«Vorsicht mit Untergangsszenarien»

Der Luzerner Zukunftsforscher Georges T. Roos (56) stemmt sich gegen die Panik bei der Klimawandeldiskussion.

Marco Morosoli
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Der Zukunftsforscher Georges T. Roos in seinem Heim. Bild: Manuela Jans-Koch (Luzern, 22. Dezember 2017)

Der Zukunftsforscher Georges T. Roos in seinem Heim. Bild: Manuela Jans-Koch (Luzern, 22. Dezember 2017)

Die Griechen befragten vor wichtigen Entscheidungen und Fragen zur Zukunft das Orakel. Das bekannteste ist dasjenige von Delphi. Mittlerweile gibt es verlässlichere Parameter, mit denen Zukunftsforscher für das Kommende Voraussagen machen können. Der Luzerner Georges T. Roos ist als Zukunftsforscher schweizweit ein gefragter Mann.

Beim Gespräch mit unserer Zeitung sagt er gleich zu Beginn: «Bei Untergangsszenarien ist in Sachen Klimawandel aus methodischen Gründen Vorsicht geboten.» Allerdings sei der Klimawandel eine der ganz grossen Herausforderungen der Zukunft. Von den Untergangsszenarien nimmt Roos ­hingegen Abstand, weil er als Zukunftsforscher über die methodischen Schwierigkeiten einer Zukunftsprognose weiss. Gerade die atmosphärischen Vorgänge seien so komplex, dass Voraussagen schwierig seien.

Die Prognoseverlässlichkeit steige jedoch kontinuierlich. Roos attestiert, dass Klimamodelle die Realität mittlerweile gut abbilden würden, ein punktgenaues Resultat zu erwarten, sei aber zu viel verlangt. Die positiven Schlüsse für die Zukunft schöpft er aus dem Umstand, dass der «Mensch kreativ, intelligent ist und sich anzupassen weiss». Diese «Werkzeuge» seien jetzt natürlich allesamt gefragt und gefordert.

Einen wichtigen Aspekt in der ­Diskussion über das, was noch kommt, verortet Roos bei einem grossen Adressatenkreis: «Das betrifft uns alle und alles.» Roos nennt hier zum Beispiel die Energiegewinnung. Zu deren Gewinnung weiterhin sorglos Kohle, Erdöl, Erdgas und anderes zu verschwenden, «ohne an ein Morgen zu denken», sei überhaupt keine Option. Vielmehr gäbe es brachliegendes und beinahe unerschöpfliches Energiepotenzial in der Form von Sonnenenergie, Windenergie und Erdwärme. Das Problem bei vorgenannten Energiequellen liege darin, dass der Produktionsort oft sehr weit von Konsumenten entfernt liege. Das, so Roos, bringe «grosse Herausforderungen in Bezug auf die Speicherung und den Transport der Energie». Technologisch bewege sich derzeit in diesem Sektor sehr viel.

Schrumpfendes Europa und die Szenarien für Afrika

In den Zeiten der Diskussion über den Klimawandel, ausbleibende Schnee­fälle und Hochwasser lenkt Georges P. Roos den Fokus auf ein anderes Problemfeld: Die Bevölkerungsentwicklung. Aufgrund der vorhandenen Modelle schrumpfe in den nächsten Jahrzehnten Europa bevölkerungsmässig, derweil in Asien sowie in Mittel- und Südamerika die Einwohnerzahl noch etwas wachse. Das 20. Jahrhundert, oftmals als das europäische Jahrhundert bezeichnet, wird sich also wohl nicht wiederholen.

Überraschend dabei ist, so der Zukunftsforscher, dass Asien bis 2050 in Prozenten weniger wächst als die «Americas». Der grosse Sprung in Bezug auf die Bevölkerungsentwicklung ist jedoch auf dem afrikanischen ­Kontinent im Gange. Die UN-Bevölkerungsexperten gehen davon aus, dass sich die Bevölkerung in Afrika bis 2050 verdoppelt. Schätzungen gehen davon aus, dass 2017 rund 1,25 Milliarden Menschen auf dem afrikanischen Kontinent gelebt haben. Oftmals haben Europäer auch ein verfälschtes Bild vom Kontinent im Süden von Europa. Um sich seine schiere Grösse zu vergegenwärtigen, ist ein Vergleich hilfreich: Die Umrisse der Länder China, Indien, Frankreich, Spanien, Deutschland und Italien (ohne Sardinien) auf eine massstabsgetreue Karte Afrikas gelegt, haben sogar noch die USA (ohne Alaska und Hawaii) darauf Platz.

In Bezug auf die Verdoppelung der Bevölkerung Afrikas erinnert Roos daran, dass es wichtig sei, dass die Verantwortlichen auf dem alten Kontinent die dortige Entwicklung im Auge behalten. Bei einer wirtschaftlichen, sozialen und politischen positiven Entwicklung werde Afrika zu einem prosperierenden Kontinent. Im anderen Fall werde der Kontinent eine grosse Herausforderung für die Welt. Hierzu gehöre der wachsende Migrationsdruck.

Veränderte Berufswelten und der Einsatz von Robotern

In Bezug auf die Berufswelt ist ebenso mit grossen Veränderungen zu rechnen. Georges T. Roos sagt: «Europa ist hier herausgefordert.» Es seien vordringlich Investitionen im Bereich Humankapital unumgänglich. Dieser Prozess ist eigentlich schon im Gange. Uns heute noch bekannte Berufsbilder wandeln sich oder verschwinden ganz, andere Berufsgattungen werden kreiert. Roos erwartet auch, dass die Automation von Handlungsabläufen in der ­Industrie weiter fortschreiten wird. Die Investition in solche Roboter, so sagt Roos, «wird uns Vorteile bringen». Auch wenn die Robotik leider auch zu militärischen Zwecken genutzt wird. So würden Flugdrohnen ja heute schon als Kriegsinstrument eingesetzt. Der Luzerner spannt den Faden weiter zur vierten industriellen Revolution. Die erste hat dem Menschen die Mechanisierung mittels Wasser- und Dampfkraft beschert, die zweite zeichnet sich durch die Massenanfertigung am Fliessband aus, und die dritte, die digitale, ist derzeit faktisch noch immer im Gange. In den Bereich der Automation respektive der Industrie 4.0 gehört auch die künstliche Intelligenz. Denkverbote scheint es in diesem Segment nicht zu geben, denn Georges T. Roos sagt rundherum: «Es gibt viele Bereiche, in denen die Maschine besser ist als der Mensch.» Ein Beispiel ist, dass die künstliche Intelligenz schon heute Röntgenbilder besser verstehen könne als ein Arzt. Hingegen kann Georges T. Roos mit der Idee eines humanoiden Roboters nichts anfangen: «Das ist nicht zielführend.» Wichtig ist Roos, dass wir der künstlichen Intelligenz nicht die letzte Verantwortung abgeben. Dafür sei der Mensch verantwortlich, bei dem das kritische Denken an die erste Stelle rücke.

Individualisierte Medikamente: Eine Chance für den Kanton Zug

Die sich jetzt abzeichnende Entwicklung könnte auch positiv für den Kanton Zug sein: «Alles was mit der Gesundheit zu tun hat, das wächst.» Mittlerweile ist die Pharmabranche im Kanton ein sehr wichtiger Faktor. Es erstaunt diesbezüglich nicht, dass bei der Liste der grössten Arbeitgeber im Kanton Zug diese Branche obenaus schwingt. Wachstumstreiber sind dabei die Sektoren Biotechnologie wie auch die Verfeinerung der Gentechnik. Roos hat dabei die «individualisierte Medizin» im Kopf. Möglich wäre, dass mittels des aufgeschlüsselten Erbguts des Menschen ein speziell für diese Person abgestimmtes Kopfwehmittel herstellbar wäre. Ein anderer Forschungszweig mit Zukunftscharakter könnte auch der Darm sein. Bekannt ist, dass er beim Menschen zwischen 5,5 und 7,5 Meter lang ist. Ausgebreitet deckt er ungefähr eine Fläche von 32 Quadratmetern ab und rund eine Billion Bakterien sind in ihm anzutreffen. Eine wissenschaftliche Dokumentation des TV-Senders Arte hat den Darm kürzlich als das «zweite Hirn des Menschen» bezeichnet, in welchem noch vieles unentdeckt ist.

Der Zukunftsforscher ist sich wohl bewusst, dass der Austausch von Gesundheitsdaten ein sehr heikles Terrain ist. Geraten solche Datensätze in falsche Hände, könnte das verheerende Folgen haben. Jedoch betont Georges T. Roos, dass in der Medizin nur auf diese Art und Weise Fortschritte erzielt werden können.

Blockchain und die totale Transparenz

Zum Vorteil gereichen könnte dem Kanton Zug auch, dass das Crypto ­Valley innerhalb seiner Gemarkungen liegt. Georges T. Roos hat dabei weniger die verschiedenen Kryptowährungen im Sinne, als vielmehr die Blockchain-Technologie. Mittels dieser verschlüsselten Ketten könnte zum Beispiel ein Diamant «bestückt» werden, der aus einem afrikanischen Land geliefert wird. Jeder Schritt liesse sich hinterher einfacher rekonstruieren. Es wäre die totale Transparenz.

Mittels Blockchain könnten auch Transaktionen jedweder Art abgewickelt werden. In diesem Segment sei, so Roos, der «Kanton Zug gut aufgestellt». Der Beweis für die Zuger Vorreiterrolle zeigt sich auch darin, dass es im Crypto Valley viele Start-ups gibt, welche sich der Verfeinerung der Blockchain-Technologie verschrieben haben.

Cleverness ist, so der Zukunfts­forscher Georges T. Roos, auch bei der Entwicklung im Bereich Verkehr gefragt. Dies, weil die Mobilität stärker wachse als die Bevölkerungszahl. Hier gälte es, in allen Bereichen das Optimum herauszuholen. Autos seien eigentlich gar keine Fahrzeuge, weil sie ja rund 90 Prozent ihrer Gebrauchszeit herumstehen würden. Mit autonomen Fahrzeugen werde sich die Grenze zwischen Individualverkehr und öffentlichem Verkehr auflösen, falls wir darunter intelligente Sammeltaxis verstehen und nicht jeder sein autonomes Auto hat. Georges T. Roos fügt dann an: «Der weitere Ausbau des S-Bahn- und Intercity-Angebots wird aber nicht überflüssig, weil die Bahn auch in Zukunft das leistungsstärkste Transportmittel sein wird.

Nur in Dingen, die mehr oder weniger politisch verquickt sind, hält sich Georges T. Roos mit Aussagen zurück. Er sagt jedoch: «Eine Abschottung würde der Schweiz sehr schaden. Es wäre dumm, den Ast abzusägen, auf dem wir sitzen.» Diese Ansage nährt sich für Roos aus dem Umstand, dass die Schweiz jeden zweiten Franken im Ausland verdient.» Trotz aller erwähnten Problemfelder ist Georges T. Roos zuversichtlich: «Angst ist ein schlechter Ratgeber. Gewisse Sorgen sind verständlich, wir müssen uns einfach damit auseinandersetzen.»

Hinweis: Mehr über die Zukunftsforschung finden Sie unter: www.netzwerk-zukunft.ch; www.swissfuture.ch; www.kultinno.ch