Mit dem Oldtimer von Hamburg nach Hongkong: Dieses Zuger Paar erlebte eine verrückte Reise

Susi und Kurt Infanger aus Unterägeri haben in ihrem Mercedes an einem zweimonatigen Trip über 14500 Kilometer Distanz durch acht Länder teilgenommen. Es gab gefährliche Momente zu überstehen – der grösste Aufreger war aber eine Autowäsche.

Raphael Biermayr
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Tibet hat Susi und Kurt Infanger besonders gefallen. (Bild: PD)
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Vor den Grenzen hiess es warten, hier bei der Einreise nach Weissrussland. (Bild: PD)
Susi Infanger vor der Arche-Festung in Usbekistan. (Bild: PD)
Ein usbekisches Paar nutzt die Gelegenheit für ein besonderes Hochzeitsfoto. (Bild: PD)
Der Unterboden von Infangers Oldtimer hat gelitten. (Bild: PD)
In der Pamir-Bergkette in Zentralasien finden sich nur 7000er. (Bild: PD)
Türkisfarbene Leitplanken in China vor herrlicher Kulisse. (Bild: PD)
Die Orientierung ohne Tracker ist Glückssache... (Bild: PD)
In China erhielt Kurt Infanger eigens einen Führerausweis. (Bild: PD)
Auf dem Weg nach Tibet wurde die Gruppe vom Schnee überrascht. (Bild: PD)
Mit solchen Reifen fahren die Lastwagen noch... (Bild: PD)
Die Gruppe fuhr bis zum Tibet-seitigen Basislager am Mount Everest. (Bild: PD)

Tibet hat Susi und Kurt Infanger besonders gefallen. (Bild: PD)

Das neue Jahr lädt ja eigentlich zum Vorausschauen ein. Doch im Leben von Susi (67) und Kurt Infanger (69) aus Unterägeri dominiert derzeit nach wie vor der Rückblick. Kein Wunder: Nichts weniger als die «Reise unseres Lebens», wie er sagt, liegt hinter ihnen. Von Hamburg über Tibet nach Hongkong, oder 14500 Kilometer durch 8 Länder in 60 Tagen. Und das in einem 53 Jahre alten Mercedes-Benz, Baureihe 230 SL, der derzeit ausgestellt ist (siehe Fussnote).

Kurt Infanger klickt sich durch Hunderte Fotos am Computerbildschirm – es sind Erinnerungsstützen für seine Ausführungen. Er schaut sie sich wahrlich nicht zum ersten Mal seit ihrer Rückkehr vor ein paar Wochen an, doch die Faszination ist ungebrochen. Die Landschaft hat es ihm besonders angetan, die totale Hilflosigkeit beim Anblick von Strassenschildern mit chinesischen Schriftzeichen erfasst ihn noch immer. Und all die Eindrücke, deren Verarbeitung offenbar andauert: Schotterpisten und Bauwunder in Usbekistan; riesige Schaf-, Kuh- oder Yakherden, die die Strasse blockieren; die Himalaya-Etappe mit dem buchstäblich atemraubenden Halt im Tibet-seitigen Basecamp am Mount Everest auf über 5000 Metern; unbewohnte chinesische Retortenstädte; immerwährende staatliche Überwachung...

Die Infangers waren Teil einer von einer Agentur organisierten Reise, an der 14 Oldtimer-Teams teilnahmen, die von einem Arzt sowie Mechanikern begleitet wurden. Die Fachleute hätten während der zweier Monate viel zu tun gehabt: Das ungewohnte Essen forderte seinen Tribut in der Form von ungezählten Erleichterungsstopps. Und Reparaturen an den Autos waren mit Fortdauer des Trips eher die Regel als die Ausnahme. Drei Teams mussten kurz vor dem Ziel aufgeben.

Die Frau unter «Alphamännchen»

Die Infangers hielten durch, Kurt als kompromissloser Lenkradvirtuose, Susi als moralische Stütze auf dem Beifahrersitz. «Es gab Situationen, in denen wir beim Fahren wirklich Angst hatten, zum Beispiel auf engen Passstrassen», sagt sie. Dazu kamen allzu menschliche Probleme, wie auf den Fotos zu sehen ist: Der Unterschied der Standards im Vergleich zur Schweiz war mancherorts natürlich enorm, gerade, was die hygienischen Verhältnisse anbelangte. Überwindung war gefragt. Ausserdem hätten manche der autoaffinen Männer sich im Besserwissen gemessen. «Wir Frauen waren dafür zuständig, dass sich alle wieder vertrugen», führt Susi Infanger aus.

Sie weiss, wie es ist, sich zwischen «Alphamännchen», wie sie sie nennt, zu bewegen: Damals noch Kuhn heissend, wurde sie 1987 in Cham als erste Frau in den Gemeinderat gewählt. Zuvor war sie in jungen Jahren Sanitätsmotorfahrerin bei der Schweizer Armee gewesen. Auch Kurt Infanger bringen viele in der Region mit seiner Zeit im Ennetsee in Verbindung. Er war dort während Jahrzehnten als Gewerbler in der Automobilbranche tätig.

Kurt Infanger über sein Oldtimer-Auto: «Wir waren ihm ausgeliefert und es hat uns nie enttäuscht – verkaufen könnten wir es nach dieser Erfahrung nie.»

Die beiden brauchten diese Reise nicht, um sich zu beweisen, dass sie ein harmonierendes Duo sind. Aber sie sind durchaus dankbar für die Erkenntnis, dass es trotz mancher Extremsituation «tatsächlich keinen einzigen Streit zwischen uns gab», blickt Kurt Infanger zurück. Seine Frau bestätigt das, erinnert ihn aber an einen Moment, als er sich vergessen habe: Nachdem sein Auto auf Hinweis eines anderen Teams vom Hotelpersonal gewaschen worden war – der Dreck der zurückliegenden Kilometer war gewissermassen ein Statussymbol gewesen.

Die Sandablagerungen im Innern des roten Mercedes sowie zahlreiche Kratzer und Dellen am Chassis und Unterboden zeugen jedoch weiterhin von diesem einmaligen Abenteuer. Einmalig? «Die gleiche Reise würde ich nicht mehr machen», sagt Susi Infanger. «Aber die letzte Reise in dieser Art war es keinesfalls», ergänzt er.

Gut möglich, dass das nächste Abenteuer im selben Mercedes stattfinden wird. Denn der zuvor vor allen Dingen technisch interessierte Kurt Infanger habe erstmals eine «persönliche Beziehung» zu einem Auto aufgebaut. «Wir waren ihm ausgeliefert und es hat uns nie enttäuscht – verkaufen könnten wir es nach dieser Erfahrung nie», sagt er. Auch diesbezüglich sind sie sich einig.

Der Oldtimer der Infangers ist bis zum 7. Januar im Mercedes-Benz Center an der Sennweid-strasse 28 in Steinhausen zu sehen.