«Hingeschaut»: Verstorben im Dienste fürs Vaterland

Eine formschöne Bronzetafel an der Vituskirche in Morgarten erinnert an 17 Zuger Wehrmänner, die während des Ersten Weltkrieges ihr Leben gelassen haben. Die Einweihung der Gedenkstätte vor 100 Jahren erfolgte mit grossem Pomp.

Andreas Faessler
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17 Namen von verstorbenen Zuger Soldaten und Offizieren trägt die Gedenktafel in der Wand neben dem Eingang zur Kirche St. Vit in Morgarten. Geschaffen hat sie ein seinerzeit gefragter Kunstgiesser. (Bild: Maria Schmid, Oberägeri, 5. Februar 2019)

17 Namen von verstorbenen Zuger Soldaten und Offizieren trägt die Gedenktafel in der Wand neben dem Eingang zur Kirche St. Vit in Morgarten. Geschaffen hat sie ein seinerzeit gefragter Kunstgiesser. (Bild: Maria Schmid, Oberägeri, 5. Februar 2019)

In Deutschland, Österreich und anderen Ländern, die in einen der Weltkriege involviert waren, sieht man sie im Umkreis fast jeder Dorfkirche: Gedenktafeln für die Gefallenen aus der jeweiligen Gemeinde. Es sind Zeichen der Erinnerung und des Dankes an die Adresse der Verstorbenen, die für ihr Vaterland in den Krieg gezogen sind und ihr Leben gelassen haben.

An der St.-Vitus-Kirche in Morgarten finden wir genau so eine Gedenktafel. An prominenter Stelle gleich links vom Portal ist sie in eine Wandnische eingelassen. Im Tafelkopf ist unter dem Schweizer Kreuz zu lesen: Seinem im Dienste des Vaterlandes während des Activdienstes 1914-1919 verstorbenen Wehrmännern zum Dank. Das Zugervolk. Die Initiative zu dieser Tafel war seinerzeit vom Einwohnerverein Oberägeri gekommen, wie der Zuger Historiker Renato Morosoli weiss. «Diese nationalistisch-rechtsbürgerlich orientierten Einwohnervereine, die es in den meisten Zuger Gemeinden gab, wurden 1919 als Reaktion auf Landesstreik und Revolutionsfurcht gegründet», erklärt Morosoli. «Dies mit dem Ziel, der vermeintlichen oder auch tatsächlichen Bedrohung durch Bolschewismus und Sozialismus mit Propaganda, notfalls aber auch bewaffnet, entgegenzutreten.» Mit dieser sichtbaren Ehrung für die verstorbenen Zuger Wehrmänner an der Vituskirche und vor allem mit deren pompösen Einweihung, haben die Zuger Einwohnervereine in jenem Jahr grosse öffentliche Aufmerksamkeit bekommen.

Die Namen von 17 toten Zugern

Die Enthüllung der Tafel stand im Zentrum der nationalen Feierlichkeiten vom 1. August 1919. Das «Zuger Volksblatt» widmete gleich zweimal seine Schauseite für die ausführliche Berichterstattung zum Festakt. Demnach fanden sich rund 1500 Menschen am Ägerisee ein, darunter eine Abordnung der Landesregierung, mehrere geladene Gäste aus Behörde und Militär und natürlich die Angehörigen der Verstorbenen. In einem Festzug begab sich die Schar auf eine Wiese bei der Haselmatt, wo ein feierlicher Freiluftgottesdienst stattfand mit einer Fülle an pathetisch-patriotischen und ehrenvollen Worten. Es fällt auf, dass einmal von 18 Verstorbenen die Rede ist, dann wieder von 17. Fakt ist, dass die Tafel letztendlich 17 Namen auflistet.

Im Anschluss an die Feldmesse wurde die Gedenkstätte enthüllt und der Öffentlichkeit übergeben – von Josef Stutz, Präsident des Kantonalkomitees der zugerischen Einwohnervereine und erster Direktor der 1917 gegründeten landwirtschaftlichen Winterschule, nachmalig Schluecht­hof. Eingeweiht wurde allerdings nicht die Tafel, wie sich heute präsentiert, sondern lediglich ein «einfaches, aber geschmackvoll in braunem Gipsguss ausgeführtes Erinnerungszeichen, das später durch eine etwas grössere Gedenktafel aus Bronze ersetzt werden soll».

In verhältnismässig kleiner, gedrängter Schrift sind auf der Tafel Name und Wohnort der Toten gelistet. Ihnen vorangestellt die militärische Einteilung – mehrere von ihnen gehörten dem Zuger Bataillon 48 an – und das Geburtsjahr. Dem Wohnort schliesst sich das Todesdatum an. Die Namen sind chronologisch nach Todestag aufgeführt. Von einigen der aufgelisteten Männer lassen sich die Todesumstände nachzeichnen. Freilich sind nicht alle – wie man vermuten möchte – im Feldeinsatz gestorben. Die Aufgabe der rund 1400 eingezogenen Zuger Soldaten und Offiziere war es hauptsächlich, an der Landesgrenze Wache zu halten, um das Land und seine Neutralität sowie auch die Ruhe und Ordnung in dessen Inneren zu schützen.

Von der Spanischen Grippe heimgesucht

Der erstgenannte Wehrmann, Korporal Karl Spillmann aus Zug, starb bereits am 5. August 1914, am Tag der Mobilisierung in Zug, und somit noch bevor der eigentliche Einsatz überhaupt begonnen hatte: Kurz nach Abmarsch in Zug erlitt der 23-Jährige einen letalen Hitzschlag – die Augustsonne brannte an jenem Tag unerbittlich vom Himmel. Und der Fahrer Johann Josef Merz aus Oberägeri starb nicht in direktem Zusammenhang mit dem Militäreinsatz, sondern er wurde von der Spanischen Grippe dahingerafft. Mit dem 29-jährigen Merz wurde damals der erste Spanische-Grippe-Todesfall in Zug dokumentiert. Der Baarer Spengler und Soldat Karl Reidhaar starb während seines Aktivdienstes in Moutier am 27. Februar 1917, die genaue Todesursache ist nicht genannt. Unmittelbar nach seinem Ableben erscheint im «Meisterblatt» (die Illustrierte Schweizerische Handwerker-Zeitung) ein Verkaufsinserat für eine «gutgehende Abkantmaschine mit Wulsteinrichtung» infolge Todesfall bei Spenglermeister Karl Reidhaar in Baar. Die besondere Tragik hinter der Annonce sieht man ihr nicht an.

Mittlerweile sind fast 100 Jahre vergangen, seit mit Füsilier Leo Elsener aus Menzingen am 13. November 1919 der letzte der aufgelisteten Zuger Soldaten verstorben ist. Weit scheinen die Ereignisse weg, zu weit, dass die Gedenktafel noch aufmerksame Blicke heutiger Generationen auf sich ziehen würde. Doch das Gedenken an die Toten wird aufrechterhalten: Jährlich am 15. November, dem Tag des traditionellen Morgartenschiessens, legt die Morgartenkommission einen Kranz nieder.

Von namhafter Hand gegossen

Auch aus kunsthistorischer Sicht ist die Gedenktafel aus bester Bronze durchaus von gewissem Interesse, denn immerhin scheint man mit dem Ersatz der ursprünglichen Gipstafel nicht einfach irgendjemanden beauftragt zu haben, sondern einen Bildhauer, der zumindest zu seinen Lebzeiten ein beachtliches Ansehen genossen haben muss: Am Rand links unter dem «RIP» steht ganz klein «C. Reussner. Fondeur. Couvet». Gemeint ist der Giesser (Fondeur) Charles Reussner. Anno 1886 in La Chaux-de-Fonds geboren und 1961 in Fleurier gestorben, stellte der Bildhauer, Kunstschmied und Maler mit Zürcher Wurzeln hauptsächlich kleinformatige Bronzeskulpturen her – zumeist Tiermotive im Art-Déco-Stil, die bis heute bei Kunstsammlern regen Absatz finden. Reussner betrieb ab 1916 im Neuenburgischen Couvet seine eigene Kunstgiesserei, wo demnach auch unsere Gedenktafel am Ägerisee entstanden ist.

Dass es sich wohl weniger um ein Modell «von der Stange» handelt, liegt angesichts der Biografie Reussners und auch aufgrund der Beschaffenheit auf der Hand. Zwar mag das Erscheinungsbild der Tafel jener den Schweizern nachgesagten Vorliebe für Einfachheit entsprechen, aber dennoch erkennt man in ihr den künstlerischen Anspruch – ihre Ausführung ist denn auch sehr qualitätvoll. Gerahmt wird die beschriftete Fläche von einer Art Ranke, wie sie dem Jugendstil-Zeitgeschmack entspricht. Recht aufwendig ist sie gestaltet, betrachtet man sie genau. Die extra für die Gedenktafel ausgesparte Mauernische weist dieselbe Form auf die diejenige der Tafel. Ein durch und durch stimmiger Blickfang, erst jetzt unmittelbar nach der Aussenrenovation der Kirche.

Mit «Hingeschaut» gehen wir wöchentlich Fundstücken mit kulturellem Hintergrund und Zuger Bezug nach.

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