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VERKEHR: Heiligabend im Nirgendwo

Ist Lokführer noch heute ein Traumberuf? Ein Tag im Führerstand mit dem Zuger Sven Arnold.
Sven Arnold blickt am Zürcher Hauptbahnhof aus dem Führerstand einer SZU-Lokomotive. (Bild Raphael Biermayr)

Sven Arnold blickt am Zürcher Hauptbahnhof aus dem Führerstand einer SZU-Lokomotive. (Bild Raphael Biermayr)

Raphael Biermayr

Die Katze lebt. Sven Arnold ist zufrieden. In wenigen Minuten endet der Arbeitstag des 27-Jährigen mit der Einfahrt in den Zürcher Hauptbahnhof. Weil es erwähnter Vierbeiner gerade noch rechtzeitig über die Gleise geschafft hat, wird der Tag des Lokführers ohne Zwischenfälle verlaufen sein.

Seit rund drei Jahren fährt Arnold für die Sihltal-Zürich-Uetliberg-Bahn (SZU). Vom Stromern hatte er nach der Lehre bald genug, er liess sich bei den SBB zum Fahrdienstleiter umschulen. Die romantische Vorstellung einer Existenz im Bahnwärterhäuschen zerschlug sich bald. Nach wenigen Monaten vor einem Bildschirm mit abstrakten Zeichen für Gleise, Lichtsignale und Züge suchte er eine neue Herausforderung. Er machte die Ausbildung zum Lokführer und landete schliesslich an Orten wie dem Aufenthaltsraum an der Haltestelle Langnau-Gattikon, wo es nach einhelliger Meinung in der SZU-Belegschaft immer etwas kälter ist als andernorts.

In dem funktionalen, stark beheizten Gebäude treffen sich die kaum sichtbaren Menschen wie eben die Lokführer, die Zugreiniger und die Gleisarbeiter. Es sind Menschen einer Parallelgesellschaft, die die Gesellschaft am Laufen halten. Gerade in der dicht bevölkerten Gegend um Adliswil, in die der lange Arm der Stadt Zürich längst reicht. Austauschbare Häuserschluchten und Bürokomplexe im Legebatterienstil türmen sich entlang der Gleise auf.

Nur wenige hundert Meter weiter folgen: Stille und Abgeschiedenheit. Dieser Kontrast trifft auf beide Linien der SZU zu. Eine führt von Zürich Hauptbahnhof nach Sihlwald an die Grenze zum Kanton Zug, die andere am Triemli-­Spital vorbei auf den Uetliberg.

Belächelt von SBB-Kollegen

Es ist also nicht die grosse Schweiz, die die Männer hier bereisen. Keine Prestigestrecken. Dass die besondere Herausforderung ihrer Arbeit wegen der engen Verhältnisse, der schnell wechselnden Witterungsverhältnisse, der Steigungen, der vielen Signale und der Zeitnot im 10-Minuten-Takt von Seiten vieler Kollegen von den SBB nicht honoriert wird, merkten Arnold und seine Kollegen. Als sie wegen eines Umbaus ihres Pausenraums denjenigen der SBB mitnutzten, habe er den Eindruck gewonnen, dass die Kollegen sie belächelten.

Doch der Stolz auf die eigene Leistung lebt: «Ich würde niemals zu den anderen gehen – nicht heute und nicht vor 20 Jahren!», sagt ein Kollege Arnolds im erstaunlich schmucken Pausenraum, der sich irgendwo im Schlund des Ungeheuers Hauptbahnhof befindet. Die Worte stehen in dem kleinen Raum. Warum diese strikte Ablehnung? «Bei den SBB ist man Lokführer Nummer sowieso. Hier bei uns kennt man sich noch.»

Arnold schätzt das Familiäre bei der SZU ebenfalls. Das wird auch demons­triert: Die Hand geht während eines Arbeitstags Dutzende Mal hoch zum Gruss. Aber Arnold würde nicht so weit gehen, sich explizit gegen einen Arbeitgeberwechsel zu verwahren – er war ja bereits bei den SBB. Die Stadtbahn Zug würde ihn reizen, auch wenn die deutlich weniger Passagiere befördert als die SZU: «Die neuen Strecken, die Gegend, in der ich mich auskenne – das hätte schon was», erklärt er. Allerdings würde er einen Kompromiss in Sachen technische Herausforderung eingehen müssen. Die Stadtbahnzüge sind modern, die Anforderungen an den Lokführer entsprechend geringer. Wie in den neuen Modellen der SZU. In den älteren Loks ächzt und knarrt es noch, und es riecht nach Öl. Der Luftdruck für die Bremsen wird von Hand reguliert, statt eines Tempomats per Knopfdruck muss der Lokführer die Geschwindigkeit mit einem Rad anpassen.

Schwierig fürs Familienleben

Was den Job des Lokführers attraktiv und einträglich macht, macht ihn gleichermassen abschreckend: der Schichtbetrieb. Für Arnolds Beziehung bedeutet er genauso eine Probe wie für sein restliches soziales Umfeld. Der Zuger wird – wie schon letztes Jahr – den Heiligabend im Führerstand verbringen und an Haltestellen im Nirgendwo namens Wildpark-Höfli oder Ringlikon im Rückspiegel nach Passagieren Ausschau halten. «Ich weiss nicht, ob ich das noch machen will, wenn ich mal Kinder habe», sagt er in die herannahende Nacht.

Vielleicht wird ihm die Entscheidung abgenommen. Im Zuge der Automatisierung könnte auch sein Beruf dereinst aufs Abstellgleis geraten oder deutliche Änderungen in Bezug auf das Aufgabenfeld erfahren. «In Japan», weiss Arnold, «fahren bereits heute Züge ohne Lokführer.»

Albtraum Selbstmörder

Wenigstens vorderhand wird es hierzulande weiterhin Tausende Lokführer geben, die sich tagtäglich mit kleinen Ärgernissen herumschlagen: nörgelnde Fahrgäste beispielsweise (Arnold: «Die schnallen nicht, dass auch wir Lokführer Unpünktlichkeit hassen.») oder die Türschliessung sabotierender Jugendlicher. Arnold hat in seiner bisherigen Laufbahn keine schweren Zwischenfälle verkraften müssen. Einen auf den Gleisen sitzenden Partygänger habe er frühzeitig gesehen. In den drei Jahren habe es drei sogenannte Personenunfälle – in der Regel Suizide auf der Schiene – gegeben, in die Kollegen verwickelt gewesen seien. Man habe sich anschliessend darüber ausgetauscht. Arnold hat festgestellt, dass jeder anders damit umgeht. «Ich weiss natürlich nicht, wie ich reagieren würde. Aber ich denke, es würde mir helfen, zu wissen, dass ich keine Schuld daran hätte», spricht er seine Gedanken aus.

Es sind kleine Freuden, die ihm und seinen Kollegen Tag für Tag helfen, Monotonie und Einsamkeit im Führerstand zu bekämpfen. «Letztes Jahr schenkte mir ein Stammgast ein Pack Guetzli, weil ich an Weihnachten arbeiten musste», schildert Arnold. Und er erwähnt einen kleinen Jungen, der von seinem Grossvater hochgehoben worden sei, um Arnold den gestreckten Daumen zu zeigen. Manchmal beschenkt er sich selbst: zum Beispiel, als er seiner Freude über den Cupsieg der GC-Fussballer Ausdruck verlieh, indem er die Zugbeschriftung entsprechend abänderte.

«Nächster Halt Zürich Hauptbahnhof – Endstation.» In manchen Zügen muss Arnold noch selbst ansagen. So auch während seiner letzten von sieben Fahrten hin und retour. Wenn Sie diesen Artikel lesen, wird er wohl bereits wieder im Führerstand sitzen. Um 6.58 Uhr beginnt seine erste Tour. Ihm dürfte kalt sein beim Wechseln der Lok oder des Zugs. Besonders in Langnau-Gattikon.

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