VERNISSAGE: Das Gedächtnis der Schweiz

Im 13. und letzten Band des Historischen Lexikons der Schweiz ist Zug allgegenwärtig. Gestern ist er hier präsentiert worden – und hat Neues angestossen.

Marco Morosoli
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Der in Zug aufgewachsene Marco Jorio hat das Historische Lexikon der Schweiz in den vergangenen 30 Jahren entscheidend mitgestaltet. (Bild Stefan Kaiser)

Der in Zug aufgewachsene Marco Jorio hat das Historische Lexikon der Schweiz in den vergangenen 30 Jahren entscheidend mitgestaltet. (Bild Stefan Kaiser)

Stehvermögen wird belohnt. Und diese Fähigkeit hat Marco Jorio, der Chefredaktor des Historischen Lexikons der Schweiz (HLS) (siehe Box) im grossen Masse. Der in Zug aufgewachsene Tessiner ist sozusagen ein wandelndes Lexikon. So weiss Thomas Glauser, Zugs Stadtarchivar, zu berichten, dass Jorio nur auf einen der rund 40 000 Artikel im Generationenprojekt angesprochen werden müsse und er etwas darüber zu erzählen wisse. Glauser beschreibt Jorio so: «Er denkt, spricht und handelt schnell. Und alles geschieht mit grosser Präzision.»

Ein bescheidener Macher

Er sei, eigentlich ein sportlicher Anachronismus, «ein Sprinter mit Ausdauer». Jetzt hat Marco Jorio sein Werk vollendet. Bescheiden sagt Jorio: «Mein Auftrag ist erfüllt.» Dabei ist er sich durchaus bewusst, dass er etwas Epochales hautnah – zusammen mit rund 3000 Mitarbeitern – mitgestaltet hat, wie er an der gestrigen Vernissage des 13. und letzten Bandes des HLS im Grossen Saal des Zuger Casinos verrät: «Zweifellos, heute stehen wir an einem Wendepunkt: nicht nur, weil das grösste je in der Schweiz realisierte Lexikonprojekt nach 29 Jahren Arbeit abgeschlossen wird, sondern auch, weil es wohl die letzte gedruckte Enzyklopädie von diesem Ausmass ist.»

Da hat Ignaz Civelli, der Zuger Staatsarchivar, wohl Recht, wenn er von einem «epochalen Werk» spricht und Glauser noch präzisiert, wenn er sagt: «Es ist ein Jahrhundertprojekt mit nationaler und internationaler Ausstrahlung.»

Im letzten Band, er beinhaltet Texte von «Viol» bis «Zyro», dreht sich vieles um Zug. So bietet er einen Überblick über die Geschichte des Kantons wie auch der Stadt Zug. Und auch hier ist der Band eine Premiere, denn eine umfassende Geschichte der beiden Körperschaften gibt es bis heute nicht. Eine Lücke, welche in Bälde geschlossen werden soll. Ein Konzept dazu liegt aber derzeit schon einmal vor. Die Umsetzung dürfte auch hier zeitraubend – und kostenintensiv – sein.

600 Artikel drehen sich um Zug

Im 13. Band des HLS finden sich rund 80 Artikel zu Zug. Es finden sich darin Texte zu Walchwil und zu bekannten Zuger Namen wie Wickart, Zumbach und Zürcher. Viel Platz erhält auch die Familie Zurlauben mit fast 20 Nennungen. Dieses Geschlecht war vom 17. Jahrhundert bis ins erste Drittel des 18. Jahrhunderts die einflussreichste Familie in der Stadt Zug. Auch ein Artikel über den Zugersee fehlt natürlich nicht.

Alles in allem finden sich in den 13 HLS-Bänden gegen 600 Zuger Texte. Die Mehrzahl – 479 Artikel – stammt dabei aus der Feder des Zuger Historikers Renato Morosoli. Er gehört, so erzählt der HLS-Chefredaktor Marco Jorio, zu den produktivsten Autoren des jetzt vollständig vorliegenden Lexikons. Doch über das ganze Werk verteilt, haben nur 2 Prozent der Texte einen Zuger Bezug. Der Grund: Jedem Kanton wurde ein Zeilenkontingent zugeteilt, welches wohl föderalistisch korrekt verteilt wurde.

Im Nachgang an die Präsentation überreicht Carlo Malaguerra, HLS-Stiftungsrat, dem Zuger Regierungsrat Stephan Schleiss und dem Zuger Stadtpräsidenten Dolfi Müller den 13. Band. Für Müller ist das HLS ein wichtiges Werk, das zum Nachlesen und Nachdenken anregen soll: «Heute ist Zug eine wirtschaftlich erfolgreiche, schnell wachsende Stadt – gestern herrschte noch Armut.»

Wer im HLS schmökern will – es lohnt sich –, kann dies übrigens seit 1998 auch digital unter der Adresse www.hls.ch tun. Der einzige Makel dieses Konsums: Er muss auf viele Bilder verzichten.

Gewichtiges Werk

Das Historische Lexikon der Schweiz besteht aus 13 Bänden. Diese liegen jeweils in deutscher, französischer und italienischer Sprache vor. Zudem gibt es ein rätoromanisches Supplement, das zwei Bände umfasst. Die Bücher aufeinandergelegt ergeben einen Turm von drei Metern. Das Gewicht aller Bücher beträgt rund 130 Kilogramm – also ein gewichtiges Projekt. Die Vorarbeiten zur Publikation des nun 11 500 Seiten zählenden Lexikons begannen vor fast drei Jahren, die Idee dazu ist noch älter. Die Herstellung des Geschichtswerkes hat insgesamt 106 Millionen Franken gekostet. Ein Band kostet 298 Franken.