Jäger sind die Vermittler in einem Spannungsfeld

Serie (10/12) Seit bald 100 Jahren sind die Zuger Jäger in einem Verein organisiert. Sie müssen auf verschiedene Interessen Rücksicht nehmen.

Text: Raphael Biermayr Illustration: Oliver Marx
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Folgende Sätze könnten von heute stammen, wurden aber im Jahr 1995 anlässlich des 75-Jahr-Jubiläums des Zuger Patentjäger-Vereins geschrieben: «In den letzten Jahrzehnten hat sich sowohl das Leben des Einzelnen als auch die Umwelt, in der wir leben, rasant verändert. Speziell in unserem stark industrialisierten Kanton werden die Lebensräume immer enger.» Damals wohnten etwas über 90000 Personen im Kanton Zug, gegenwärtig sind es nahezu 130000. Es wird also immer enger im Wald. Auch die Zahl der aktiven Jäger wächst, aktuell liegt sie bei 250. Das für die Jagd zuständige kantonale Amt für Wald und Wild beschränkte für den laufenden Jagdlehrgang erstmals die Zahl der Teilnehmer.

Den Zuger Patentjäger-Verein gibt es seit bald 100 Jahren. 1920 wurde er gegründet. Wie es der Name schon sagt, wird im Kanton Zug im Patentsystem gejagt. Das bedeutet, dass jeder, der die Jagdprüfung bestanden hat, sich um ein Patent bewerben und auf dem ganzen Kantonsgebiet jagen kann. Demgegenüber steht die Revierjagd, bei der Jagdgesellschaften abgegrenzte Gebiete pachten können.

Was sich anhört wie eine trockene Verwaltungsangelegenheit, liess in Zug über Jahrzehnte die Emotionen hochkochen. Denn nach der Annahme des ersten Jagdgesetzes mitsamt Patentsystem im Jahr 1901 gab es immer wieder Bestrebungen, auf das Reviersystem zu wechseln. Nicht selten waren Regierungsräte treibende Kräfte dahinter. Trotz teilweise aggressiver Kampagnen scheiterten alle Versuche. Denn nur im Ennetsee und Steinhausen fanden sich – wohl weil die angrenzenden Nachbarkantone dieses kannten – Reviersystem-Anhänger. Bemerkenswert: Bei allen vier kantonalen Abstimmungen waren die Steinhauser Jäger als einzige immer gegen das Patentsystem. Letztmals war das System 1990 auf dem Prüfstand, als sich eine entsprechende Kommission des Kantonsrats mit 17:0 Stimmen für die Beibehaltung aussprach.

Die Jagd ist im Kanton Zug beliebt und unumstritten

Mittlerweile ist es politisch ruhig geworden um die Zuger Jäger. Im Gegensatz zu anderen Kantonen gab es nie Bestrebungen, die Jagdsaison zu verkürzen oder die Jagd gar zu verbieten. Es macht ganz den Anschein, dass die Jagd im Kanton Zug einen soliden Rückhalt geniesst. Beliebt ist sie ohnehin: Im flächenmässig kleinsten Schweizer Kanton gibt es die höchste Jägerdichte. Und auch der Nutzen ist unbestritten. Allen voran die Bestandsregulierung, die Hauptaufgabe der Jäger. Die Abschusszahlen für die Rehjagd, das häufigste Wild im Kanton, bewegen sich über die Jahre in einem ähnlichen Verhältnis. Die Frühlingszählung und die folgende Hochrechnung ergaben die Zahl von geschätzten 1563 Rehen in diesem Sommer. Davon sind bis zum Ende der Rehjagd am 9. November 404 Tiere geschossen worden. Das zulässige Kontingent lag bei 450 Tieren.

Die Vorgabe, wie viele Tiere in einer Saison erlegt werden dürfen, richtet sich unter anderem nach dem Verbiss. Also, wie stark Bäume und Sträucher von Wildtieren abgefressen werden. Die Gleichung ist einfach: Ist der Verbiss zu stark, was vom genannten Amt kontrolliert wird, werden vorübergehend mehr Tiere zur Jagd freigegeben. Dies allerdings immer unter der Prämisse, dass der Rehwildbestand im Kanton konstant bleibt. Die vom Verbiss beeinträchtigte Forstwirtschaft ist eine Interessensgruppe im Wald, Erholungssuchende sind eine andere – und die Jäger natürlich auch. Sie vermitteln darüber hinaus auch im grössten Spannungsfeld, demjenigen zwischen Mensch und Tier. Für den Aussenstehenden zeigt sich die Auswirkung ihrer Arbeit auch indirekt, wie zum Beispiel eine Statistik verdeutlicht: Steigt die Zahl der Wildtiere, steigt auch die Zahl der Kollisionen mit Fahrzeugen.

Wegen der eingangs beschriebenen Enge der Lebensräume ist eine Regulierung von Seiten der Jäger unumgänglich.

Hinweis Quellen: Kantonales Amt für Wald und Wild; Zuger Patentjäger-Verein; www.schweizerjagd-blog.ch.