Ein Kreuz zog Tausende in den Bann

HINGESCHAUT: Das grosse Kruzifix im Kloster Heiligkreuz in Lindencham hat eine wechselvolle Geschichte, auch wenn es seinen Ort nie verlassen hat. Seit Jahrhunderten fanden und finden Menschen hier Hoffnung und Trost.

Andreas Faessler
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Ausdrucksstark: das verehrte Kreuz in der Klosterkirche in Lindencham. (Bild: Stefan Kaiser, 30. November 2018)

Ausdrucksstark: das verehrte Kreuz in der Klosterkirche in Lindencham. (Bild: Stefan Kaiser, 30. November 2018)

Noch heute ist die kleine Seitenkapelle der Klosterkirche Heiligkreuz in Lindencham Ziel vieler Menschen, die hier zu allen Tageszeiten für einen Moment die Stille suchen, beten, vielleicht einen Wunsch oder Dankesspruch ins aufgelegte Buch notieren. Der kleine Raum mit schlichtem Kreuzgewölbe birgt das eigentliche «Herzstück» des Benediktinerinnenklosters, ein barockes Kruzifix aus Lindenholz. Die Autorin Ida Lüthold-Minder († 1986) und der Kapuzinerpater Anselm Keel († 2008) haben die Geschichte des Lindenchamer Kreuzes aufgeschrieben, dessen Ursprung in alter Zeit liegt, als am Weg nach St. Wolfgang unter grossen Linden bereits ein kleines Bartholomäuskapellchen existierte, wo die Vorbeikommenden gleichwie Mühselige und Beladene ein kleines Christuskreuz innig zu verehren pflegten.

Es war wohl in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, als der damalige Besitzer der nahen «Unteren Mühle», ein angesehener «Kilchmeier» namens Johann Hausheer, aus frommen Motiven heraus der Kreuzverehrung bei der gar kleinen Bartholomäuskapelle grössere Bedeutung verschaffen wollte. Sein Plan: ein grosses Kruzifix anfertigen und eine entsprechend grössere Kapelle eigens dafür bauen zu lassen. Er stellte ein Gesuch beim Zuger Stadtrat – Lindencham war seinerzeit als Teil der Vogtei Cham der Stadt unterstellt.

Die Gottesmutter führt des Meisters Hand

Der Bau wurde gewährt, und (vermutlich) um 1707 wurde das neue Kirchlein gebaut, Hausheer trat gleich selbst als Baumeister in Erscheinung. Dem Kilchmann wurde ein gewisser Holzbildhauer Caspar Pfyl aus Goldau empfohlen, der wohl imstande war, ein so grosses Kruzifix in würdiger Gestalt auszuführen. Der herbeigerufene Pfyl soll – voller Ehrfurcht angesichts einer solchen Aufgabe – gebetet haben, dass die Gottesmutter beim Schnitzen seine Hand führen möge. Auch im nahen Kloster Frauenthal soll er beim dortigen Geistlichen um Rat ersucht haben. Spirituell gestärkt hat der Goldauer schliesslich seine Arbeit vollendet. Von den wachsenden Wirren des Zweiten Villmerger Krieges überschattet, wurde das neue Kreuz ohne grosse Feierlichkeiten in der frisch erbauten Kapelle aufgestellt. Ein Ratsprotokoll der Stadt Zug von 1711 erwähnt erstmals eine Kapelle «zum Heiligen Kreuz» in Lindencham. Die politischen Unruhen und die dadurch steigende Armut, Krankheiten und allerlei Nöte veranlassten immer mehr Menschen zur Wallfahrt nach Lindencham. Bald notierte man zahlreiche Erhörungen. Der Pilgerstrom wuchs.

Von der Kapelle zur Wallfahrtskirche

Kaum zehn Jahre nach dem Bau der neuen Kapelle musste diese bereits vergrössert werden, weil der Raum dem Ansturm der Gläubigen nicht mehr gewachsen war. Bald plante Hausheer eine Wallfahrtskirche für das Kreuz, wofür er sowohl von der Stadt Zug als auch vom zuständigen Bischof von Konstanz die Zustimmung erhielt. Unter der Leitung von Baumeister Hans Jakob Bossard entstand die Kirche, die im August 1730 feierlich ihrer Bestimmung übergeben werden konnte. Seither ist der Pilgerstrom nach dem «elenden Kreuz» zu Lindencham nie versiegt – die Erhörungsmeldungen und Wunderberichte häuften sich. Eigens zur Betreuung der Wallfahrtsstätte wurde neben der Kapelle ein Sigristenhaus errichtet.

Nach der Aufhebung des Klosters Baldegg um 1857 kamen die aus Cham stammende Oberin Sr. Ottilia Kaufmann sowie einige Mitschwestern und deren Lehrtöchter nach Zug. Man quartierte sie im Haus bei der Wallfahrtskirche ein – es war die «Geburtsstunde» der späteren Heiligkreuz-Schwestern. Die Wallfahrtskapelle wurde zur Klosterkirche und diese um 1868 neu gebaut. Das vielverehrte Kruzifix versah man – dem Zeitgeschmack entsprechend – mit einer Art neogotischem Retabel und stellte es gegenüber der Kanzel auf. Die Klostergemeinschaft wuchs, und um 1933 wurde die Wallfahrtskirche schliesslich vom Schwyzer Architekten Clemens Steiner mit dem heutigen Bau ersetzt, wo das Kreuz seinen endgültigen Platz in besagter Seitenkapelle erhielt.

Meisterhaft und ausdrucksstark

Mehrere Ex-Voto-Täfelchen sowie Erhörungsschriften werden in der Kapelle mit aufbewahrt. Beim Betrachten des Kruzifixes mag man nachvollziehen, dass der Gekreuzigte über Jahrhunderte die Gläubigen in seinen Bann zog: So meisterhaft ist die dornenbekrönte Christusfigur mit goldenem Lendenschurz ausgeführt, so ungemein ausdrucksstark das leidende Gesicht. Die schieren Massen an hervorquellendem Blut aus den fünf Wunden mögen übertrieben scheinen, doch war diese Darstellung damals verbreitet, um zu untermauern, wie kostbar das vergossene Blut Christi ist.

Mit «Hingeschaut» gehen wir wöchentlich Fundstücken mit kulturellem Hintergrund und Zuger Bezug nach.