Kunsthaus Zug präsentiert vielschichtig geartete Seelenräume

Die Schweiz und der Surrealismus. Das Kunsthaus Zug spielt eine besondere Stärke seiner Sammlung in voller Bandbreite aus.

Andreas Faessler
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Das Kunsthaus Zug präsentiert die wichtigsten Schweizer Vertreter des Surrealismus. Metallene Kragarme provozieren neue Sichtweisen.

Das Kunsthaus Zug präsentiert die wichtigsten Schweizer Vertreter des Surrealismus. Metallene Kragarme provozieren neue Sichtweisen.

Bild: Stefan Kaiser (13. Februar 2020)

Vor knapp 100 Jahren erlebte die bildende Kunst eine Zäsur, als dem bisher vorherrschenden Realismus völlig neue, ungewohnte Ausdrucksmittel gegenüberstanden. Es war eine Abwendung von der Wiedergabe des Sicht- und Greifbaren, man begann, das Unter- und Unbewusste im Spannungsfeld zwischen Traum und Wirklichkeit abzubilden. Absurd, grotesk, abstrakt hat sich die Psyche bildlich manifestiert, neue Erkenntnis und Erfahrung wurde daraus geschöpft – abseits bisheriger Normen der Kunst. Fantasten wie Salvador Dalí, Max Ernst, René Magritte oder Joan Miró verliehen dem Surrealismus auf internationaler Ebene beispiellosen Schub. Paris etwa wurde zu einem der Schmelztiegel der neuen Strömung.

Und die Schweiz? Wie und in welcher Form – und vor allem durch welche Vertreter – hat sich die Bewegung hierzulande niedergeschlagen? Das Kunsthaus Zug rückt diese Thematik in seiner aktuellen Ausstellung «Fantastisch Surreal» ins Zentrum. Und wirft auch einen Blick zurück zu den Anfängen der Zuger Kunstgesellschaft, als es Ende der 1970er-Jahre um die Frage ging, mit welchem Sammlungsschwerpunk sich die junge Institution von allem bereits Vorhandenen abheben und auf dem Kulturplatz Schweiz eine Nische besetzen kann. Der Entscheid, auf das Einzelgängerische und Eigenwillige der surrealen Strömung zu setzen, war der Weg für ein eigenständiges, unverwechselbares Profil. So ist der Surrealismus der stetig gewachsenen und umsichtig aufgebauten Sammlung ein Hauptbestandteil dieser, was durch die heute startende Ausstellung erstmals in diesem Umfang repräsentiert wird.

Neue Blicke auf die Sammlung

Zu den frühesten und gleichzeitig bemerkenswertesten Exponaten des Schweizer Surrealismus im Kunsthaus Zug zählen die Farbstiftarbeiten von Adolf Wölfli, in denen sich seine Sicht auf die Welt von der Nervenheilanstalt aus manifestiert – als «Bildhauerei der Geisteskranken» hatte man es seinerzeit im übertragenen Sinn eingeordnet. Dem gegenübergestellt lassen unter anderem düstere Kompositionen von Friedrich Kuhn, Walter Kurt Wiemken oder diejenigen des Luzerner Surrealisten Max von Moos – darunter ein 2016 erworbenes Frühwerk – in ganz anders geartete Seelenräume spähen, welche mitunter von finsteren Vorahnungen der Zwischenkriegszeit geprägt sind. Wiederum in ganz anderem Licht stehen die provokanten, der Art Brut naheliegenden Schöpfungen eines Hans Schärer.

Mit Meret Oppenheim und Kurt Seligmann wird die Ausstellung mit zweien der wenigen Schweizer Exponenten bespielt, die aktiv Teil des Pariser Surrealismus waren. Werke von Martin Disler, Miriam Cahn, Josephine Troller, Paul Klee, Jean-Frédéric Schnyder, Eva Wipf, Philipp Schibig und einer Vielzahl weiterer Vertreter aus der Geschichte des Schweizer wie auch des internationalen Surrealismus sind in die Räume des Kunsthauses gehängt. Mehrer Exponate aus dem unerschöpflichen Fundus sind in diesem Rahmen erstmals öffentlich zu sehen, stellen untereinander unerwartete Beziehungen her und eröffnen schliesslich ganz neue Sichtweisen auf die wachsende Sammlung.

Eine besondere Neuerung innerhalb der Ausstellung «Fantastisch Surreal» ist die Präsentationsweise in einem der Räume mittels eigens angefertigter vorkragender Metallarmen. Ausgewählte Gemälde rücken so in unterschiedlichen Höhen und Winkeln in den Raum hinein, provozieren ungewohnte Wahrnehmungen und Wechselwirkungen zwischen Objekt und Betrachter.

Breton, Duchamp und Kiesler

Als «Ausstellung in der Ausstellung» angepriesen, thematisiert ein ganzer Raum die geschichtsträchtige Ausstellung «Le Surréalisme» von 1947 in Paris, initiiert von André Breton, Marcel Duchamp und Friedrich Kiesler. Letzterer war als Gestalter und Mediator der Ausstellung nach Paris in die Galerie Maeght berufen worden. Der österreichisch-amerikanische Architekt und Künstler Kiesler hatte bereits fünf Jahre zuvor Peggy Guggenheims New Yorker Galerie gestaltet und im Rahmen dessen metallene Kragarme konzipiert, wie sie nun das Kunsthaus ebenfalls erstmals verwendet, was somit als eine Kiesler-Reminiszenz verstanden werden kann.

Fensterblick nach Paris

Im Kunsthaus Zug wird die Pariser Ausstellung von 1947 anhand original Entwürfen Kieslers und einer Vielzahl von original Fotografien mehrerer Fotokünstler nachgezeichnet. «Le Surréalisme» wurde von über 110 Kunstschaffenden aus 25 Ländern unter dem vorgegebenen Motto «Neue Mythen» bespielt. Die Fotografien sind Fenster, welche die Galerie Maegth mit ihren einzelnen Räumen erfahrbar machen. Sie selbst waren Teil des künstlerischen Konzepts, was damals als etwas noch nie Dagewesenes galt.

Die Kiesler-Präsentation jenes Kunstspektakels von 1947 findet hier erstmals ausserhalb Wiens statt. Es ist eine Kooperation des Kunsthauses Zug mit der Friedrich und Lilian Kiesler Privatstiftung in Wien. Es ist zugleich die erste Ausstellung in der Schweiz, welche explizit Friedrich Kiesler gewidmet ist.

Hinweis
«Fantastisch Surreal» im Kunsthaus Zug vom 16.Februar bis 24.Mai. www.kunsthauszug.ch