Leserbrief

Verschiedene Lesermeinungen zur Coronakrise

Zur aktuellen Lage und verschiedenen Berichten zur Coronakrise.

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Herbert Grönemeyer hatte schon vor über dreissig Jahren recht, als er «Kinder an die Macht» sang. Zu den vielen Protagonisten dieser Tage, denen wir vorbehaltlosen Dank und Respekt schulden, gesellen sich Kinder eines gewissen Alters mit ebenso eindrücklichen Engagement und Verantwortungsgefühl. Landauf, landab telefonieren die Menschen dieser Tage bekanntlich, als ob es kein Morgen gäbe – und das ist gut so. Wir sind sicher, die Inhalte und Erfahrungen, die sich dabei offenbaren, ähneln sich in den meisten Familien. Wir Ü65-Eltern hören nämlich allerorten, dass es vor allem auch die Kinder sind, die das Einhalten der Weisungen der Behörden ihren Eltern unerbittlich und mit dem nötigen Nachdruck einbläuen und auf unendlich kreative und engagierte Weise auch dafür sorgen, dass überhaupt keine Seniorin und kein Senior vergessen wird. Sie verharren dabei nicht bei wohlfeilen Empfehlungen, nein, es sind die Kinder, die sich in die Schlangen vor den geöffneten Geschäften einreihen und geduldig warten, bis sie die Einkäufe für ihre Altvorderen tätigen können. Dass dabei immer mal auch ein Schmankerl für die ans Haus Gefesselten abfällt, die sie sich selbst von wegen Diabetes, Cholesterin und was der Garstigkeiten mehr sind, streng verbieten, ist das berührende Süssrahm-Tüpfelchen auf dem Einkaufswagen.

Der Coronakrise haftet etwas Existenzielles an, und auf den hier angesprochenen Kindern lastet darüber hinaus eine immense Verantwortung. Sie sind beruflich in jeder Beziehung gefordert, bangen vielleicht sogar um ihre Stelle und haben zu Hause mit allenfalls eigenen noch kleinen Kindern die ultimative Herausforderung schlechthin jeden Tag aufs Neue zu bestehen.

Niemand weiss, welche Zäsur die Pandemie am Ende des Tages wirklich bedeutet und wann, ob und wie sich der ehedem gelebte Alltag ändern wird. Daran erinnern werden wir uns alle bis ans Ende unserer Tage. Fest steht, dass unserer Bevölkerung dereinst eine Rechnung präsentiert wird, die es in sich haben wird. Wir können dannzumal nicht umhin, die gelebte Solidarität dieser Tage auszudehnen auf Gebiete wie Steuern, AHV, Umwandlungssätze der beruflichen Vorsorge und, ja, auch den Klimawandel. Hier müssen wir gemeinsam Akzente zu Gunsten der beruflich Aktiven, den Kindern, verschieben – es kann nicht sein, dass die junge und mittlere Generation allein gelassen wird in der Bewältigung dieser enormen Aufgaben.

Danke an alle hier gemeinten Kinder, und natürlich an unsere ganz besonders, die das Kommando in diesen Tagen übernommen haben und sich darin mit Herz und Verstand erstklassig bewähren. Well done und Chapeau!

Eine Pointe, der uns bestimmt (fast) alle Eltern zustimmen werden, wollen wir uns zum Schluss nicht verkneifen: Die Kinder haben es mit uns Eltern auch viel einfacher als wir seinerzeit mit ihnen: Im Gegensatz zu ihnen gehorchen wir nämlich immer brav.

Susanne und Werner Gerber-Meier, Allenwinden


Die Auszeit, die Covid-19 uns auferlegt hat, verlangt eine Reflexion. Was können wir daraus lernen:

In unserer Welt sind nicht mehr nur Kriege eine Bedrohung. Diese sorglose Gesellschaft hat die Umsicht vergessen, solange jeder nur sein tägliches Brot bekommt.

Unsere beschleunigte Lebensweise, Hauptgrund unseres Energieverbrauchs, wurde nun abrupt gebremst. Ich habe versucht, die kWh auszurechnen, die wir, nur in der Schweiz pro Tag während der Pandemie bei der Mobilität, den Energiebezügen und der Industrie eingespart haben: mindestens zwei Drittel des sonstigen Verbrauchs, das heisst 430 Milliarden kWh pro Tag. Extrapoliert auf die Welt ist das ein für die weitere Existenz der Menschheit relevanter Betrag.

Die Wirtschaft klagt über Verluste. Ist es richtig berücksichtigt, das Leben eines schwer kranken ohne Aussicht auf Genesung weiter zu erhalten? Die gleiche Frage stellt sich auch für kriselnde Unternehmungen. Die Lebensverlängerung dieser Ökonomien ist nicht tolerabel.

Das Sparpotenzial von einem Homeoffice aus seinem Geschäfte zu erledigen, Unterricht auf allen Ebenen teilweise digital führen zu können, ist enorm. Die Bauwut weltweit und auch in der Schweiz verursacht 40 Prozent des CO2-Ausstosses. Wir bauen auf Vorrat ohne Einbezug der absehbaren Energieeinsparungen durch die Digitalisierung. Sie schafft in allen Bereichen eine Reduktion der physischen Aufwände und dient der Verminderung energetischer Verschwendung (Raum, Zeit, Energie). Das IoT (Internet of Things) ist so leicht zu handhaben, alle können es benutzen, und in der VR (Virtual Reality) liegen gewaltige Möglichkeiten der Kommunikation, die die räumliche Mobilität wesentlich entlasten werden (Schulen, Geschäftswelt, Verkehr).

Planungsrechtlich sollten die verschiedenen Ebenen Bund, Kanton und Gemeinden auf die nun sichtbare mögliche Reduktion des Energieverbrauchs und der CO2-Einsparung reagieren. Raumplanungs- und Baugesetze müssen den Zusammenhang von Raum, Zeit und Energie (LCA, Life cycle assessment) betrachten. Wir brauchen in Zukunft Wohnungen, die ein Homeoffice erlauben. Wir brauchen weniger Hörsäle und Studienflächen, weil ein Teil des Studiums von zu Hause aus möglich wird. Wir brauchen weniger Strassen und Verkehrsmittel, weil wir nicht mehr so viel Mobilität benötigen. Wir benötigen mehr Erholungsflächen bei unseren Wohnungen, damit jeder einen Garten, eine Terrasse oder eine grosse Freifläche zur Verfügung hat. Dann können wir unsere Natur schützen, weil die Menschen nicht mehr aus ihren dichten Städten mit Oberflächenversiegelung in die Natur flüchten müssen.

Welchen Einfluss hat die Verdichtung unserer Siedlungsräume auf die Beschleunigung unseres Lebens? Gentrifizierung entsteht durch die hohen Liegenschaftspreise in den verdichteten Gebieten. Solange die Gesetze keine Vorschriften über die Umweltverträglichkeit der Gebäude schaffen und die Raumplanung die Humanökologie und die Verdichtung unserer Siedlungsräume nur den Gesetzen der Investoren überlässt, wird sich das auf das Klima, die Ökologie und soziologische Gestalt der Städte, also auf unsere Existenz negativ auswirken.

Ich glaube, dass hier dringender Handlungsbedarf besteht und wir alle in Obligo sind. Urbi et orbi... aber es wird nichts vergeben.

Kurt Signer, Baar


Durch die Coronakrise entfällt bei mir das Erwerbseinkommen total. Da ich AHV beziehe (66 Jahre, wandte ich mich an die AHV bezüglich Individuelle Prämienverbilligung (IPV). Per Brief erklärte ich meine Situation. Innerhalb von zwei Tagen erhielt ich die Info, dass die Steuerbehörden die definitive Veranlagung erstellen müsse, um die Basis zur Berechnung der IPV zu haben. Also erreichte ich das Steueramt per E-Mail, mit der Bitte meinen Fall speditiv zu behandeln. Drei Arbeitstage später erhielt ich die gewünschten Dokumente. Nun konnte ich diese an die AHV senden. Erneut die grosse Überraschung; nach drei Tagen hatte ich die Zusage für die IPV! Damit lösten diese zwei Personen in nur zehn Tagen ein grosses Problem in der Krise!

Wenn man immer wieder das langsame Mahlen der Behörden-Mühlen anprangert, muss man diese kleine Geschichte mit Freude geniessen!

Diese beiden Angestellten der Behörden des Kanton Zug gehören ab sofort zu den «Unverzichtbaren».

Rolf Fässler, Risch


In vielen spannenden, eher mit tiefen Gedanken grundierten Artikeln, konnte man in den letzten Wochen lesen, dass die Welt nach der Coronakrise nicht mehr die gleiche sei. Eigentlich hoffe ich das mentalitätsmässig auch.

Wenn ich aber eine Reihe von Leserbriefen durchgehe, stelle ich fest, dass durchaus der alte Geist überall herrscht. Es werden Vorwürfe, Besserwissen und Banalitäten, gegenseitige Beschimpfungen und Wahrsagerei aufgetischt. Da werden sogar eidgenössische Räte wegen ihres Schweigens beschimpft, als ob wir interessiert wären an unzählig sich widersprechenden Meinungen. Es ist die Stunde des Bundesrats.

Ich sehe klare Hinweise, dass sich der Geist nicht ändert. Die vielen Leserbriefe erlauben eine ziemlich gute Prognose, wie es weitergehen wird, wenn der materielle Schaden einigermassen behoben ist.

Andreas Iten, Unterägeri