Veloverkehr im Kanton Zug: Wie steht’s um die Sicherheit?

Eine Auswertung von Unfällen stellt Zug und Baar kein gutes Zeugnis aus. Die Reaktionen.

Rahel Hug
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Car Free Day: Velofahrer und Politiker der Grünen fahren einen Velocorso durch Zug, um auf das Thema aufmerksam zu machen. (Bild: Stefan Kaiser, Zug, 22. September 2019)

Car Free Day: Velofahrer und Politiker der Grünen fahren einen Velocorso durch Zug, um auf das Thema aufmerksam zu machen. (Bild: Stefan Kaiser, Zug, 22. September 2019)

Die Strassen in Zug und Baar sind ein gefährliches Pflaster für Velofahrer. Zu diesem Schluss kommt, wer die Auswertung der Datenbank des Bundesamtes für Strassen Astra von 2011 bis 2018 betrachtet. Die «Sonntags-Zeitung» hat in der Ausgabe vom 15. September eine Grafik publiziert, in der die 20 Gemeinden mit den meisten Unfällen in den Jahren 2011 bis 2018 aufgelistet sind. Zug befindet sich auf dem 12. Platz, Baar an 20. Stelle.

Müssen sich Velofahrer in den beiden grössten Gemeinden im Kanton Zug Sorgen um die Sicherheit machen? Victor Zoller, Co-Präsident von Pro Velo Zug, ist überrascht über die Statistik. Im Artikel der «Sonntags-Zeitung» wird als Grund für die vielen Unfälle auch der Umstand genannt, dass Städte wie etwa Winterthur für Velofahrer attraktiver geworden seien und es deshalb zu mehr Unfällen komme. «Das trifft wohl auch für Zug teilweise zu», sagt Victor Zoller. Wobei er feststellt, dass viele sich nur für besondere Anlässe wie beispielsweise das Esaf oder die Jazz Night auf das Velo setzen. «Nach wie vor sagen viele Zugerinnen und Zuger, das Velofahren sei ihnen zu gefährlich.» Im Artikel wird ausserdem thematisiert, dass der schlechte Zustand der Infrastruktur immer öfter die Hauptursache für Unfälle sei. Das kann Victor Zoller für Zug und Baar nicht bestätigen. «Die Ursachen sind oft sehr schwierig zu evaluieren.»

«Es bleibt bei einer Pflästerlipolitik»

Zoller nennt aber mehrere neuralgische Punkte in den zwei Gemeinden: So etwa der Hafen in Zug (unübersichtliche Einmündung) die Baarerstrasse bei den Geleisen an der Stadtgrenze (Verengung der Strasse), die Poststrasse (fehlender Radstreifen) oder die Neugasse in Zug (enge Verhältnisse) und das Neufeld in Baar (schmale Brücke). Hier sieht der Pro-Velo-Präsident Konfliktpotenzial mit dem Motorfahrzeugverkehr. Für Velos untereinander seien zu schmale Radwege mit engen, unübersichtlichen Kurven (Choller in Zug) und Unterführungen (Brüggli in Zug, Weststrasse in Baar) gefährlich.

Pro Velo Zug fordere bei all diesen Punkten Verbesserungen. Ein positives Beispiel sei das neu angebrachte Stoppsignal beim Hafen Zug, welches das Problem etwas entschärft habe. Doch generell ist Zoller nicht zufrieden mit der Situation: «Es bleibt bei einer Pflästerlipolitik, wobei die grossen ‹Wunden› nicht angegangen werden.» Bei der Schaffung von durchgängigen Velowegen seien nicht nur die Gemeinden, sondern auch der Kanton gefordert, und das gelte genauso für Kantonsstrassen in den Zentren. Ein Beispiel sei die Neugasse in der Stadt Zug. «Hier fordern wir seit langem eine Strassenmarkierung wie in Hünenberg und Rotkreuz. Diese würde die Autofahrenden darauf hinweisen, dass Velos auch ihren Platz haben und im stockenden Verkehr rechts vorfahren möchten.»

Auch Urs Raschle, Sicherheitsvorsteher der Stadt Zug und selber Velofahrer, zeigt sich überrascht von der Statistik. Für die genaue Analyse der Unfallursachen und konkrete Zahlen verweist er auf die Zuger Polizei. «Ich bin nicht erfreut über den Wert, aber er zeigt auch, dass viel Velo gefahren wird, was im Grundsatz ja erfreulich ist.» Leider, so Raschle, führe die grössere Zahl an E-Bikes auch zu schwereren Unfällen. «Die Stadt muss sich der Frage stellen, wie man damit in Zukunft umgehen will.» Grundsätzlich beurteilt der CVP-Stadtrat die Stadt Zug als «velofreundlich und recht sicher».

25 Prozent mehr Velofahrten

«Eine Korrelation zwischen einer grösseren Anzahl Velofahrerinnen und Velofahrern und mehr Velounfällen ist sicherlich vorhanden», sagt der Zuger Baudirektor Florian Weber. Die Auswertung der Velozählung 2017 auf den Zufahrtsachsen der Stadt Zug ergab zwischen 2011 und 2017 einen Anstieg an Velofahrten von rund 25 Prozent. Im gleichen Zeitraum nahm die Anzahl Velounfälle auf Kantonsgebiet um rund 20 Prozent zu. «Es ist jedoch zu differenzieren», so Weber: In der Stadt Zug nahm die Anzahl der Velounfälle in diesem Zeitraum um rund 16 Prozent zu, in Baar hingegen um rund 5 Prozent ab. Betrachtet man die Jahre von 2011 bis 2018, scheinen die Anzahl Velounfälle in der Stadt Zug auf einem Niveau von rund 33 pro Jahr respektive in der Gemeinde Baar auf einem Niveau von rund 21 pro Jahr eher zu stagnieren. Bezogen auf die Einwohnerzahlen der 2212 Gemeinden der Schweiz rangiert die Stadt Zug laut Weber auf Rang 24, die Gemeinde Baar auf Rang 34. «Verglichen mit den enorm vielen Arbeitsplätzen und den daraus resultierenden sehr zahlreichen Pendlerinnen und Pendlern, die täglich in die Stadt Zug (25000) und nach Baar (13600) fahren, überraschen diese Zahlen nicht.» Selbstverständlich sei jedoch jeder Velounfall einer zu viel. «Der Kanton ist bemüht, mittels normgerechter Radinfrastruktur sowie entsprechendem Unterhalt optimale Voraussetzungen für alle zu schaffen.» Das Bundesamt für Strassen publiziert auf dem Geoportal des Bundes eine Unfallkarte, welche die Unfälle seit 2011 geografisch nach bestimmten Themen auflistet. Laut Angaben der Zuger Polizei gab es im Kanton Zug 2018 82 Velounfälle und 14 mit E-Bikes. Auf die Frage, welches die häufigsten Unfallursachen sind, sagt Mediensprecher Frank Kleiner: «Häufig passieren Velounfälle wegen Unaufmerksamkeit sowie Ablenkung. Auch Alkohol ist ein häufiger Unfallgrund.»

Eng werde es für Velofahrer rund um den Kolinplatz, ausserdem müssten sich Zweiräder in den Bereichen Neustadt, Vorstadt und Bundesplatz «Platz und Respekt verschaffen». Im Rahmen des Masterplans Velo «Bike to School» seien verschiedene Massnahmen umgesetzt worden. «Doch einige grosse Brocken fehlen noch», sagt Raschle. Als Beispiel nennt er die geplante Neugestaltung der Alpenstrasse. «Im Rahmen dieses Projekts sollen auch die Veloverbindungen verbessert werden.» Als Grundlage für die Ortsplanungsrevision will der Stadtrat zudem ein Mobilitätskonzept erarbeiten, in dem auch Verbesserungsmöglichkeiten für den Langsamverkehr aufgezeigt werden. Raschle ergänzt: «Dieses Konzept soll in ungefähr zwei Jahren vorliegen.»

Dasselbe geschieht zurzeit in Baar, wie der Sicherheitsvorsteher Zari Dzaferi erklärt. «Das Verkehrskonzept wird, was den Zentrumsbereich betrifft, zum Zeitpunkt der Eröffnung der Tangente Zug-Baar vorliegend sein und abteilungsübergreifende Massnahmen definieren.» Laut Dzaferi befinden sich Gefahrenherde vor allem bei Verkehrsknoten. Dort, wo Velofahrer ein- und abbiegen, sowie bei Kreiseln und an Stellen, wo veränderte Vortrittsregeln gelten. Dies gelte auch für die Dorfstrasse während der Hauptverkehrszeit, insbesondere bei engen Stellen. Auch die von Victor Zoller angesprochene Unterführung Weststrasse nennt der SP-Gemeinderat. «Doch hier haben wir bereits Verbesserungen erreicht, indem die Beleuchtung verbessert und die Schranken versetzt wurden.» Ein Punkt bereite dem Gemeinderat nach wie vor Bauchschmerzen: die Brücke bei der Südstrasse im Gebiet Neufeld. Hier sei man noch daran, eine bessere Lösung zu finden.

In acht Jahren wurden in Baar 172 Unfälle erfasst

«Jeder Unfall ist einer zu viel», sagt Zari Dzaferi. Deshalb hat die Gemeinde die Netzbildung und die Sicherheit für den Fuss- und Radverkehr in ihren Leitzielen für die Ortsplanungsrevision «Baar 5x5» aufgenommen. Doch die Statistik, wonach Baar zu den 20 gefährlichsten Städten für Velofahrer gehöre, müsse relativiert werden. In Baar werde das Fahrrad viel genutzt, da ein grosser Teil des Gemeindegebiets flach sei. In acht Jahren wurden 172 Unfälle erfasst. «Das sind etwa ein bis zwei Unfälle im Monat. Man muss dabei berücksichtigen, dass in Baar viel Verkehr herrscht.»

Er habe nicht den Eindruck, dass Baar ein sehr gefährliches Pflaster für Velofahrer sei, so der Sicherheitsvorsteher. Auch gebe es mehrere Beispiele von Verbesserungen, die in den letzten Jahren umgesetzt worden seien. So etwa die Unterführung Altgasse-Neuhofstrasse oder die Schaffung mehrerer temporeduzierter Zonen. Letztes Jahr wurde in Baar ein internes Arbeitspapier zum Thema Sicherheit für Radverkehr erstellt. Die Erkenntnisse daraus sollen vertieft werden und ins Verkehrskonzept einfliessen.