VERKEHRSREGELN: «Viele wissen nicht, wer Vortritt hat»

Jährlich sind mehr Autos im Kanton Zug unterwegs, die Strassen immer voller. Wer da nicht sicher fährt, hat ein Problem. Ein Fahrlehrer klagt sein Leid.

Wolfgang Holz
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Hat die Verkehrs­regeln im Blick: Fahrlehrer Sven Meier. (Bild Stefan Kaiser)

Hat die Verkehrs­regeln im Blick: Fahrlehrer Sven Meier. (Bild Stefan Kaiser)

Wolfgang Holz

«Der Verkehr hat in den vergangenen Jahren im Kanton Zug extrem zugenommen, die Anforderungen an die Autofahrer sind massiv intensiver und anspruchsvoller geworden», bringt es Sven Meier auf den Punkt. Der 33-Jährige weiss, wovon er spricht. Seit elf Jahren ist er Fahrlehrer und gleichzeitig Präsident der Verkehrsschule Zug. In der Verkehrsschule arbeiten 15 ­unabhängige Fahrlehrer, die pro Jahr rund 850 Fahrschüler betreuen. Meier: «Darunter sind etwa fifty-fifty Frauen und Männer, und grossmehrheitlich kommen sie mit 18 Jah­ren zu uns, wenn sie den Führerausweis machen wollen.»

Es gibt ein «Theoriemanko»

Im Schnitt benötigen laut Meier die meisten zwischen 20 und 40 Fahrstunden. Diese Fahrschüler müssen bekanntlich eine Theorie- und eine Praxis­prüfung ablegen, bevor sie den Führerausweis bekommen und dann ihre praktischen Erfahrungen im Strassenverkehr sammeln. Doch hapert es danach anscheinend schnell bei den grundsätzlichen Kenntnissen zu den Verkehrsregeln. «Denn viele Autofahrer machen nach ihrer theoretischen Fahrprüfung keine Weiterbildung mehr», erklärt Meier. So mancher bräuchte aber eine Auffrischung. Wobei der Zuger Fahrlehrer versichert: «Die jüngeren Verkehrsteilnehmer kennen die Strassenverkehrsregeln nicht besser als ältere Autofahrer. Auch sie haben ein Theoriemanko.» Das hänge zum einen damit zusammen, dass man heutzutage die theoretische Prüfung, die 40 Franken koste, beliebig oft wiederholen könne. «Im Tessin hat es den Fall einer Person gegeben, die die Prüfung sage und schreibe erst beim 68. Mal bestanden hat», erzählt er. Zum anderen würden sich viele junge Leute die Regeln per App aneignen: «Dabei wird dann viel auswendig gelernt, ohne die Regeln als solche begriffen zu haben.»

Die Sache mit dem Linksabbiegen

Doch wo genau liegen die Probleme in der Praxis, will heissen: im Zuger Strassenverkehr? «Viele wissen zum Beispiel nicht mehr, wer an einer Strassenkreuzung Vortritt hat – das führt nicht selten zu gefährlichen Situationen», so Sven Meier.

Sagts und gibt ein Beispiel in der Stadt Zug. An der Kreuzung Industriestrasse/Göblistrasse – nahe der Gewerblich-in­dustriellen Berufsschule Zug – steht eine Ampel. Diese schaltet in der Hauptverkehrszeit sowohl für Linksabbieger wie auch für Geradeausfahrer auf Grün, zusätzlich blinkt ein oranges Licht auf. «Einigen Autofahrern ist beim Linksabbiegen in die Göblistrasse dann nicht bewusst, dass nicht nur sie Grün haben, sondern eben auch der Gegenverkehr, der geradeaus weiterfährt auf der Industriestrasse, und eben auch die Fussgänger auf dem Zebrastreifen in der Göblistrasse», schildert Meier die Situation. Dabei wolle das Blinklicht gerade auf diese Gefahrenlage und den Vortritt der anderen hinweisen. Zugegebenermassen eine ungewöhnliche Situation – zumal Autofahrern meist nur das warnende Blinklicht an Ampeln beim Rechtsabbiegen bekannt ist.

Die Sache mit dem Trottoir

Ein anderes kniffliges Beispiel: die Kreuzung Ägeristrasse/Fadenstrasse/Loretostrasse in der Stadt Zug. Gerade aus der Loretostrasse – einem der meist befahrenen Schleichwege – biegen im Feierabendverkehr viele Autofahrer nach links ab, um Richtung Ägerital zu fahren. Dabei gebe es immer wieder Autofahrer, die aus der Fadenstrasse kommen und schnurstracks in die ­Loretostrasse fahren und den Linksabbiegern zu Unrecht den Vortritt nehmen. Grund: «Wer als Autofahrer ein Trottoir ohne Kennzeichnung überqueren muss – wie von der Fadenstrasse in die Ägeristrasse – hat eben keinen Vortritt», sagt der Fahrlehrer.

Zu wenig blinken, rechts überholen

Aber nicht nur die mangelnden Kenntnisse in Sachen Vortritt bereiten dem Zuger Fahrlehrer so manches Kopfzerbrechen. Ein Dorn im Auge ist ihm auch, dass auf der Autobahn das Rechtsüberholen immer mehr als Kavaliersdelikt angesehen werde. «Dabei ist klar: Wer rechts auf der Autobahn einen Wagen überholt, riskiert einen Führerscheinentzug von drei Monaten», warnt Sven Meier. Sagts und räumt im gleichen Atemzug ein, dass man auf der Autobahn grundsätzlich möglichst rechts fahren sollte. «Diese Vorschrift halten leider viele auch nicht ein.»

Weitere Lässlichkeiten von Zuger Autofahrern: Man kommuniziere zu wenig und zu schlecht. «Das fängt damit an, dass zu wenig geblinkt wird beim Abbiegen.» Grund: So mancher Autofahrer sei eben abgelenkt oder verhalte sich zu egoistisch. Oder man fahre einfach gedankenlos von A nach B. «Generell appelliere ich bei meinen Fahrschülern immer an die Partnerschaft untereinander im Verkehr: «Ein guter Autofahrer ist immer der, der sich so verhält, wie er es von anderen Autofahrern erwartet.»

*Lösung: oben B, unten A.