Hingeschaut: Vom Stephan zum Sebastian

Die älteste Wegkapelle des Ägeritals wurde bei einer von mehreren Renovationen gleich umgeweiht.

Andreas Faessler
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Am Strassenrand im Tänndli unter einer schattigen Birke steht die kleine Sebastianskapelle.Bild: Andreas Faessler (Oberägeri, 2. Juli 2019)

Am Strassenrand im Tänndli unter einer schattigen Birke steht die kleine Sebastianskapelle.Bild: Andreas Faessler (Oberägeri, 2. Juli 2019)

Von all den vielen Bildstöcken, Wald-, Wiesen- und Wegkapellen im Ägerital finden wir das älteste Flurheiligtum am östlichen Rand der Gemeinde Oberägeri nahe zur Schwyzer Kantonsgrenze. Es steht im Tänndli (auch Tännli, Tändli) unter einer schattigen Birke direkt an der Höhenstrasse von Oberägeri über das Tänndlichrütz ins Ägeriried und nach Rothenthurm.

Spätestens ab dem 16. Jahrhundert muss hier eine dem heiligen Stephan geweihte Kapelle existiert haben, denn urkundlich ist eine solche im Jahre 1609 erstmals nachweisbar. Im Dokument wird sie als schadhaft bezeichnet, was darauf schliessen lässt, dass die Kapelle bereits zum damaligen Zeitpunkt ein gewisses Alter erreicht hatte. Im Jahre 1743 wurde die Kapelle entweder umfassend restauriert oder weitgehend erneuert. Abermalige Renovationen sind für die Jahre 1830 und 1908 dokumentiert. 1934 oder wenig danach erhielt das Kapellchen den heutigen hölzernen, ziegelgedeckten Dachstuhl. Zuvor war dieser mit Schindeln bedeckt gewesen.

Schlichte
 Ausstattung

Die Renovation von 1908 dürfte eine Änderung des Patroziniums mit sich gebracht haben. In diesem Jahre wurde nämlich das bisherige Altarbild, welches wohl den heiligen Stephan gezeigt haben dürfte, ersetzt mit einem neugotischen Retabel, welches ein Gemälde des heiligen Sebastian trägt. Wo dieses Gemälde her stammte, ist nicht mit Sicherheit verbürgt. Der ehemalige Oberägerer Pfarrer Lukas Amrhyn vermutete gemäss einem Bericht in der «Zuger Zeitung» im Oktober 1993, dass es sich womöglich um ein einstiges Altarbild aus der Oberägerer Pfarrkirche handelt. Aus der Stephanskapelle ist mit dem Bilderwechsel eine Sebastianskapelle geworden.

Im Januar 1993 beschloss der Regierungsrat, die Kapelle unter Denkmalschutz zu stellen. Kurz darauf nahm die Korporationsgemeinde Oberägeri als Eigentümerin des Gebäudes eine Renovation in Angriff. Finanzielle Mittel kamen von der Kirchgemeinde wie auch von privaten Gönnern. Das Fundament wurde freigelegt, mit Steinen aufgeschüttet und mit einem Marmorboden überzogen. Der Verputz wurde erneuert, schadhafte Stellen im Holz repariert und dieses neu gestrichen. Auch das Retabel mitsamt Gemälde wurde restauriert. Am 3. Oktober 1993 konnte die renovierte St.-Sebastians-Kapelle im Tänndli feierlich mit einem Gottesdienst eingesegnet werden.

Das Kapellchen besteht aus dickem Mauerwerk mit einem niedrigen, rundbogigen Eingang. Der Bau schliesst dreiseitig ab, das Dach ist auf dieser Seite entsprechend gewalmt. Eingangsseitig ist der vorspringende Dachgiebel mit Brettern verschlagen. Das wegen fehlender Fenster eher dunkle Innere wird überspannt von der längs verbretterten Holzdecke, welche entsprechend der gemauerten Chorseite ebenfalls polygonal abschliesst. Hinter einem schlichten Eisengitter steht auf einer mit neugotischen Mustern bemalten Konsole das Retabel mit dem spitzbogigen Sebastiansbild. Das eher einfach ausgeführte Ölgemälde zeigt den Heiligen stehend an einen Baum gebunden und von Pfeilen durchbohrt. Im Feld unter dem Gemälde ist zu Lesen «Hl. Sebastian, bitte für uns».

Verbreitete
 Verehrung

Sebastian gehört zu den populärsten christlichen Märtyrern. Sein Verdienst war es, dass er sich als römischer Soldat im frühen 4. Jahrhundert zum Christentum bekannte, sich für die von den Römern verfolgten Christen einsetzte und deshalb vom römischen Kaiser Diokletian zum Tode durch Pfeil und Bogen verurteilt wurde. Sebastian ist einer der Pestheiligen, wird zum Schutz vor allerlei Krankheiten und Seuchen angerufen und gilt zudem als Schutzpatron der Brunnen. In zahlreichen katholischen Kirchen der Zentralschweiz sind Sebastiansdarstellungen an prominenter Stelle anzutreffen.

Hinweis
Mit «Hingeschaut» gehen wir wöchentlich Fundstücken mit kulturellem Hintergrund und Zuger Bezug nach.