Ein Chorkonzert, von der Ostkirche inspiriert

Die Cantori contenti konzertierten am Wochenende zweimal: in der St.Oswaldskirche in Zug und in der Pfarrkirche St.Martin in Baar. In Letzterer knüpfte das orthodox geprägte Programm quasi an einstige Gepflogenheiten an.

Jürg Röthlisberger
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Unter der Leitung von Davide Fior gaben Cantori contenti ein orthodox gefärbtes Konzert. Hier in der Pfarrkirche St. Martin in Baar. (Bild: Christian Herbert Hildebrand, 15. September 2019)

Unter der Leitung von Davide Fior gaben Cantori contenti ein orthodox gefärbtes Konzert. Hier in der Pfarrkirche St. Martin in Baar. (Bild: Christian Herbert Hildebrand, 15. September 2019)

Es begann mit dem örtlichen und zeitlichen Rahmen: Besonders im Turmbereich erinnert die St.Martinskirche in Baar an die Bauten der Ostkirche. Unvergessen ist auch das Jahrzehnte lange Wirken des 2006 verstorbenen Victor Kaufmann, der mit dem Baarer Vokalensemble, den Kirchenchören und der Choralschola immer wieder das Kulturgut der Orthodoxen zum Klingen gebracht hat. Im Vergleich wirkte das Programm der Cantori contenti unter der Leitung von Davide Fior fast wie eine Fortsetzung oder Wiederaufnahme.

Ein einziger undatierter anonymer Hymnus wurde zu Beginn des Programms vom Bass-Solisten Fedor Tarasov präsentiert. Die sich wiederholenden Motive beschränkten sich auf einen Gesamt-Tonumfang von bloss einer Sexte. Dann folgten aber Chorwerke verschiedener Komponisten vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Sie alle orientierten sich textlich und melodisch mehr oder weniger an der traditionellen Liturgie. Aber sie vermischten diese aus persönlicher Inspiration oft fast bis zur Unkenntlichkeit mit den Stilprinzipien der jeweiligen Zeitepoche. Trotzdem waren die byzantinischen Gesänge mehr als bloss Ausgangspunkt. Zwei der Komponisten sind sogar aus ursprünglich fremdem Kulturkreisen später aktiv der Orthodoxen Kirche beigetreten, nämlich Arvo Pärt (geb. 1935), so wie John Tavener (1944-2013).

Intonation ist und bleibt exakt

Es ist ein langer Weg, den die Cantori contenti von der Chrööpflimee-Gruppe im Jahre 1984 bis heute zurückgelegt haben. Der jetzige Dirigent Davide Fior übernahm 2017 einen Chor, der schon einiges an Stimmbildung geleistet hatte, und der für das Singen in verschiedensten Sprachen geschult war. Ausgezeichnet gelang die Intonation. Sie blieb auch unter erschwerten Bedingungen exakt, wenn beispielsweise das weitentfernt spielende Begleitinstrument für die Singenden kaum hörbar war, oder wenn die einzelnen Stimmgruppen durchmischt standen.

Überzeugend wirkte die Homogenität innerhalb der einzelnen Register. Ein Spezialkompliment gebührt dabei dem Sopran, welcher oft in extreme Lagen hochzusteigen hatte. Die relative zahlenmässige Untervertretung des Tenors wurde geschickt kompensiert, und die Abrundung des Klanges blieb auch gewahrt, wenn einzelne Stimmgruppen – besonders häufig der Sopran – innerhalb des Registers noch zusätzlich unterteilt waren. Kaum jemand im Publikum verstand wohl ohne Übersetzungshilfe die altslawische Kirchensprache. Sie erschien aber in der Diktion sicher eingeübt und in sich abgerundet. Etwas mehr Prägnanz hätte man allerdings dem einzigen deutschen Text – Antiphonen von Arvo Pärt – gewünscht.

In jeder Hinsicht souverän wirkte der Beitrag des Zuger Cellisten Jonas Iten. Prägnant und mit viel Formgefühl präsentierte er das «Sonaten-Fragment Opus 134» von Sergej Prokofjew. Sicher ins Gesamtprogramm integriert wurde die «Lamentatio» von Giovanni Sollima (*1962), die an den Völkermord gegenüber der christlichen armenischen Minderheit erinnerte. Die selten vorkommende Kombination Solocello – gemischter Chor liess bei den Vokalquartetten von Anton Arenski (1861-1906) auch dessen Vorliebe für das gewählte Begleitinstrument zur Geltung kommen.

Choreografische Ergänzungen

Wie bei einigen anderen Chören besteht auch bei den Cantori contenti eine zunehmende Tendenz, die Gesangsdarbietungen choreografisch zu ergänzen. Der Einzug des Chores erfolgte während des Solovortrags des Bassisten. Das Vaterunser von Nikolai Kedrov (1871-1940) wurde teilweise, und das «Svyati» von John Tavener ganz unsichtbar für das Publikum vorgetragen. Am Schluss des Konzerts begann darum der Applaus zunächst recht zögerlich, und er weitete sich erst allmählich zu der für die Gesamtleistung verdienten Lautstärke aus.