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Zuger Sagen: Von einer Adelsfrau, die Trüschenleber ass

Einst soll auf der Burg Zug eine unersättliche Dame geherrscht haben, deren eigene Gier sie ins Verderben trieb. Diese Sage lässt sich mit wenig Aufwand weitgehend «entzaubern». Doch zeigt sie schön auf, was alles zur Legendenbildung beiträgt.
Andreas Faessler
In der Burg Zug soll in uralter Zeit eine habgierige Adlige aus dem Hause Pfullendorf geherrscht haben.

In der Burg Zug soll in uralter Zeit eine habgierige Adlige aus dem Hause Pfullendorf geherrscht haben.

Dass die stolze Burg Zug als mittelalterliches Wahrzeichen der Stadt Schauplatz mehrere Legenden ist, versteht sich fast von selbst – die rund tausendjährigen Mauern haben schon so viel gesehen, so viel erlebt, so viele Menschen beherbergt, gute wie auch böse.

Zu Letzteren gehörte gemäss einer Sage ein besonders garstiges Weib, welches in dunkler Vergangenheit die Zuger drangsalierte. Voller Stolz und überaus habgierig soll sie gewesen sein. Die Ungute entstammte dem Grafengeschlecht der Pfullendorf, welches den Stammsitz in der heutigen gleichnamigen deutschen Gemeinde unweit des Bodensees hatte. Die Zuger nannten die verhasste Burgherrin deshalb die «Pfullendorferin». Zu ihrem reichen Besitz gehörten weite Ländereien und Weinreben im Zürichbiet. Die armen Landleute im Frei- und im Knonaueramt hatten der Burgherrin regelmässig den Zehnten zu entrichten. Zu St. Martini – traditionsgemäss der Tag, an dem Zinsen und Steuern bezahlt wurden – strömten die Bauern nach Zug, um ihrer Pflicht nachzukommen. Schon früh am Morgen – so erzählt die Sage – seien die mit Getreide, Zinshühnern und Fischen beladenen Trosswagen in einer Kolonne gestanden, die bis zur St. Niklausenkapelle am Weg nach Cham reichte.

Die Pfullendorferin lebte in Saus und Braus. Sie liess sich nur den teuersten Wein kredenzen, kostete nur das beste Fleisch vom seltensten Wild und ass am allerliebsten die kostbare Leber der Trüschen. Die überhebliche Adlige verschwendete alles in sündigstem Übermut. Die Pfullendorferin steigerte sich in eine derartige Masslosigkeit hinein, dass sie schliesslich verarmte und die Burg Zug verlassen musste. Als Bettlerin zog sie Richtung Zürich, wo sie kläglich zugrunde ging. Vom Hunger ausgezehrt und vom Ungeziefer zerfressen schied sie aus ihrem einst lasterhaften Leben. Noch heute – so schliesst die Sage – hängt im Rathaus zu Pfullendorf das Bild der gierigen Burgfrau von Zug.

Frauenmangel im Haus Pfullendorf?

Ja, «noch heute ...» – eine Floskel, welche diesen Geschichten zum Schluss noch eine zusätzliche Prise Mystik verleihen soll. Dass aber im Pfullendorfer Rathaus angeblich noch ein Bild dieser «Pfullendorferin» hängt, davon weiss man vor Ort nichts, wie eine Anfrage an entsprechender Stelle ergeben hat. Es würde auch wundern, denn einerseits ist das Geschlecht der Pfullendorf bereits um 1180 ausgestorben, hernach fiel ihr Besitz an die Staufer. Andererseits weiss man nur von einer einzigen historisch bezeugten Frau der Pfullendorfer, namentlich von Ita (ca. 1150-1190), welche mit dem Habsburger-Grafen Albrecht III. verheiratet war. Die beiden waren die Urgrosseltern des Habsburger-Königs Rudolf I. (1218-1291).

Das Rathaus von Pfullendorf birgt einen kunsthistorisch bedeutenden Bilderzyklus mit dreizehn Hinterglas-Wappenscheiben, welche um 1524 anlässlich der Errichtung des Rathauses vom Schaffhauser Künstler Christoph Stymmer angefertigt worden sind. «Da sind zwei allegorische Frauenfiguren zu sehen, die beide nichts mit historischen weiblichen Figuren zu tun haben», weiss der Pfullendorfer Historiker Peter Schramm. «Ansonsten gibt es im gesamten Rathaus kein Gemälde einer adligen Dame und schon gar nicht einer Zuger Herrscherin.»

Der Historiker ist verwundert, wie eine angebliche Pfullendorferin nach Zug gekommen sein sollte, findet aber einen spannenden Ansatz. Er berichtet von einem bezeugten Geschichtsschreiber namens Gallus Öhem († nach 1511 in Konstanz), der in seiner – nach Ansicht Schramms – wenig zuverlässigen Reichenauer Chronik einige Legenden in die Welt setzt, von denen eine auch von einer Gräfin von Pfullendorf erzählt, die angeblich wegen ihrer ungestillten Vorliebe für Trüschenleber fast ihren Gatten in den Ruin trieb. Das sei eine rein erfundene Legende, wie auch andere in Öhems Chronik, so Peter Schramm. Ein Bild dieser fiktiven, Trüschenleber essenden Gräfin hänge heute in Form eines Gemäldes aus dem 18. Jahrhundert im Pfullendorfer Krankenhaus – als eine Art Kuriosum.

Eine Legende auf Wanderschaft

Nach Ansicht des Historikers sind die Parallelen zwischen der Pfullendorfer Version und der Zuger Version dieser gierigen Frauenfigur so augenfällig, dass anzunehmen sei, dass die von Gallus Öhem frei erfundene Geschichte ohne jeglichen historischen Kern von Reichenau aus sowohl nach Norden bis Pfullendorf wie auch nach Süden bis eben nach Zug gelangt ist. «Dann hat es – wie bei Sagen fast üblich – lokale Ausschmückungen gegeben», so Schramm. «In neueren Sammlungen von Sagen wird diejenige der ‹Pfullendorferin› bereits nicht mehr aufgeführt.»

Wahrheitsgehalt sinkt gegen Null

Wir haben hier also ein anschauliches Beispiel, wie stark der Wahrheitsgehalt von Sagen variieren kann und was für Faktoren die Legendenbildung beeinflussen. Wenn schon die Urerzählung weitgehend frei erfunden sein soll, wie kann dann eine daraus abgeleitete, regional weiter ausgeprägte Geschichte noch einen Funken Wahrheit bergen? Schlussendlich sind es aber genau solche Hintergründe, durch welche die Welt der Sagen so geheimnisvoll wie unterhaltsam wird.

Hinweis
In der Serie «Zuger Sagen» stellen wir verschiedene Legenden aus dem Kanton vor. Quellen: Zuger Sagen. Sage, Legände und Gschichte us em Kanton Zug, Maria Greco und Brigitt Andermatt. Victor Hotz Verlag Steinhausen, 2009/Zuger Sagen und Legenden, nacherzählt von Hans Koch, H. R. Balmer Verlag Zug, 1974.

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