt Zug. (Bild: Werner Schelbert / Neue ZZ)

Marco Morosoli

marco.morosoli@zugerzeitung.ch

Bundesrichter schauen genau hin. Das zeigt ein Urteil der 1. sozialrechtlichen Abteilung des Bundesgerichts vom 2. August. Das in Luzern beheimatete Gericht hat sich mit einem Fall befassen müssen, bei dem die Schweizerische Unfallversicherungsgesellschaft (Suva) das Taggeld eines Mannes um die Hälfte gekürzt hat. Dieser ist im August 2015 kopfvoran in einen See gesprungen und hat sich dabei Kopf- wie auch Wirbelverletzungen zugezogen.

Die Suva hat in ihrem Entscheid den Sprung des Mannes in Ufernähe in einen See als Wagnis bezeichnet. Dies, weil die Wassertiefe dort nur gerade 50 Zentimeter betrage. Der Mann hat sich gegen diese Sachverhaltsdarstellung gewehrt, aber das angerufene Zuger Verwaltungsgericht ist der von der Suva gelieferten Argumentation gefolgt. Diese Rechtsprechung sei allgemein gültig. Die Wassertiefe von rund einem halben Meter sei im Bericht des Spitals erwähnt worden, in welches der Mann nach dem verhängnisvollen Sprung eingeliefert worden ist.

Dieser Tatsachenfeststellung ist das Zuger Verwaltungsgericht gefolgt. Wohlwissend, dass rund um den Betonsteg, von dem der Sprung erfolgt sei, verschiedene Wassertiefen gemessen worden sind. Zwar lasse sich der Unfallhergang nicht mehr mit Sicherheit rekonstruieren, dennoch «habe die Suva mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit davon ausgehen dürfen, dass der Beschwerdeführer einen Kopfsprung in ein für ein solches Unterfangen deutlich zu seichtes Wasser gemacht habe». Die Wassertiefe könne offenbleiben. Mithin sei, so die Zuger Verwaltungsrichter, die Kürzung der Taggeldleistungen zu Recht erfolgt. Mit diesem Verdikt hat sich der verletzte Mann nicht abgefunden und die sozialrechtliche Abteilung des Bundesgerichtes in Luzern angerufen. Dieses Gremium ist nun seiner Beschwerde gefolgt und hat den Entscheid der unteren Instanz umgestossen. Damit heisst es: ein neuerlicher Start auf Feld 1.

Die Zeugen haben den Sprung nicht gesehen

Die Luzerner Bundesrichter haben sich jedoch im Gegensatz zur Suva respektive dem Zuger Verwaltungsgericht eingehend damit befasst, wie die besagte Wassertiefe in die Akten gekommen ist. Dabei ist zu bemerken, dass die Versicherungsrichter im Gegensatz zu ihren Kollegen in Lausanne nicht «an die Feststellungen des rechtserheblichen Sachverhaltes gebunden» sind.

Sie haben dabei Zeugenaussagen zu Rate gezogen. Ein Ar­beitskollege und dessen Freundin seien mit dem Mann baden gegangen. Wohl hätten sie bezüglich der Wassertiefe im Bereich des Betonsteges keine Aussagen gemacht. Erwähnt wird nur, dass sie ihren Begleiter vor dem Kopfsprung in den See gesehen hätten. Er sei bis zum Bauchnabel nass gewesen. Zudem erinnern sich beide Zeugen daran, dass sie gesehen hätten, wie ihr Kollege für den Sprung Anlauf genommen habe. Den Sprung hat hingegen keiner der beiden bemerkt. Die Zeugin hat später nur die Hilferufe gehört. Wie die Wassertiefe von 50 Zentimetern in den Austrittsbericht des behandelnden Spitals gekommen sei, vermochte das Paar nicht zu erklären.

Die Bundesrichter halten fest, dass ein Wagnis ohne weiteres zu bejahen wäre, wenn der Mann in 50 Zentimeter tiefes Wasser gesprungen wäre. Die ganze Herleitung habe aber einen Haken: «Diesen Sachverhalt hätte der Unfallversicherer indes mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit nachzuweisen, was ihm nicht gelungen ist. Es könne ebenso sein, dass der Mann von einer anderen Stelle des Betonsteges ins Wasser gesprungen sei, und mit dem Kopf auf einen Stein aufgeprallt sei. Im Weiteren könne aufgrund der erlittenen Verletzungen nicht auf die Absprungstelle und daher auf den Wagnischarakter geschlossen werden.

Die Aktenlage, welche sich nicht mehr vervollständigen lasse, reiche nicht aus, um den Beweisgrad der «überwiegenden Wahrscheinlichkeit» anzunehmen, dass der Mann einen Kopfsprung in den See bei einer Tiefe von einem halben Meter vollführt hat. Unter diesen Umständen halte die Leistungskürzung vor Bundesrecht nicht stand. Die Beschwerde wird somit gutgeheissen. Damit muss sich das Zuger Verwaltungsgericht neuerlich mit dem Fall befassen. Zudem muss die Suva die Gerichtskosten von 800 Franken tragen und den Beschwerdeführer mit 2800 Franken entschädigen.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.